Rehabilitation (Stuttg) 2001; 40(1): 43-49
DOI: 10.1055/s-2001-12126
ORIGINALARBEIT
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Effekte der Rehabilitation nach Hüftgelenkoperationen auf indikationsspezifische Beschwerden und Funktionseinschränkungen

Total Hip Replacement: The Impact of Rehabilitation on Indication Specific Complaints and Functional LimitationsE. M. Bitzer, H. Dörning, F. W. Schwartz
  • Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG), Hannover
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Publication Date:
31 December 2001 (online)

Zusammenfassung.

Hintergrund: In Kooperation mit der Gmünder Ersatzkasse (GEK) wurden Determinanten des kurz- und mittelfristigen Erfolgs von Hüftgelenkoperationen in der Routineversorgung u. a. unter Einbeziehung subjektiv wahrgenommener Veränderungen im indikationsspezifischen Beschwerdeniveau aus der Perspektive der Patienten untersucht. Methodik: Im September 1997 wurden alle Versicherten der GEK (Alter: 40 - 75 Jahre), die sich in stationärer Behandlung mit der Hauptdiagnose „Osteoarthrose” (n = 1352) befanden, erstmalig durchschnittlich 5,2 Monate (T1) postoperativ mit einem standardisierten indikationsspezifischen Fragebogen schriftlich befragt. Der Fragebogen umfasst u. a. die Aspekte: prä- und postoperative subjektive Einschätzung des Beschwerdegrades (Lequesne-Index), Komplikationen, Begleiterkrankungen (Katz-Index), Entlassung (Reha/nach Hause) sowie gesundheitsbezogene Lebensqualität (SF-36). Der Rücklauf zu T1 betrug 67,8 %. Patienten, die am Hüftgelenk operiert wurden (n = 390), wurden ein zweites Mal durchschnittlich 17,2 Monate postoperativ befragt (T2). Nach zwei Erhebungszeitpunkten liegen auswertbare Fragebogen von 293 Patienten vor. Vorgestellt werden deskriptive und multivariate Analysen (GSK-Ansatz) zu Determinanten des indikationsspezifischen Beschwerdeniveaus im zeitlichen Verlauf. Ergebnisse: Die Patienten (57,6 % Männer) sind im Durchschnitt 61 Jahre alt. 61,2 % haben keine Begleiterkrankungen; 88,4 % der Patienten erhielten ein künstliches Hüftgelenk. 70,6 % wurden nach dem Krankenhausaufenthalt in eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme entlassen. Ein Drittel der Patienten (30,3 %) berichtet über mindestens eine Komplikation. In der Untersuchungspopulation beträgt der indikationsspezifische Gesamtbeeinträchtigungswert (Lequesne-Index) zu verschiedenen Erhebungszeitpunkten: (erinnert) präoperativ = 14,2 Punkte, T1 = 5,6, T2 = 4,4. Die statistisch signifikante Abnahme der indikationsspezifischen Beschwerden über die Zeit bestätigt sich auch im multivariaten Kontext (geschätzte Werte: präoperativ = 13,8, T1 = 6,9, T2 = 5,7), wobei das Ergebnis durch einen Interaktionseffekt zwischen den Merkmalen „Höhe des Beschwerdeniveaus” und „Entlassung” modifiziert wird. So wird deutlich, dass bei der Befragtengruppe, die nach der Hüftgelenkoperation direkt nach Hause entlassen wurde, der (erinnerte) präoperative Beschwerdewert nach der Modellschätzung durchschnittlich 13,3 beträgt, während zu T1 eine Abnahme auf einen Wert von 6,9 und zu T2 ein weiteres Absinken auf 6,2 zu verzeichnen ist. Im Gegensatz dazu nimmt in der Patientengruppe, die nach der stationären Akutbehandlung in eine Rehabilitationsmaßnahme überwiesen wurde, der Beschwerdewert von 14,3 (präoperativ), über 6,9 (T1) auf 5,2 ab (T2). Schlussfolgerungen: Patienten, die in eine Rehabilitationsmaßnahme überwiesen werden, weisen ein höheres präoperatives Beschwerdeniveau auf. Bereits kurzfristig ist jedoch eine deutlichere Reduktion der krankheitsspezifischen Beschwerden nachweisbar (um 7,4 Punkte) als bei Patienten, die direkt nach Hause entlassen wurden (um 6,4 Punkte). Dieser Effekt einer stärkeren Abnahme der Beschwerden in der Gruppe mit Anschlussrehabilitation setzt sich dabei auch mittelfristig fort (Entlassung in Rehabilitationseinrichtung: um 9,1 Punkte; Entlassung nach Hause: um 7,1 Punkte). Die vorgestellten Ergebnisse belegen, dass Patienten nach einer stationären Rehabilitationsmaßnahme bei den indikationsspezifischen Beschwerden substanziell bessere Ergebnisse erreichen als Patienten, die nach der Operation direkt nach Hause entlassen werden.

