Fortschr Neurol Psychiatr 2001; 69(SH1): 39-44
DOI: 10.1055/s-2001-15935
Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Prof. Dr. Paul Vogel - Repräsentant der klinischen Neurologie

B. Neundörfer
  • Neurologische Klinik mit Poliklinik der Universität, Erlangen - Nürnberg
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
31.Dezember 2001 (online)

Paul Vogel (Abb. [1]) wurde am 15. 4. 1900 in Gröbzig in Anhalt geboren. Er verbrachte Kindheit und Schulzeit in seiner engeren Heimat Anhalt und bestand 1918 in Köthen das Abitur. Nach einem Semester der Jurisprudenz wandte er sich dem Studium der Medizin zu, das er in Marburg und Leipzig absolvierte. Der Ophthalmologe Jäger aus Heidelberg weist mit Recht in seinem Nachruf auf Paul Vogel darauf hin, dass dieser zweifellos auch ein glänzender Jurist geworden wäre, denn das Plädoyer eines Staatsanwaltes oder eines Rechtsanwaltes hätte nicht logischer und in die Biographie eines Delinquenten einfühlsamer vorgetragen werden können, als die Analyse einer Krankengeschichte in einer seiner über die Tore Heidelbergs hinaus berühmten Vorlesungen.

1923 legte Paul Vogel die ärztliche Prüfung in Leipzig ab und promovierte 1924 bei dem Physiologen Gildemeister daselbst mit dem Thema „Die Bestimmung der Chronaxie am Nervmuskelpräparat des Frosches und ihr Verhalten während der Curarinvergiftung” [1]. Dort in den physiologischen Labors Gildemeisters erhielt Vogel die Grundlage für exaktes, naturwissenschaftlich geprägtes Denken und Vorgehen, die all seine wissenschaftlichen Publikationen, Vorträge und nicht zuletzt seine brillianten Vorlesungen geprägt haben, auch dann, wenn er aus dem Darwin'schen Konzept des strengen Dualismus von Physis und Psyche ausgebrochen ist.

Der Weg Vogels zur Neurologie wurde offensichtlich gebahnt durch das Erlebnis der neurologischen Vorlesungen von Strümpell, denn anlässlich eines Fackelzuges, den ihm im Jahre 1968 die Studenten in Heidelberg veranstalteten, führte Vogel aus: „… die Gunst der Umstände, die mir schon in meinen klinischen Studienjahren Adolf Strümpell zum Lehrer gab. Seine Vorlesungen haben in mir die Neigung zur Neurologie entstehen lassen, und sein Lehrbuch, unübertroffen in der anschaulichen Schilderung der neurologischen Krankheitsbilder, ist mir bis heute der ständige Begleiter bei der Vorbereitung meiner Kollegstunden geblieben.”

Die ersten Assistenzjahre im nervenfachärztlichen Gebiet verbrachte Vogel bei so glänzenden Vertretern des damals noch nicht getrennten Faches, wie Kleist in Frankfurt und Schröder in Leipzig. Bestimmend für seinen weiteren Lebensweg waren jedoch dann 6 Assistenzjahre bei Viktor von Weizsäcker in Heidelberg an der Nervenabteilung der damals unter der Leitung von Ludolf von Krehl stehenden medizinischen Klinik. Vogel hatte eine in der Zeitschrift „Kreatur” von von Weizsäcker zusammen mit Martin Buber publizierte und von beiden analysierte Krankengeschichte gelesen und sich davon so begeistern lassen, dass er sich sofort bei von Weizsäcker um eine Assistentenstelle bewarb und sie auch zugeteilt bekam. In Heidelberg habilitierte er sich im Jahre 1933 mit einer Studie über den Schwindel [12] und wurde 1934 zum apl. Professor ernannt.

1934 übernahm er die Leitung der Neurologischen Abteilung an der Klinik am Hansaplatz in Berlin, die in Parallelität zu den damaligen Verhältnissen in Heidelberg unter Ludolf von Krehl nun in Berlin als Neurologische Abteilung der 1. Medizinischen Universitätsklinik der Charité - deren Leiter war der aus Heidelberg stammende Siebeck - firmierte.

