Klin Padiatr 2001; 213(2): 50-55
DOI: 10.1055/s-2001-12876
ORIGINALARBEIT

Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Die Zirkumzision - Kritik an der Routine

Circumcision - Criticism upon the routine.M.  Stehr, T.  Schuster, H.-G.  Dietz, I.  Joppich
  • Kinderchirurgische Klinik im Dr. v. Haunerschen Kinderspital, München
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Publication Date:
31 December 2001 (online)

Zusammenfassung.

Die Zirkumzision ist einer der am häufigsten durchgeführten chirurgischen Eingriffe beim männlichen Geschlecht. Alle 5 Minuten werden etwa 120 Buben und Männer weltweit zirkumzidiert [14]. Die Zirkumzision wird im Wesentlichen aus drei verschiedenen Indikationen durchgeführt:

1) Aus medizinischer Indikation bei Vorliegen einer patholo-gisch erworbenen Phimose.

2) Aus religiösen oder sozio-kulturellen Gründen.

3) Schließlich wird in vielen Ländern die Zirkumzision im Neugeborenenalter als sog. Routinezirkumzision durchgeführt. Während in den USA die Rate der Routine-Zirkumzisionen stetig abnimmt (derzeit werden etwa noch 60 % aller männlichen Neugeborenen routinemäßig zirkumzidiert), liegt die Rate in Südkorea noch bei annähernd 100 %.

Auch in Deutschland wird die Zirkumzision häufig auch ohne religiösen oder sozio-kulturellen Hintergrund ohne strenge Indikationsprüfung durchgeführt. Dies liegt zum einen daran, dass es sich um einen kleinen chirurgischen Eingriff handele, der nach häufig anzutreffender Meinung keine (insbesondere negativen) Folgen für den Patienten mit sich bringe. Zum anderen wird eine großzügige Indikationsstellung durch angebliche medizinische Vorteile auch der Neugeborenenzirkumzision im Sinne einer Prophylaxe begünstigt.

Nach kritischer Betrachtung muss man heute zu dem Schluss gelangen, dass der Zirkumzision kein medizinischer Nutzen zugesprochen werden kann bei der Verringerung der Inzidenz von Harnwegsinfekten, sexuell übertragbaren Krankheiten oder der Malignomentwicklung. Nur bei der pathologisch erworbenen Phimose ist die Zirkumzision medizinisch indiziert und dies trifft bei etwa 4 % aller männlichen Individuen zu. Dagegen steht eine nicht zu vernachlässigende postoperative Komplikationsrate von bis zu 2 %. Von besonderem Interesse sind die Langzeitfolgen einer Zirkumzision in anatomischer, funktionell-sexueller und psychischer Hinsicht. Auch wenn letztere Punkte schwer zu evaluieren sind, kann die Zirkumzision sicher nicht diesbezüglich als harmloser und folgenloser Eingriff angesehen werden. Es gibt viele Berichte über die negativen Folgen der Zirkumzision sowohl für den Patienten selbst als auch für dessen Sexualpartner. Insbesondere bei der nicht religiös oder sozio-kulturell motivierten Neugeborenenzirkumzision wird die Frage nach der Rechtmäßigkeit offensichtlich: Das elterliche Sorgerecht beinhaltet die Einwilligung in einen ärztlichen Eingriff am Kind zur Wahrung dessen Interessen. Dient die Einwilligung in diesen ärztlichen Eingriff nach fachlichem Abwägen des Nutzens gegen mögliche Komplikationen und Nebenwirkungen der Wahrung kindlicher Interessen?

Circumcision is one of the most frequent operative procedures done in males. About 120 circumcisions are performed every 5 minutes over the world [14]. Three different reasons lead to circumcision:

1) Medical reasons in present of a pathologic phimosis.

2) Circumcisions done due to religious, social or cultural rea-reasons.

3) Finally in many countries circumcision is performed as “routine-circumcision” in the newborn period. While in the United States the number of routine-circumcisiones decreases (about 60 % of all male newborns) South-Korea has a rate near to 100 %.

Even with no religious or cultural backround in Germany circumcision often is performed without scrutinizing medical indication. Circumcision is regarded as an procedure with no complications and no disadvantage for the patient.

In general circumcision has no medical benefit neither in decreasing the incidence of urinary tract infections nor of sexual transmitted deseases nor of neoplasias. Medical indication for circumcision is given in present of pathologic phimosis in 4 % of all males. Postoperative complications range up to 2 % and “circumcision is the amputation of the prepuce from the rest of the penis, resulting in permanent alteration of the anatomy, histology and function of the penis …”. There are many reports about having dyscomfort and disadvantages after circumcision as well to the males as to the sexual partners. This challenge the legality of neonatal involontary circumcision because legality is based on saving the children's best interests.

Literatur

Maximilian Stehr,, MD 

Children's Hospital, Department of Urology

300 Longwood Avenue, HU-216

Boston, MA 02115

USA

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