EHK 2001; 50(12): 812-816
DOI: 10.1055/s-2001-19598
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Karl F. Haug Verlag, in: MVH Medizinverlage Heidelberg GmbH & Co. KG

Entgiftungsstrategien für die Leber

M. Diefenbach
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Publication Date:
17 January 2002 (online)

Einleitung

25 % des Herzminutenvolumens gelangen als arterielles und Pfortaderblut in die Leber und werden über eine riesige Oberfläche an den Hepatozyten vorbei gespült. Je nach räumlicher Lage und enzymatischer Ausstattung werden Sauerstoff, Nahrung, Gifte und Hormone aus dem Blut aufgenommen und entsprechend versorgt.

Besonders wichtige Reaktionen finden in den periportalen Hepatozyten statt, wo ein besseres Sauerstoffangebot herrscht. Dazu gehören z.B. die Entgiftung von Ammoniak und die Glukoneogenese. Die Glykolyse findet man dagegen in den perivenösen Hepatozyten.

Andere Reaktionen werden erst dann induziert, wenn ein entsprechendes Substrat vorliegt. Die Aktivität des P 450-Enzymsystems kann z.B. durch lipophile Stoffe angeregt werden. So können diese durch Oxidation mit anschließender Konjugation an Glucuronsäure in eine wasserlösliche Form überführt werden. Da dieses System zwangsläufig relativ unspezifisch ist, kann eine solche Induktion auch den Abbau anderer Substanzen, u.a. Arzneimittel, beschleunigen.

Welche Reaktionen in der Leber ablaufen, wird im wesentlichen durch die Konzentrationen der Stoffwechselprodukte im Blut und von Hormonen reguliert. So stellt die Leber sicher, dass die Organe über das Blut ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden, Nahrung gespeichert wird und Schlacken entgiftet werden.

Je nach Ernährung, besonderer Belastung oder Erkrankung werden unterschiedliche Anforderungen an die Leber gestellt, die sie manchmal überfordern. Eine Überlastung der Leber kann sich vielfältig auswirken. Es kann zu Störungen im Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt, der Stoffwechselversorgung und der Entgiftung kommen. Die Folgen sind chronische Beschwerden unterschiedlichster Art.

Die Leber wird gerne als das Entgiftungsorgan des Körpers bezeichnet. Um aber zu verstehen, was Entgiftung heißt, sollte man zunächst überlegen, was giftig ist. Nach üblichem Verständnis sind Gifte die Stoffe, die bereits in geringen Dosen zu Schäden führen, und deren Schaden ihren Nutzen übersteigt. Aber auch nützliche Substanzen können Gifte sein; - zur falschen Zeit, - in der falschen Dosis, - am falschen Ort. Als giftig in diesem Sinne kann auch das Fehlen von notwendigen Substanzen betrachtet werden. Mit diesem Hintergrund kann man die Entgiftungsaufgabe der Leber generell als das Einstellen der notwendigen Konzentrationen von Stoffen verstehen. Dann gehören auch der Zucker- und Fettstoffwechsel wie der Harnstoffzyklus zur Entgiftung. Und genau das ist die Aufgabe der Leber, für die richtigen Konzentrationen im Blut zur Versorgung und Entsorgung der anderen Organe und Körperzellen zu sorgen.

Mit ca. 1,5 kg Gewicht und einer Durchblutung von etwa ¿ des Herzminutenvolumens ist die Leber der metabolische Motor des Menschen und dient der Versorgung aller Organe. In der Leber werden die aus dem Darm aufgenommenen Nährstoffe verarbeitet und je nach Bedarf in die Organe und Speichergewebe verteilt, sowie Stoffwechselschlacken und Toxine aufbereitet und entgiftet. Darüber hinaus ist die Leber ein Stellglied der Regulation von Säurebasenhaushalt und Elektrolythaushalt und beeinflusst über die Gallensäuren die Fettresorption aus dem Darm.

Die Membran zwischen Blut und Leber weist einen sehr hohen Porenanteil auf, durch welche sogar Makromoleküle wie Albumin, das in der Leber synthetisiert wird, durchtreten können. Das bedeutet auch, dass die Leberzellen für die meisten Fremdstoffe leicht zugänglich sind. In der Leber werden arterielles und Pfortaderblut über die riesige Oberfläche der Hepatozyten, die in vielen, gleich aufgebauten funktionellen Einheiten angeordnet sind, vorbei gespült. Durch diesen anatomischen Aufbau der Leberläppchen (vgl. [Abbildung 1]) wird auch die Funktion der Leberzellen bestimmt. Im sauerstoffreichen, periportalen Bereich finden vor allem oxidative Reaktionen statt, im perivenösen, sauerstoffarmen Bereich dagegen reduktive Reaktionen. Entsprechend dieser räumlichen Lage und der enzymatischen Ausstattung werden Sauerstoff, Nahrung, Gifte und Hormone aus dem Blut aufgenommen und von spezialisierten Leberzellen verarbeitet. Bevorzugte Reaktionen, wie z.B. die Entgiftung von Ammoniak, finden in den periportalen Hepatozyten statt. Auf diese Weise kann zur Entgiftung auf ein höheres Sauerstoffangebot zurückgegriffen werden. Auch die Glukoneogenese, in der die anaerob gebildete Milchsäure abgebaut wird, findet in den periportalen Hepatozyten statt, die Glykolyse dagegen in den perivenösen.

Abb. 1: Schematische Darstellung eines Leberazinus

Welche Reaktionen in der Leber ablaufen, wird im wesentlichen durch die Konzentrationen der Reaktanden im Blut und von Hormonen reguliert. Über die Anordnung bestimmter Stoffwechselprozesse in den Zonen 1 bis 3 wird eine Gewichtung der Reaktionen über das verfügbare Sauerstoffangebot erzeugt. Je nach Nahrungsaufnahme sind unterschiedliche Konzentrationen an Fetten, Zuckern und Aminosäuren im Pfortaderblut enthalten, die so umgewandelt werden, dass eine möglichst konstante Menge im venösen Blut die Leber verlässt. Die Glukosekonzentration im Blut und der Insulinspiegel entscheiden z.B. darüber, ob Nahrungszucker, Proteine oder organische Säuren zu Glykogen verarbeitet werden (gespeichert) oder über die Vena hepatica an den Körper weitergeleitet werden sollen.

Das gleiche Prinzip gilt auch für Entgiftungsreaktionen, wobei es hier darauf ankommt, die Konzentrationen der betreffenden Substanzen möglichst gering zu halten. Zu den Giften zählen alle endogenen und exogenen Substanzen, die den Stoffwechsel in bestimmten Konzentrationen beeinträchtigen. Bei vielen exogen zugeführten Giften, u.a. auch Arzneimitteln, müssen die entsprechenden Enzyme erst aktiviert oder sogar synthetisiert werden. Das Prinzip der Induktion von „Abwehrenzymen” ist in der Wirkung vergleichbar dem Immunsystem.

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