Dort in Berlin unterhielt Vogel fruchtbare Beziehungen außer zum Internisten Siebeck auch zu dem Neuropathologen Spatz und zu dem Neurochirurgen Tönnis, der mit seiner Abteilung unter das gleiche Dach einzog. Ein Produkt dieser vertrauensvollen und fruchtbaren neurologisch-neurochirurgischen Zusammenarbeit dieser beiden Männer war auch die gemeinsame Herausgeberschaft der traditionsreichen „Deutschen Zeitschrift für Nervenheilkunde” und von deren Monographiereihe.

Als Viktor von Weizsäcker 1941 einen Ruf nach Breslau annahm, folgte ihm Paul Vogel als Leiter der Nervenabteilung der Ludolf-Krehl-Klinik, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1968 zur selbständigen Neurologischen Universitätsklinik ausbaute. 1952 war Paul Vogel Dekan der Medizinischen Fakultät in Heidelberg und wurde 1965 zum Ehrenmitglied der „Société Franc¿aise de Neurologie” in Paris, 1975 der „Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie” und 1978 der „Deutschen Gesellschaft für Neurologie” gewählt. Als höchste Auszeichnung empfand er aber, dem in seiner Bescheidenheit öffentliche Ehrungen eigentlich eher zuwider waren, die Verleihung der „Erb-Denkmünze” der Deutschen Gesellschaft für Neurologie im Jahre 1962 (Abb. [2]): war er doch zeit seines Lebens immer ein kämpferischer Verfechter der Selbständigkeit der Neurologie gewesen und dabei auch immer ein Feind der weiteren Aufgliederung und Absplitterung von durch die technische Entwicklung entstandenen Subspezialitäten, weil er der klinischen Neurologie immer den Vorrang eingeräumt hat.

Wie Paul Vogel sein Fachgebiet, die Neurologie, im Reigen der anderen klinischen Disziplinen angesiedelt sah, darüber geben 3 Publikationen aus den Jahren 1964, 1953 und 1955 Aufschluss, wobei in der ersteren mehr die Frage der institutionellen Selbständigkeit der Neurologie, in den beiden letzteren die Besonderheiten des Faches erörtert werden. In dem im Jahre 1964 im Nervenarzt erschienenen Aufsatz „Anspruch und institutionelle Stellung der Neurologie”, der einem Vortrag auf dem Kongress des Gesamtverbandes der Nervenärzte entspricht [59], zeigte Vogel nochmals die historischen Wurzeln des Faches und die Hindernisse, die auf seinem Weg zur Verselbständigung lagen, auf. Einerseits entwickelte sich die Neurologie als eine Spezialität der Inneren Medizin, wie es sich beispielhaft gebunden an die Namen Friedreich, Erb, Hoffmann und von Weizsäcker in Heidelberg vollzog. Andererseits war sie vor allem in Deutschland über viele Jahrzehnte eng an die Psychiatrie gebunden, nachdem es dem Psychiater Griesinger in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Motto „Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten” gelungen war, die Psychiatrie in Deutschland aus dem Ghetto der „Irrenhäuser” in den Schoß der naturwissenschaftlich geprägten akademischen Medizin zu holen. Vogel wies dann darauf hin, dass zwar auch von bedeutenden Psychiatern wichtige Beiträge zur klinischen Neurologie geleistet wurden, er dachte dabei z. B. an die Entwicklung der klassischen Hirnpathologie oder an die Entdeckung des EEGs durch Hans Berger, dass aber die eigentliche fruchtbare Weiterentwicklung in Forschung und Lehre des Faches im deutschen Sprachraum in den aus inneren Kliniken hervorgegangenen speziellen Nervenabteilungen wie in Heidelberg, Hamburg, Breslau, Würzburg und Düsseldorf stattgefunden habe. Mit Genugtuung hebt er auch hervor, dass dort die Neurologie nicht nur zu einer gleichsam dekapitierten Neurologie des Rückenmarkes und der Peripherie geworden sei, sondern dass auch die Hirnpathologie durch die Aufnahme der Ideen von Jackson, Head und Goldstein kräftige Impulse erhalten habe. So sah er die Neurologie im Spannungsfeld zwischen Innerer Medizin und Psychiatrie, was er aber auch als Aufgabe und Chance für einen Brückenschlag zu den beiden Fächern begriff. Dass er sich in seinem Herzen jedoch mehr der Inneren Medizin verbunden fühlte, geht aus dem in diesem Vortrag gemachten Vorschlag hervor, neurologische Abteilungen nicht unbedingt in einem Verbund mit der Psychiatrie und deren Subdisziplinen anzusiedeln - wie es Zutt vorgeschlagen hatte -, sondern in enger Nachbarschaft zur Inneren Medizin mit deren Spezialisierungen bis hin zur psychosomatischen Medizin.

