Erfahrungsheilkunde 2001; 50(8): 468-471
DOI: 10.1055/s-2001-16650
Originalia

Karl F. Haug Verlag, in MVH Medizinverlage Heidelberg GmbH & Co. KG

Neurobiologische Effekte und psychische Auswirkungen des Fastens

Gerald Huether
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Publication Date:
27 August 2001 (online)

Zusammenfassung

Vorübergehende, freiwillige Einschränkungen der Nahrungsaufnahme, sog. Fastenperioden, werden seit altersher von Menschen der verschiedensten Kulturkreise benutzt, um ein Gefühl innerer Harmonie und erhöhter Sensibilität zu erzeugen, Ängste abzubauen und sich so stärker in andere Menschen und andere Vorstellungen hineinversetzen zu können. Vor allem im Rahmen religiöser oder spiritueller Rituale wird das Fasten eingesetzt, um das Erreichen transzendentaler Bewusstseinszustände zu erleichtern. Selbst so lange tradierte religiöse Gebräuche wie unsere vorösterliche Fastenperiode scheinen auf der intuitiven Erfahrung der durch Nahrungsrestriktion ausgelösten psychischen Effekte des Fastens zu beruhen.

Ergebnisse tierexperimenteller Untersuchungen bieten eine Erklärung für diese durch mehrtägiges Fasten ausgelösten psychischen Effekte.

Wenn Versuchstiere nur mit der Hälfte der Nahrungsmenge gefüttert werden, die sie normalerweise täglich zu sich nehmen, lassen sich nach einigen Tagen in ihrem Gehirn Veränderungen feststellen, die man bisher nur nach der Verabreichung bestimmter psychoaktiver, bewusstseinsverändernder Drogen beobachtet hatte: Ähnlich wie nach der Einnahme von substituierten Amphetaminen kommt es auch beim Fasten zu einer vermehrten Produktion und Freisetzung des Neurotransmitters Serotonin. Zusätzlich wird die Wiederaufnahme des ausgeschütteten Serotonins durch eine Herabregulation der Dichte von Serotonintransportern vermindert und auf diese Weise ein ähnlicher Effekt ausgelöst, wie nach der Einnahme der als „Glückspillen” propagierten Serotoninwiederaufnahmehemmer. Beide Effekte zusammen führen so gewissermaßen zu einer „Überflutung”des Gehirns mit Serotonin und damit zu einer Verstärkung der Wirkungen dieses weitverzweigten Transmittersystems, das in besonderer Weise an der Globalisierung und Harmonisierung der in räumlich getrennten, lokalen neuronalen Netzen generierten Aktivitäten beteiligt ist und daher eine zentrale Rolle bei der Regulation von Stimmungen und Affekten spielt.

Es dauert etwa 2 Tage bis diese Veränderungen des serotonergen Systems voll ausgeprägt sind. Sie sind bei jungen Tieren leichter auslösbar als bei älteren und gehen mit einer „Fasten-induzierten Anorexie” sowie einer allgemeinen Verhaltensaktivierung einher. Vermutlich führen diese zentralnervösen Effekte neben den bereits bekannten fasteninduzierten metabolischen und endokrinen Umstellungen zur Verbesserung der regulatorischen Potenz des Organismus und tragen auf diese Weise zur Gesunderhaltung und Verlängerung der Lebensspanne nicht nur von Versuchstieren bei.

Abstract

Temporary, voluntary limitations of the food intake, so-called fasting periods, have been used for ever by people of various cultures, to generate a feeling of inner harmony and increased sensibility in order to reduce fear and to be able, to put oneself in the position of other people and of other ideas. Fasting is especially used within the framework of religious or spiritual rituals, in order to make it easier to reach transcendental states of consciousness. Even such a long tradition, like our religious customs of a fasting period immediately before Easter, seems to be based on the intuitive experiencing of the psychic effects of fasting caused by food restriction.

Results of experiments with animals offer an explanation for the psychological effects, which are caused by a fasting period of several days.

When the experimental animals receive only 50 % of their normal daily food intake, changes can be determined in their brain after a few days, which have been observed so far only after the administration of specific psychoactive, consciousness-altering drugs. During fasting, there is an increased production and release of the neurotransmitter serotonin, which resembles the situation after the intake of substituted amphetamines. Additionally, the reabtake of the released serotonin is reduced by regulating down the density of serotonin carriers, and this causes a similar effect as it is the case after the intake of the serotonin reabsorption inhibitors which are propagated as “happiness pills”. Both effects together lead to a “flooding”of the brain with serotonin and therefore to an intensification of the effects of this widely branched transmitter system. This system is in a special way involved in the globalization and harmonization of the activities, which are generated in the physically separated, local neuronal networks and which therefore plays a central role in the regulation of moods and affections.

It takes about 2 days, until these changes of the serotonergic system are fully developed. They can more easily be triggered in young animals than in older animals and are accompanied by an “anorexia induced by fasting” as well as by a general activation of behavior. Presumably, these central nervous effects lead in addition to the known metabolic and endocrinal changes, which are induced by fasting, to an improvement of the regulatory potency of the organism, and therefore they contribute to the preservation of health and prolongation of the span of life not only of experimental animals.

Literatur

Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. G. Huether

Psychiatrische Klinik und Poliklinik der Universität Göttingen

von Siebold Str. 5

37075 Göttingen

Email: ghuete@gwdg.de

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