Psychiatr Prax 2001; 28: 73
DOI: 10.1055/s-2001-17787
EDITORIAL
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© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Die gesundheitsökonomische Evaluation der Schizophreniebehandlung im europäischen Kontext

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Publication Date:
15 October 2001 (online)

Die Entwicklung und die internationale Standardisierung neuer Verfahren zur Messung der Ergebnisse und der Kosten medizinischer Versorgungsleistungen gewinnt in den letzten Jahren auch im Bereich der Psychiatrie eine wachsende Bedeutung [1] [2]. Grund dieser Entwicklung ist einerseits die prekäre Finanzsituation im Gesundheitswesen und andererseits ein sich stark veränderndes Spektrum psychiatrischer Behandlungsmaßnahmen sowie ein sich veränderndes Verständnis der Rolle des Patienten [3] und der Rolle von Familienangehörigen [4] bei der Beurteilung des Erfolges von psychiatrischen Behandlungsmaßnahmen. Die Behandlung psychischer Erkrankungen umfasst heute ein breites Spektrum von Maßnahmen, die sich weit über den eigentlichen medizinischen Bereich hinaus auf nahezu alle Lebensbereiche der betroffenen Personen erstrecken [5]. Obwohl die Beeinflussung der primären Krankheitssymptome und die Rückfallprophylaxe durch Medikamente im Rahmen dieser Behandlung nach wie vor einen zentralen Stellenwert einnehmen, besteht eine weitgehende Einigkeit darüber, dass insbesondere bei chronischen Krankheitsverläufen der Vermittlung alltagspraktischer und sozialer Kompetenzen, der beruflichen Rehabilitation, der Unterstützung im Wohnbereich sowie im Bereich der Tagesstrukturierung bzw. der Freizeitgestaltung eine mindestens gleichrangige Bedeutung zukommt. Hinsichtlich der Einbeziehung des Patienten in die Beurteilung der Wirksamkeit von Behandlungs- bzw. Versorgungsmaßnahmen zeichnet sich eine zunehmende Veränderung von der eher passiven Rolle des Berichtens von Zuständen (wie z. B. bei der Erfassung der Symptomatik) hin zu einer eher aktiven Rolle des subjektiven Beurteilens (wie z. B. bei der Erfassung der subjektiven Lebensqualität) ab. In ähnlicher Weise werden heute auch die Familienangehörigen von Personen mit psychischen Erkrankungen als kompetente Experten für den Bedarf und die Beurteilung der Wirksamkeit von Versorgungsmaßnahmen angesehen.

Im Rahmen der folgenden Darstellung sollen Instrumente vorgestellt werden, welche die oben dargestellte Entwicklung für den Bereich schizophrener Erkrankungen exemplarisch widerspiegeln. Alle Instrumente wurden im Rahmen des europäischen Kooperationsprojektes „European Psychiatric Services: Inputs Linked to Outcome Domains and Needs” (EPSILON) des BIOMED-2-Förderprogramms der EU [6] entwickelt und im Rahmen des Projektes „Kosten-Effektivitäts-Analyse psychiatrischer Versorgungssysteme im europäischen Vergleich” des Forschungsverbundes Public Health Sachsen ins deutsche übertragen und in dieser Form erstmalig im deutschen Sprachraum angewendet.

In den Beiträgen dieses Sonderheftes werden die methodischen Grundlagen des Projektes „Kosten-Effektivitäts-Analyse psychiatrischer Versorgungssysteme im europäischen Vergleich” sowie die im Rahmen dieses Projektes für den deutschen Sprachraum adaptierten Instrumente vorgestellt. In den Einzelbeiträgen werden die Ergebnisse der Überprüfung der psychometrischen Eigenschaften der deutschsprachigen Versionen berichtet und mit den Ergebnissen für die übrigen europäischen Sprachversionen dieser Instrumente verglichen. Im letzten Beitrag erfolgt die Anwendung des Instrumentariums im Rahmen einer Analyse der Strukturen und der Einflussfaktoren der Kosten der Behandlung schizophrener Erkrankungen. Auch hier werden die Ergebnisse mit den Ergebnissen einer europäischen Vergleichsstudie, die im Rahmen des EPSILON-Projektes durchgeführt wurde, verglichen.

Literatur

  • 1 Knapp M, Beecham J. Programme-level and system-level health economics. In: Knudsen HC, Thornicroft G (eds) Mental health service evaluation. Cambridge; University Press 1996: 341-364
  • 2 Beecham J, Knapp M. Costing psychiatric interventions. In: Thornicroft G, Brewin CR, Wing JK (eds) Measuring mental health needs. London; The Royal College of Psychiatrists 1992: 163-183
  • 3 Ruggeri M, Tansella M. Individual patient outcomes. In: Knudsen HC, Thornicroft G (eds) Mental health service evaluation. Cambridge; University Press 1996: 281-295
  • 4 Schene A H, Tessler R C, Gamache G M. Caregiving in severe mental illness. In: Knudsen HC, Thornicroft G (eds) Mental health service evaluation. Cambridge; University Press 1996: 296-316
  • 5 Häfner H, an der Heiden W. Evaluation of care for the disabled mentally ill: Theoretical issues.  Eur Arch Psychiatr Neurol Sci. 1989;  238 179-184
  • 6 Becker T, Knapp M, Knudsen H C, Schene A H, Tansella M, Thornicroft G, Vásquez-Barquero J L. and the EPSILON Study Group . Aims, outcome measures, study sites and patient sample. EPSILON Study I.  Br J Psychiatry. 2000;  177 (suppl 39) S1-S

Reinhold Kilian
Matthias C. Angermeyer, Leipzig

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