In den beiden anderen Publikationen „Von der Eigenart der Neurologie”, erschienen in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift 1953 [47], und „Grundfragen der klinischen Neurologie”, veröffentlicht in den Verhandlungsberichten der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin 1955 [52], setzt sich Vogel mit der besonderen Vorgehensweise in der neurologischen Diagnostik auseinander, die er in zwei Schritten sich abspielend beschreibt. Die erste Frage, die in der Diagnosestellung zu beantworten ist, ist die Frage nach der Lokalisation des krankmachenden Prozesses, die Frage nach dem „Wo?”, die zweite Frage die nach der Ursache, die Frage nach dem „Was?”, also nach der Art der Erkrankung. Als ein bestimmendes Merkmal der Neurologie sah Paul Vogel das rationale Moment an, das - wie es Ludolf von Krehl einmal ausdrückte - ermöglicht, „in einer verhältnismäßig großen Zahl der Fälle auf dem geordneten Wege pathologisch-psychologischer Betrachtungen das Krankhafte aus einer Störung des Gesunden direkt abzuleiten.” Ein leuchtendes Beispiel für diese auf genauer Kenntnis von Anatomie und Physiologie des Nervensystems beruhenden exakten Lokaldiagnose bei doch auf den ersten Blick verwirrender Symptomatik bot Wallenberg, der bei einem Patienten mit einer später nach ihm benannten Symptomatik voraussagte, dass der Ausfall durch einen Herd in der lateralen Medulla oblongata bedingt sein müsse, wobei er einen Verschluss der Art. cerebelli inferior posterior postulierte. Als der Patient 6 Jahre später starb, wurde diese Vorhersage in der Obduktion völlig bestätigt.

Vogel schränkt aber zugleich den Wert der allein auf die Lokalisation eines Prozesses gerichteten Diagnostik ein, weil damit noch keine Aussage zur Ätiologie - nach dem Was? - gegeben sei. Hierzu bedürfe es der sorgfältigen Anamnese, der Beobachtung des Verlaufes, der Einbeziehung der Untersuchungsbefunde der anderen Organe, wobei er wieder die enge Beziehung zur Inneren Medizin hervorhebt, und der zur Verfügung stehenden modernen technischen Untersuchungsverfahren. Jedoch betonte er immer wieder den Wert der klinischen Erfahrung, die schon Charcot unterstrichen habe, und den einfachen Gebrauch der Sinne, der durch keinen noch so komplizierten technischen Apparat zu ersetzen sei.

