Handchir Mikrochir plast Chir 2001; 33(1): 5-6
DOI: 10.1055/s-2001-12072
Laudation

Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Leni Büchter zum 85. Geburtstag

Leni Büchter to her 85th Birthday
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Publication Date:
31 December 2001 (online)

Prof. Leni Büchter

Infolge ihrer ausschließlich in der ehemaligen DDR erfolgten handchirurgischen Tätigkeit ist Frau Professor Leni Büchter in Westdeutschland und vor allem der jüngeren Generation weniger bekannt geworden. Ihr 85. Geburtstag ist eine gute Gelegenheit, dieser Tatsache abzuhelfen und den Lebenslauf dieser sowohl dem Westen als auch dem Osten unseres deutschen Vaterlandes verbundenen Handchirurgin zu würdigen.

Leni Büchter wurde am 12. Februar 1916 als zweites Kind des Pfarrers Otto Büchter und seiner Ehefrau Liny in Wertherbruch am Niederrhein geboren, wo sie ihre Jugend verlebte. Sie besuchte dort und in Wesel die Schule. Nach dem Abitur 1935 musste die damals vorgeschriebene Arbeitsdienstpflicht abgeleistet werden. Das geplante Medizinstudium konnte aus finanziellen Gründen nicht aufgenommen werden, da der Vater nach langjähriger tuberkulöser Lungenerkrankung gestorben war. Einer Bewerbung an der Krankenpflegeschule wurde wegen eines Lungenbefundes zunächst nicht stattgegeben; erst nach dessen Ausheilung konnte die Ausbildung dort begonnen werden. Nach der Krankenpflege-Prüfung 1940 folgte eine weitere Ausbildung in der Säuglings- und Kinderpflege. Das erwünschte Studium der Humanmedizin konnte im Oktober 1941 in Marburg beginnen und wurde in Graz fortgesetzt. Das Staatsexamen wurde 1948 in Düsseldorf nach kriegs- und krankheitsbedingten Unterbrechungen abgelegt. Die Promotion folgte anschließend.

Wegen der Probleme der Nachkriegszeit bestand damals ein Mangel an Assistentenstellen in den drei westlichen Besatzungszonen, so dass Leni Büchter eine Tätigkeit als Pflichtassistentin am Kreiskrankenhaus Schönebeck/Elbe in der damaligen Ostzone aufnahm und 1950 die endgültige Approbation erhielt. Die in Schönebeck begonnene chirurgische Weiterbildung wurde ab April 1953 an der Chirurgischen Klinik der Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg unter Prof. Werner Budde und ab 1954 unter Prof. Franz Mörl fortgesetzt. 1955 wurde die Facharztprüfung für Chirurgie erfolgreich bestanden.

Prof. Mörl hatte den Wert einer Spezialisierung frühzeitig erkannt und verlangte eine solche von seinen Mitarbeitern. Leni Büchter wählte die Handchirurgie, musste aber alle Abteilungen durchlaufen, bevor sie 1961 als Oberärztin mit der Leitung der abdominal-chirurgischen Abteilung und der Poliklinik beauftragt wurde; sie leitete daneben die Handchirurgie, die keine abgegrenzte Abteilung war und deren Betten auf fünf Stationen verstreut waren. 1962 erhielt sie einen Lehrauftrag für Poliklinische Chirurgie und Handchirurgie, konnte sich 1969 habilitieren und wurde 1975 zur außerordentlichen Professorin berufen.