Total Hip Replacement: The Impact of Rehabilitation on Indication Specific Complaints and Functional Limitations.

Background: The study was conducted in co-operation with a German health insurance fund (Gmünder Ersatzkasse, GEK) to identify determinants of outcomes of hip surgery from the patient's perspective. Methods: In September 1997 all beneficiaries (age 40 - 75 yrs.) who had been treated in hospital for osteoarthrosis of the hip (ICD-715/820) (n = 1352) were sent a questionnaire on average 5,2 months (T1) postoperatively. The standardized questionnaire contained, among others, items about pre- and postoperative subjective assessment of disease specific symptoms (Lequesne Index), complications, comorbidity (Katz-Index), health related quality of life (SF-36) and discharge (home or for inpatient rehabilitation). The response rate at T1 was 67.8 %. Patients with hip surgery (n = 390) were sent a second questionnaire 17.2 months (T2) postoperatively. After the two mailings, data from 293 patients were available for analysis. Descriptive and multivariate analyses (GSK model) were performed to reveal determinants of disease specific symptom alleviation. Results: Patients (57.6 % male) were 61 years of age on average, and 61.2 % reported no comorbidity. 88.4% had undergone total hip replacement. A third of the patients reported at least one complication. 70.6 % were discharged for inpatient rehabilitation. Univariately, a substantial (and statistically highly significant) decrease was observed in the Lequesne Index over time: (recalled) preoperative: 14.2 points; postoperative T1: 5.6 pts.; postoperative T2: 4.4 pts. This result is confirmed by multivariate analyses (estimated values: pre = 13.8; T1 = 6.9; T2 = 5.7) although it is modified by an interaction effect between the variables “Lequesne Index” and “Discharge”. In patients discharged home, the preoperative Lequesne Index is an estimated 13.3, at T1 = 6.9 and T2 = 6.2. The respective estimated values for patients discharged for inpatient rehabilitation are: preoperative 14.3; T1 = 6.9; T2 = 5.2. Conclusions: Patients receiving inpatient rehabilitation scored higher on the Lequesne Index (higher burden of disease) before hip surgery. In the short term, their improvements are higher than those of the patient group discharged home (- 7.4 pts. versus - 6.4 pts.) and continue to be higher in the medium term (- 9.1 pts. versus - 7.1 pts.). Inpatient rehabilitation after hip surgery leads to better disease specific health outcomes than direct discharge home.

Literatur

1 Drei weitere Untersuchungen zur Bedeutung der Rehabilitation nach Hüftgelenkoperationen (Scherak et al. 1998, Ulreich et al. 1998, Munin et al. 1998) lassen sich dagegen nicht mit unserer Studie vergleichen, da sich z. B. Messzeitpunkte, Beobachtungszeitraum und Eregebnisparameter unterscheiden.

Korrespondenzanschrift:

Dr. Eva Maria Bitzer, M.S.P. 

Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und
Gesundheitssystemforschung (ISEG)

Bissendorfer Straße 9

30625 Hannover

Email: bitzer@iseg.org