Im Hinblick auf die Unterscheidung zwischen einer organisch bedingten und einer psychogenen, hysterischen oder neurotischen Symptomenbildung, weist Vogel darauf hin, dass diese Störungen bei aller Nachahmung organischer Störungen letztendlich doch nicht nach dem Schema der Anatomie und Physiologie des Nervensystemes zu begreifen seien. Vielmehr komme es hierbei darauf an, den Ausdruckscharakter einer solchen Störung zu begreifen, um dadurch zu verstehen, worin die Not des Patienten liege. Er schildert in diesem Zusammenhang die Krankengeschichte einer Frau, die wegen kolikartiger Leibschmerzen schon 9-mal operiert worden war, ohne dass ein sicherer, krankhafter Befund erhoben werden konnte. Als er sie zum ersten Mal im Bett liegend vorfand, lag „sie mit hochgewölbtem, hartgespanntem Leib und angezogenen Beinen, stöhnend über kolikartige Schmerzen, unruhig und vorgeblich leidend, Kopf und Arme hin- und herwerfend, aber seltsam gefasst in der Miene und ohne alle Blässe des Gesichtes”. „Die Patientin lag da wie eine Frau, die sich zum Gebären anschickte”, was dann der Schlüssel für das Verständnis der Erkrankung war. Vogel nimmt gerade diese Beobachtung von psychogenen Symptomenbildungen zum Anlass, um darauf hinzuweisen, dass bei allem Bemühen um übergreifende Gesetzlichkeiten der verschiedenen Krankheitsformen die individuelle Krankengeschichte nicht aus dem Auge gelassen werden darf, da sie jeder Krankheit doch auch ihr eigenes unverwechselbares Gepräge gebe. Er bringt damit einen Faktor ins Gespräch, den Viktor von Weizsäcker die „Einführung des Subjekts in die Pathologie” genannt hat.

Überhaupt beschäftigte Paul Vogel über eine wesentliche Periode seines wissenschaftlichen Arbeitens, angeregt durch Viktor von Weizsäcker, die Frage nach der Beziehung zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen subjektivem Empfinden und objektivierbaren und messbaren Vorgängen. Sein Ansatzpunkt für eine bessere Einsicht in diese Zusammenhänge waren „Schwindelversuche”, die dann auch Inhalt zahlreicher Publikationen und seiner Habilitationsarbeit wurden [2] [3] [4] [5] [8] [9] [12] [63]. Ihre Ergebnisse waren darüber hinaus auch eine wesentliche Grundlage für die Theorien des „Gestaltkreises” von Viktor von Weizsäcker.

Vogel beobachtete, dass bei Versuchspersonen, die in einem optokinetischen Drehrad um den Kopf sich drehende Streifen verfolgten, bei mittlerer Streifengeschwindigkeit ein optokinetischer Nystagmus, eine Wendung des Kopfes und des Rumpfes sowie ein Wandern vorgehaltener Arme in Drehrichtung auftraten, ohne dass der Proband diese Bewegungen des Körpers wahrnahm. Forderte man ihn nun aber auf, einen bestimmten (markierten) der sich drehenden Streifen zu fixieren, dann entstand das Gefühl einer Scheinbewegung entgegen der Drehrichtung des Rades, während in Wirklichkeit jetzt bei der Versuchsperson von außen keine Bewegung mehr wahrgenommen werden konnte. Vogel sah darin ein Modell für psycho-physische Vorgänge, die nicht in einem strengen Dualismus zu sehen sind, sondern durchaus in einem engen Bedingungsgefüge miteinander verknüpft und sogar gleichsam austauschbar sind, wie bei diesen Schwindelversuchen Wahrnehmung und Bewegung.

Schwindel als bedrohliches Erlebnis empfanden die Versuchspersonen erst dann, wenn die Streifenbewegungen so schnell waren, dass sie sie nicht mehr als Einzelphänomen verfolgen konnten, und auch keine weitere Ausgleichsbewegung in Drehrichtung des Rades vorgenommen werden konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Vogel sah darin überhaupt - wie auch z. B. im epileptischen Anfall - ein Paradigma für die Entwicklung krisenhafter Zustände - gleich Krankheit - als Folge einer Störung des Gleichgewichtes zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen Subjekt und Objekt. Dies konnte er auch eindrucksvoll an den Selbstdarstellungen Dostojewskis in dessen Romanschilderungen von Personen mit epileptischen Anfällen, z. B. des Fürsten Myschkin in seinem Werk „Der Idiot” aufzeigen [57].