Im April 1957 besuchte Leni Büchter den Deutschen Chirurgenkongress in München - die Grenze war damals noch offen - und begegnete Prof. Erik Moberg, dem führenden europäischen Handchirurgen, der als Schwede die deutsche Sprache gut beherrschte. Dank des energischen Einsatzes von Prof. Franz Mörl bei den DDR-Behörden konnte sie im Oktober/November 1957 fünf Wochen in Göteborg hospitieren. Dieser Aufenthalt brachte viele neue Anregungen und förderte den Aufbau der Handchirurgie in Halle. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie 1961 begegnete ich Frau Leni Büchter erstmals; es gelang, diesen Kontakt trotz des einige Monate später erfolgten Mauerbaues aufrechtzuerhalten. Dieses geschah hauptsächlich durch Versand von Literatur, da der Besuch ostdeutscher Kollegen im Westen nicht mehr gestattet wurde. In umgekehrter Richtung waren in den nächsten Jahren noch Kongressteilnahmen möglich, so dass Begegnungen insbesondere auf den Symposien der Sektion für Plastische und Wiederherstellungschirurgie der Gesellschaft für Chirurgie der DDR erfolgen konnten. Besonders die erste Tagung 1965 in Rostock und Warnemünde ist allen Teilnehmern noch in besonderer Erinnerung. Sie stand unter der Leitung von Prof. Helmut Brückner, der auch 1967, 1969 und 1971 in Leipzig derartige Tagungen leitete. An den beiden erstgenannten durften noch westdeutsche Handchirurgen und Plastische Chirurgen wie Ursula Schmidt-Tintemann, Dieter Buck-Gramcko, Jürgen Geldmacher, Ernst Scharizer und aus Österreich Hanno Millesi aktiv teilnehmen. Danach blieb die Verbindung hauptsächlich auf Versenden handchirurgischer Literatur beschränkt; dank des Einsatzes von Prof. Karl Ludwig Schober, seit 1966 Nachfolger von Prof. Mörl, durfte die Zeitschrift „Handchirurgie“ auch in Halle gehalten werden.

Leni Büchter konnte in den 60er und 70er Jahren ihre Kenntnisse durch Studienaufenthalte im „neutralen“ und osteuropäischen Ausland erweitern, so in Brünn, Linz, Bratislava, Danzig, Posen, Stettin und Budapest. Sie übernahm den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft für Handchirurgie innerhalb der obengenannten Sektion und führte mehrere Tagungen und Fortbildungsveranstaltungen durch, die erste 1970 in Oberhof (Thüringen), an der noch Norbert Gschwend, Gerd Stellbrink und Kauko Vainio teilnehmen durften. Sie veröffentlichte verschiedene Arbeiten und das Buch „Chirurgische Behandlung der verletzten und erkrankten Hand“ im Johann Ambrosius Barth Verlag Leipzig (1972) sowie zwei Lehrbuchbeiträge. Ihre Mitarbeiter wechselten viel infolge der Struktur der Klinik; einige verblieben auch später in handchirurgischer Tätigkeit, wie Anita Stock, Gerlinde Kludszuweit und Holger Bastian. Über 100 Gastärzte hospitierten an der Handchirurgie in Halle.

Nach ihrer Emeritierung 1976 arbeitete Leni Büchter noch bis 1978 in der Handchirurgie der Klinik - mit entsprechendem Abstand von der Leitungstätigkeit. 1979 wurde ihrem Antrag auf Rücksiedlung in die Bundesrepublik stattgegeben. Von September 1979 bis Februar 1984 arbeitete sie am Evangelischen Krankenhaus in Köln-Kalk als 2. Oberarzt an einer allgemein-chirurgischen Abteilung und führte dort auf Wunsch des Chefarztes Prof. Dieter Schlosser die Handchirurgie ein.

Sofort nach ihrer Rücksiedlung suchte Leni Büchter den persönlichen Kontakt zu den westdeutschen Handchirurgen; sie wurde bereits im Oktober 1976 ordentliches Mitglied der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Handchirurgie und nahm an den Symposien teil. 1990 wurde ihr die Ehrenmitgliedschaft der DAH und der neugegründeten Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie verliehen, zu der dann auch die ostdeutschen Kollegen kommen konnten.

Außer handchirurgisch ist Leni Büchter auch künstlerisch interessiert und besuchte viele Konzerte in Leipzig sowie Theateraufführungen in Dessau und Bad Lauchstädt. Trotz einiger gesundheitlicher Probleme erfreut sie sich geistiger Frische. Die Mitglieder von DGH und DAH und vor allem ihre Freunde wünschen ihr noch manche gute Jahre, in denen sie mit unverändertem Interesse die Fortschritte der Handchirurgie verfolgen kann.

Prof. Dr. Dieter Buck-Gramcko

Hamburg