Viszeralchirurgie 2000; 35(2): 148-149
DOI: 10.1055/s-2000-7403
HISTORIE
ORIGINALARBEIT
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Warum begann die eigentliche Intestinalchirurgie erst Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts?

P. F. Nockemann
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Publikationsdatum:
31.Dezember 2000 (online)

Stellt man die Frage nach dem Beginn der Intestinalchirurgie, so gilt es, zunächst dieses medizinische Fachgebiet zu umreissen. Gemeint sind die geplanten Operationen am Magen- und Darmtrakt. Vorausgegangen waren notfallmäßige Eingriffe bei Bauchverletzungen, vielfach nach Kriegseinwirkung. Diese erfolgten bekanntlich bereits seit mehreren Jahrtausenden [1].

Bevor die Chirurgen in größerem Umfang Laparotomien durchführten, sammelten sie vielfache operative Erfahrungen bei der Behandlung inkarzerierter Hernien. Dementsprechend ist die Hernienchirurgie in den Lehrbüchern und Operationslehren des letzten Jahrhunderts überaus ausführlich über 200 und mehr Seiten abgehandelt [2] [3] [4]. Eigentliche Darmoperationen umfaßten dagegen nur wenige Seiten. Zweifellos erfolgten von Alters her ungezählte einfache Nähte bei kleineren Längs- oder auch kurzen Querwunden am Darm und Magen. Eine Wiedervereinigung der beiden Darmlumina nach einer Resektion gestaltete sich dagegen mit den gegebenen Mitteln bis zum 19. Jahrhundert als äußerst problematisch. Vielfach mußte man sich auf die Ausleitung im Wundbereich im Sinne einer Darmfistel beschränken.

Hier stellte die Invaginationsoperation eine absolute Novität dar, die im Jahre 1727 der Leibchirurg des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg Philipp Friedrich Ramdohr in Wolfenbüttel ausführte [5]. Dabei ist es wohl auch kein Zufall, daß am Anfang der Entwicklung der Nahttechnik nach Darmresektion die Versorgung einer gangränösen Hernie stand [6]. Diese Pioniertat des deutschen Chirurgen veranlaßte letztlich zuerst Jobert de Lamballe 1824 [7] und 2 Jahre später auch Lembert [8], durch entsprechende Tierversuche eine zuverlässige Nahttechnik für den Darm zu suchen.

Faßt man die aus über 11/2 Jahrhunderten äußerst sorgfältig gesammelten Einzelfälle einmal zusammen, die Madelung 1882 [9] veröffentlichte, so ergibt sich für die Darmeresektionen - im wesentlichen im deutschsprachigen Raum - eine Häufigkeitsverteilung, wie sie in Kurve 1 (Abb. [1]) dargestellt ist. Man sieht wie im Zeitraum von 1720 - 1870 selbst in 10 Jahren jeweils nur 2 - 3 Resektionen erfolgten, fast zur Hälfte übrigens bei der Versorgung inkarzerierter Hernien. In den nachfolgenden Jahren sind es schon bis zu 2 Operationen pro Jahr. Nach einer Zunahme auf 3 Eingriffe in 1877 kommt es erst anschließend zu einem steilen Anstieg der Operationszahlen. Nachdem 1879 Pean [10] die erste Magenresektion, wenn auch erfolglos, durchführte, erfolgten auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie 1883 bereits Berichte über 20 Magenresektionen nach Bi I. Ein Jahr später folgten erste Mitteilungen über Magenresektionen nach Bi II. Wenn aber bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch die Tierversuche von Jobert de Lamballe und Lembert geeignete Nahttechniken bekannt waren, die 1836 in 2 Fällen auch beim Menschen erstmals zum Einsatz gekommen waren, warum erfolgte ihr regelmäßiger Einsatz erst 50 Jahre später?

Zu bedenken ist, daß geplante Eröffnungen der Bauchhöhle letztlich eine absolute Ruhigstellung des Patienten voraussetzen. Nachdem die 1. Lachgasnarkose von Wells und Riggs 1844 erfolgte und Morton 2 Jahre später die erste Äthernarkose vornahmen [11], waren die Möglichkeiten einer ruhigstellenden Narkose somit gegeben. So nahm noch Ende 1846 Liston in London bereits die erste Beinamputation in Narkose vor und Jobert de Lamballe führte zusammen mit Velpeau die Äthernarkose 1 Jahr später auch auf dem europäischen Kontinent ein [11]. Eingriffe am Intestinaltrakt waren immer noch selten.

Vielleicht war es die Furcht vor postoperativen Bauchinfektionen. Hier ist zu erwähnen, daß der Gynäkologe Semmelweis 1847 [12] die Ursache des Kindbettfiebers entdeckte. 1866 führte der Chirurg v. Bergmann die Hitzesterilisation ein [13]. 10 Jahre später waren nach den Untersuchungen von Lister Begriffe wie Asepsis und Antisepsis gegeben [14]. Was war jetzt noch das Hemmnis? Für heutige Chirurgen völlig unverständlich hatten ihre Vorgänger noch Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts Angst vor der Infektiosität der atmosphärischen Luft [14]!

Hier nun leistete Lister zunächst geistige Vorarbeit [15]. Er wies darauf hin, daß es bei einem Pneumothorax nicht regelmäßig zu einer Vereiterung der Pleurahöhle kommt, obgleich atmosphärische Luft reichlich eindringt. Damit war die Infektiosität der Luft bereits mehr als zweifelhaft. Den entscheidenden Beweis lieferte schließlich Wegner mit seinem Vortrag auf dem Deutschen Chirurgen Kongress 1876 [16]. Wegner hatte Kaninchen über Wochen das Abdomen mit eingespritzter Luft bis zum Trommelbauch aufgebläht. Bei der Sektion nach 6 Monaten waren die Bauchhöhlen der Tiere praktisch frei von entzündlichen Veränderungen. Damit war der Irrglauben widerlegt, atmosphärische Luft ist Ursache postoperativer peritonitischer Veränderungen. Offenbar erst jetzt entschlossen sich die Chirurgen der damaligen Zeit, vermehrt Darm- und Magenresektionen nach geplanter Laparotomie durchzuführen (Abb. [2]). Dieses erklärt den steilen Anstieg in der Häufigkeitskurve der Eingriffe. Damit ergibt sich als Beginn der eigentlichen Intestinalchirurgie das Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts.

Abb. 1Entwicklung der Darm- und Magenchirurgie im 18. und 19. Jahrhundert

Abb. 2Geschichte wesentlicher Vorarbeiten für die Entwicklung der Intestinalnaht im 19. Jahrhundert