Unter den klinisch-neurologischen Krankheitsformen haben Paul Vogel im Laufe seines Lebens vor allem zwei Krankheitsbilder besonders beschäftigt und zu mehreren Publikationen Veranlassung gegeben. Merkwürdigerweise liegen - anatomisch und artdiagnostisch gesehen - beide Krankheitsformen sehr weit auseinander. Es handelt sich nämlich um die Hirntumoren und die Erkrankungen der peripheren Nerven, vor allem die Polyneuropathien. Das verbindende Merkmal dieser beiden Krankheitsformen war für Paul Vogel, dass er daran aufzeigen konnte, wie mit den einfachen klinischen Mitteln der Anamnese und klinisch-neurologischen Befunderhebung schon eine sehr differenzierte Diagnostik im Hinblick auf Lokalisation, aber auch sogar auf die Ätiologie betrieben werden kann.

Verweilen wir zunächst ein wenig bei seinen Vorträgen und Arbeiten zur Diagnostik der Hirntumoren, die sich hinziehen von einer ersten Arbeit im Jahre 1936 bis zu einer letzten Publikation im Jahre 1965. Wenn man die Arbeiten aufmerksam liest, dann fällt einem auf, dass hierin scheinbar die technische Entwicklung, die die Medizin, aber auch die neurologische Diagnostik in diesen 30 Jahren durchgemacht hat, praktisch nicht zur Kenntnis genommen wird: Das EEG wird nur ein- oder zweimal in einem Nebensatz erwähnt, das gilt auch für die Liquordiagnostik, bildgebende Verfahren wie Pneumencephalographie und Angiographie werden gar nicht diskutiert. Dies hat aber keineswegs mit der ausgesprochenen Technikfeindlichkeit zu tun, obwohl Paul Vogel immer mit kritischer Reserviertheit der Einführung von neuen Techniken in der Medizin gegenüberstand, weil er die Gefahr der Inhumanisierung, des Verlustes der Arzt-Patienten-Beziehung sah. Vielmehr bemühte er sich um Kriterien für die Früherkennung von Hirntumoren und gab hier mit Recht den Vorrang solchen klinischen Parametern, die auch für den niedergelassenen Arzt Richtschnur sein sollten.

In all seinen Arbeiten zu den Hirntumoren [16] [19] [20] [56] [60] betonte Vogel, dass nicht der querschnittsmäßig erfasste Befund ausschlaggebend sei, sondern wichtige Elemente für die Prognostik der zeitliche Ablauf - und damit die subtile Anamnese - und die Beobachtung der Aufeinanderfolge der Symptome seien. Er wollte im Zeitalter ohne CCT und NMR darauf aufmerksam machen, dass es Symptome gebe, die an einen Hirntumor denken ließen, bevor die Spätsymptomatik des allgemeinen Hirndruckes mit Dauerkopfschmerzen, Erbrechen, Bewusstseinsstörungen und Stauungspapille in Erscheinung treten.

Immer wieder führte Vogel das Akustikusneurinom als ein Beispiel dafür an, dass bei aufmerksamer Anamnese und sorgfältiger klinischer Untersuchung eine Frühdiagnose möglich sei, es müsse nur daran gedacht werden. Als Beispiel zitierte er mehrfach die Krankengeschichte einer 42-jährigen Patientin, die als erstes Symptom eine Hörminderung auf dem linken Ohr beim Telefonieren und später ein Ohrensausen bemerkte. Ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt nimmt einen Tubenkatarrh an und bläst mehrfach durch, ohne dass eine wesentliche Besserung eintritt. Man gibt sich aber mit dieser Diagnose zufrieden. An ein Akustikusneurinom wurde nicht gedacht, weil kein Schwindel vorgelegen habe. 3 Jahre später bemerkte die Patientin eine Taubheit der linken Gesichtshälfte, die sie mit einer Zahnbehandlung in Beziehung brachte. Erst als sie dann einige Monate später Doppelbilder und Gangunsicherheit bemerkte, suchte sie die neurologische Klinik auf. Vogel vermerkte als Kommentar zur Krankengeschichte mit Recht, dass das Warten auf Schwindelerscheinungen beim Akustikusneurinom nachgerade einen Kunstfehler darstellt, da diese in der Frühphase eher fehlen und anzunehmen ist, dass, wenn der Kollege bei der ersten Untersuchung eine Vestibularisprüfung vorgenommen hätte, eine Untererregbarkeit schon hätte festgestellt werden können.

