Rehabilitation (Stuttg) 2001; 40(1): 12-20
DOI: 10.1055/s-2001-12132
ORIGINALARBEIT
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Kostenmessung durch Patientenbefragung: Pilotstudie zu einem Kostenwochenbuch

Cost Measurement Based on Patient Surveys - A Pilot Study on a Cost DiaryA. Becker1 , R. Seitz2 , E. Jacobi3 , R. Leidl2
  • 1Abteilung Allgemeinmedizin, Georg-August-Universität Göttingen
  • 2Abteilung Gesundheitsökonomie, Universität Ulm
  • 3Forschungsinstitut für Rehabilitationsmedizin an der Universität Ulm, Bad Wurzach
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Publication History

Publication Date:
31 December 2001 (online)

Zusammenfassung.

Kostenwochenbücher dienen der prospektiven Erfassung direkter und indirekter Krankheitskosten auf der Grundlage von Patientendaten. Zunächst recherchierten wir in der MEDLINE die Einsatzbereiche von Tagebüchern in der Gesundheitsversorgung sowie Ergebnisse ihrer methodischen Evaluation. Auf der Grundlage eines niederländischen Instruments wurde für Patienten mit akuten oder chronischen Dorsopathien nach stationärer Rehabilitation ein Kostenwochenbuch entwickelt und dessen Einsatz in einer explorativen Pilotstudie getestet. Über einen Zeitraum von vier Wochen wurden alle Kosten und jede Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen aufgrund von Rückenbeschwerden (direkte medizinische und nicht-medizinische sowie indirekte Kosten), unabhängig vom Kostenträger, erfasst. Die Antwortrate betrug 58 %. Der durchschnittliche Zeitaufwand für die Patienten belief sich auf 13 Minuten pro Woche. Methodische Schwierigkeiten bei der Arbeit mit den Kostenwochenbüchern wurden nicht angegeben. Ein Drittel der Gesamtkosten sind direkte Kosten, wobei ein Großteil auf einmalige Ausgaben für Hilfsmittel wie Lattenroste und Matratzen entfällt. Ohne Hilfsmittel betragen die durchschnittlichen direkten Versorgungskosten je Patient monatlich ca. 270 DM. Dazu kommen durchschnittliche indirekte Kosten von ca. 1634 DM je Patient, die fast ausschließlich auf den Ausfall bezahlter Arbeit zurückzuführen sind und hohen Schwankungen unterliegen. Das hier vorgestellte Instrument scheint grundsätzlich bei der vorgegebenen Indikation einsetzbar. In Folgestudien mit größeren Fallzahlen und repräsentativen Stichproben sollten weitere Prüfungen zur Datenqualität durchgeführt werden. Insbesondere in dezentralisierten Gesundheitssystemen mit vielen Kostenträgern lassen sich Kosten-wochenbücher sinnvoll einsetzen, um Kosten aus gesellschaftlicher Perspektive zu erfassen.

Cost Measurement Based on Patient Surveys - A Pilot Study on a Cost Diary.

Weekly cost diaries are instruments to measure direct and indirect costs prospectively by using patient data. First we searched MEDLINE for information concerning the use of diaries in health care and their methodological evaluation. Based on a Dutch weekly cost diary we developed an instrument for patients with acute or chronic back pain to be completed following participation in an inpatient rehabilitation measure. Its use was tested in an explorative pilot study. We asked for all costs and resource use due to back pain (all direct medical and non medical costs as well as indirect costs) occurring in a 4-week follow-up period, irrespective of the cost carrier. The total response rate was 58 %. Patients spent an average 13 minutes a week for completing the questionnaire, without reporting any major methodological difficulties. Some 30 % percent of overall costs were direct costs, the majority being non-recurring costs for assistive devices such as mattresses and mattress frames. Excluding these, monthly direct costs per patient were 270 DM on average. Indirect costs, mainly due to absence from salaried work, amounted to an average 1634 DM per patient, with marked variation. Our study results show that this instrument is basically useful and feasible in this indication. Further studies with larger and representative samples are needed to evaluate data quality. It is suggested that weekly cost diaries can be useful tools in particular in decentralized health care systems to measure costs from the societal perspective.

Literatur

1 Der Begriff „Tagebuch” wird wie das englische „diary” als Oberbegriff für täglich und wöchentlich ausgefüllte Instrumente verwendet.

2 Auch in einigen Publikationen zur Erhebung von Symptomen oder medizinischen Effektgrößen mittels Tagebuch wird darauf hingewiesen, dass Patienten vor der Datenerhebung mittels Tagebuch mit diesem Erhebungsinstrument vertraut gemacht werden sollten (z. B. Arkinstall et al. 1995).

3 In einer Studie zur Entwicklung eines interviewgestützten Fragenbogens zur Erfassung der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen bei berufsbedingten Kreuzschmerzen wurde interessanterweise neben den Angaben von Leistungserbringern ein vom Patient geführtes Tagebuch als Goldstandard zur Überprüfung der Validität des Fragebogens herangezogen (Guzman et al. 1999).

4 Beispielsweise kann das Kostenwochenbuch im ersten und sechsten Monat nach Entlassung aus der stationären Rehabilitation eingesetzt werden; für den Zwischenzeitraum vom zweiten bis fünften Monat werden die Kostendaten interpoliert.

5 Das Verständnis des Konzepts von einleitenden Filterführungen zu jedem Leistungsbereich bestätigt zum einen die Machbarkeit des Einsatzes des Instruments, kann aber auch als Hinweis auf die interne Konsistenz betrachtet werden.

Korrespondenzanschrift:

Prof. Dr. Reiner Leidl

Abteilung Gesundheitsökonomie
der Universität Ulm


89069 Ulm

Email: reiner.leidl@mathematik.uni-ulm.de