Handchir Mikrochir plast Chir 2001; 33(1): 63-64
DOI: 10.1055/s-2001-12082-2
Kommentar

Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

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P. Hahn
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
29. April 2004 (online)

Die Autoren untersuchen die Messung der Fingergelenkwinkel mit einem an der Technischen Universität Berlin entwickelten Sensorhandschuh und vergleichen die Ergebnisse mit der klinisch üblichen Messung mit dem Goniometer.

Die Problematik der Validität und Reliabilität der klinischen Messmethode ist hinreichend bekannt. Minimale Veränderungen in der Anordnung der Goniometer führt auch bei erfahrenen Untersuchern zu deutlichen Unterschieden in der Messung. Soweit diese Messungen für den klinischen Alltag ausreichen, so wenig erlauben sie letztendlich eine exakte Aussage bei wissenschaftlichen Fragestellungen. Dies ist sicher mit ein Grund dafür, dass viele biomechanische Untersuchungen nur an Leichenhänden erfolgen. Hier ist eine Winkelmesssung durch exakte Referenzierung der Messachsen mit Kirschner-Drähten oder röntgendichten Markern möglich. Nachteil dieser Verfahren ist jedoch, dass jede Untersuchung am Modell nie alle natürlichen Einflussfaktoren simulieren kann, da der Versuch immer nur eine begrenzte Anzahl möglicher Parameter zulässt.

Insofern kann der Gebrauch eines Sensorhandschuhs gerade bei speziellen biomechanischen Fragestellungen eine wertvolle Hilfe leisten, da hiermit eine In-vivo-Messung möglich ist. Die Möglichkeiten kontrollierter Messungen bei einer größeren Anzahl von Patienten sind aber begrenzt. Einerseits ist die Kalibrierung der Sensoren sehr aufwendig, ein Umstand, den die Autoren nur im Nebensatz erwähnen. Andererseits passt der Handschuh nur an eine definierte Handgröße, eine Tatsache, die den Gebrauch parallel zum klinischen Alltag sehr eingrenzt.

Neben der rein statischen Bestimmung der Endpositionen der Fingergelenkwinkel ist aber die dynamische Untersuchung der Handfunktion ein weitaus interessanteres Forschungsgebiet. Viele biomechanische Fragen lassen sich nicht durch die statische Bestimmung der Maximalwerte für Extension und Flexion oder Bewegungseinschränkung beantworten. Etliche Probleme an der Hand offenbaren sich erst in der veränderten Dynamik der Bewegung. Dazu zählen die Veränderungen des Bewegungsablaufs bei den Verletzungen motorischer Nerven (Hahn 1999[2]) ebenso wie die diffizilen Bewegungsstörungen durch Verletzungen des Fingerstreckapparates als auch die Koordinationsstörungen der Fingerbewegung, zum Beispiel beim Schreibkrampf.

Die technische Ausführung des Handschuhs lässt sicher die Beantwortung solcher Fragestellungen zu. Es muss aber gerade für solche Fragen noch geklärt werden, inwieweit der Handschuh „natürliche“ Bewegungen zulässt. Der Eigenwiderstand der Messanordnung, bedingt durch Handschuh, Sensoren und Kabel, scheint erheblich. Dies kann die natürliche Bewegung beeinflussen, insbesondere wenn es um die Erfassung minimaler Veränderungen an den Steuermechanismen der Hand, wie Mm. interossei und Mm. lumbricales, geht. Für isolierte Messungen an einzelnen Fingern sind eventuell andere Verfahren mit Videoaufzeichnung (Chiu und Mitarb. 1998[1]) oder auf Ultraschallbasis (Hahn und Mitarb. 1995[3]) von Vorteil.

Die Arbeit stellt ein neues, interessantes Hilfsmittel biomechanischer und klinischer Forschung vor. Es ist zu hoffen, dass wir in Zukunft von dieser Arbeitsgruppe weitere Ergebnisse zu den oben angesprochenen Themen erhalten werden.

Literatur

Priv.-Doz. Dr. med. Peter Hahn

Klinik für Handchirurgie, Abteilung I
Rhön-Klinikum

Salzburger Leite 1

97616 Bad Neustadt

eMail: hahn@hand.franken.de