Die Beschäftigung Paul Vogels mit peripheren Nervenerkrankungen bezog sich auf zwei Themenkomplexe: Einmal auf mechanisch bedingte - entsprechend den aktuellen Problemen seiner Zeit -, vor allem kriegsbedingte Nervenschäden, und auf zwei Sondertypen von Polyneuropathien. Im ersten Themenkomplex beschäftigte er sich in zwei Arbeiten, die 1941 in der Zeitschrift für ärztliche Fortbildung erschienen sind [28] [29], mit der Versorgung von Nervenverletzungen, wobei seinen Ausführungen, die natürlich auch vor allem die reichen Erfahrungen O. Foersters auf diesem Gebiet aus dem ersten Weltkrieg umfassten, auch heute nichts hinzufügen ist.

In beiden Arbeiten gab er auch rehabilitativen und Versorgungsfragen weiten Raum. In einer weiteren Publikation zum Thema „mechanische Nervenverletzungen” mit der Überschrift „Über Verletzungen des axillaren Gefäßnervenstranges”, erschienen gleichfalls 1941 im „Nervenarzt” [30], arbeitete Vogel anhand mehrerer Fälle mit einer Schussverletzung im Bereich der Schulter einen besonderen Typ einer Armplexusläsion heraus, die durch eine Kombination von Ausfällen der 3 großen Armnerven, des N. medianus, N. ulnaris und N. radialis, mit einer Verletzung der Armarterien charakterisiert war. Er konnte beweisen, wie die Abbildung in der Originalarbeit zeigt, dass die Verletzung am distalen Ausgang der Achselhöhle entstanden sein musste, weil dort diese Nerven mit der Arterie die engste räumliche Verknüpfung haben. Er stellt diesen Lähmungstyp einem proximalen Plexuslähmungstyp gegenüber, der den Erbschen und Klumpkeschen Lähmungstyp umfasst, bei denen aber eigentlich nicht der Plexus selbst, sondern die Nervenwurzeln oder die Primärfaszikel betroffen werden. Auch diese Arbeit ist wieder ein typisches Beispiel der Vorgehensweise der klinischen Neurologie, wie sie Vogel verstand, aus einer sorgfältigen Analyse einer Symptomenkombination bei guten Kenntnissen der normalen Anatomie auf die exakte Lokalisation der Störung zu schließen.

1935 berichtete Vogel im „Nervenarzt” erstmals über zwei eigene und 8 weitere Fallbeobachtungen aus der deutschsprachigen Literatur einer Polyneuritis nach Tetanusseruminjektion [13]. In einer zweiten Arbeit, 1939 in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift” erschienen [21], konnte er zwei weitere eigene Fallberichte hinzufügen und auf insgesamt 18 Fälle im deutschsprachigen Raum hinweisen. In einer dritten Arbeit, gleichfalls in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift” publiziert, aus dem Jahre 1943 [32], wies er auf inzwischen ca. 40 - 50 Fälle hin. Schon in der ersten Arbeit konnte er, gestützt auf seine Beobachtungen an den zwei eigenen Fällen und schon zahlreicheren Mitteilungen, vor allem in der französischen Literatur, die Besonderheit der serogenetischen Polyneuritis aufzeigen. Ca. 8 - 10 Tage nach der Injektion eines Impfserums, v. a. des Tetanusserums, entwickelten sich im Zusammenhang mit typischen Zeichen einer allergischen Reaktion mit Exanthem, Fieber und Gelenkschmerzen heftigste, v. a. nachts exazerbierende Schmerzen im Schulterbereich, uni- oder bilateral mit Lähmung und Atrophie bestimmter Schultergürtelmuskeln bei nur geringen Sensibilitätsstörungen.

Einer weiteren Polyneuropathieform, dieses Mal toxischer Genese, ist eine Arbeit aus dem Jahre 1947 gewidmet [38]. Vogel beschreibt in dieser Arbeit das klinische Bild der Polyneuropathie nach Tri-Ortho-Kresyl-Phosphat. Noch im gleichen Jahr konnte er bereits auf 14 eigene Fallbeobachtungen verweisen. Das klinische Bild ist geprägt von symmetrischen schlaffen Paresen an Füßen und Unterschenkeln, weniger häufig an Oberschenkeln sowie oberen Extremitäten, nur geringen Sensibilitätsausfällen, aber auffälligen, schweren neurotrophischen Störungen, die z. T. nur eine schlechte Remissionstendenz zeigten. Vogel fiel jedoch auf, dass im Verlauf der Erkrankung trotz schlaffer Lähmung die Patellarsehnenreflexe auffällig lebhaft bis gesteigert sind. Er folgerte daraus, dass also nicht nur das periphere Nervensystem betroffen sei, sondern auch das Rückenmark im Sinne einer „Myeloneuropathie”, - eine Annahme, die später durch autoptische Befunde bestätigt wurde.

Die Analyse dieser beiden Polyneuropathieformen, der Serumpolyneuritis und der Triorthokresylphosphatpolyneuropathie, zeigt, dass sich also auch bei den peripheren Nervenerkrankungen ursachenspezifische klinische Bilder entwickeln können und dass es sich nicht bei allen Polyneuritiden und Polyneuropathien lediglich um eine polygenetische, unspezifische Reaktionsform handle. Vogel konnte seine Behauptung später auch nochmals im Conterganprozess anhand der bei dieser Vergiftung auftretenden Polyneuropathie belegen.

Als Schüler und langjähriger Mitarbeiter Viktor von Weizsäckers beschäftigte Paul Vogel zeitlebens die Frage des Zusammenhangs von Psyche und Soma, wobei er ganz in der Nachfolge von Ludolph von Krehl und Viktor von Weizsäcker versuchte, den Darwin'schen Dualismus zu überwinden. Dies war sicherlich auch ein Grund dafür, dass er sich immer wieder mit den „neurologischen Wurzeln” der Lehre von der Psychoanalyse Freuds beschäftigte [41] [48] [49] [51] [55] [65]. Ihm ist es auch vor allem zu verdanken, dass die „neurologischen” Forschungen Freuds u. a. zur Hirnpathologie, Aphasie und Hysterie wieder der wissenschaftlichen Öffentlichkeit bewusst gemacht wurden. Er konnte den Weg Freuds von der „einfachen” Lokalisationslehre des Gehirnes über das Begreifen der Hirnfunktionen als ein Assoziationsapparat bis hin zu der Auffassung nachzeichnen, dass psychische Vorgänge parallel zu physiologischen Vorgängen ablaufen, die zwar von einander abhängig, aber nicht kausal miteinander verknüpft seien.

Dieses Bemühen um die Einheit von Psyche und Soma verband Paul Vogel auch mit seinem verehrten Lehrer Viktor von Weizsäcker, dem er mehrere Würdigungen seines Lebenswerkes widmete [31] [36] [37] [40] [53] [54].

Paul Vogel hinterließ keine „Schule” im strengen Sinne, indem alle seine Mitarbeiter stromlinienförmig sich auf eine Forschungsrichtung konzentrierten, aber es entstand - wie E. Bay es in seinem Nachruf auf Paul Vogel 1980 ausdrückte -, „eine Schule, in der neben Methodenstrenge und Redlichkeit die Klinik und in ihr der kranke Mensch mit allen seinen leiblichen und seelischen Bezügen im Mittelpunkt auch der wissenschaftlichen Forschung stand”.

Abb. 1Paul Vogel (1900 - 1979).

Abb. 2Erb-Denkmünze.