Laryngorhinootologie 1999; 78(11): 614-619
DOI: 10.1055/s-1999-8763
OTOLOGIE
Georg Thieme Verlag Stuttgart ·New York

Akute Gehörschäden und Tinnitus durch überlaute Unterhaltungsmusik[1]

Acute Hearing Loss and Tinnitus Related to Strongly Amplified Music F. U. Metternich1 ,  T. Brusis2
  • 1Hals-Nasen-Ohrenklinik des Universitätskrankenhauses Hamburg-Eppendorf (Direktor: Prof. Dr. med. U. Koch)
  • 2Klinik f. HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie, Kliniken der Stadt Köln, Krankenhaus Holweide (Chefarzt: Prof. Dr. med. T. Brusis)
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Publication Date:
31 December 1999 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: Über Gehörschäden durch andauerndes oder wiederholtes Hören überlauter Musikdarbietungen von beruflich exponierten Personen und Musikkonsumenten ist wiederholt berichtet worden. Die Gefahr einer Gehörschädigung durch Musikeinwirkung besteht aber nicht erst nach langjähriger Exposition. Auch kurzdauernde sehr hohe Lärmpegel, z. B. auf Konzerten, können zu akuten Gehörschäden und zu Tinnitus führen. Patienten: In den Jahren 1994 - 1997 erfolgte bei 24 Patienten aufgrund eines musikbedingten akustischen Traumas eine stationäre rheologische Infusionstherapie. Die vorliegende retrospektive Untersuchung erfaßte die Art, die Stärke und die Zeitdauer der Schalleinwirkung sowie die genaue Entfernung und die Position der schallexponierten Person zur Schallquelle. Das Schädigungsmuster der Hörstörung wurde anhand der tonaudiometrischen Untersuchungen analysiert. Des weiteren wurde der Verlauf der Hörstörung in der stationären und poststationären Behandlungsphase untersucht. Ergebnisse: In der überwiegenden Zahl der untersuchten Fälle entwickelte sich die Hörstörung infolge der einmaligen Exposition bei einem Rock- oder Popkonzert (67 %), aufgrund von Diskothekenbesuchen (17 %), von Partybesuchen (12 %) und Walkman® bedingter Musikbelastung (4 %). Der tonaudiometrische Kurvenverlauf zeigte in nahezu allen Fällen das Bild eines Knalltraumas mit einem maximalen Hörverlust von 40 - 60 dB bei 4 kHz. Die tonaudiometrische Untersuchung wies in 58 % der Fälle eine unilaterale Schallempfindungsstörung im Frequenzbereich von 4 kHz mit einem ipsilateralen Tinnitus gleicher Frequenz auf. Bei 21 % der untersuchten Individuen zeigte sich eine bilaterale symmetrische Schallempfindungsstörung kombiniert mit einem bilateralen Tinnitus, ebenfalls im Frequenzbereich von 4 kHz. Bei 8 % der Patienten fand sich isoliert ein unilateraler und bei 13 % ein bilateraler Tinnitus ohne Hörminderung. Unter der rheologischen Infusionstherapie kam es in allen Fällen zu einer Normalisierung des Hörvermögens. Eine Restitution des Tinnitus konnte hingegen nur in 33 % erzielt werden! Schlußfolgerung: Das Risiko einer dauerhaften Hörstörung durch hohe kurzzeitige musikbedingte Schallbelastungen ist, im Gegensatz zur Persistenz eines musikbedingten Tinnitus, als gering einzuschätzen. Zur Vermeidung akuter musikbedingter Gehörschäden ist, aufgrund der fehlenden Akzeptanz persönlichen Gehörschutzes bei Musikkonsumenten, die unmittelbare Nähe zu Lautsprecherboxen zu meiden.

Background: Hearing loss resulting from exposure to permanent or repeated amplified music in professional musicians and music consumers is described in literature. The risk of hearing loss does not exist only after prolonged exposure to music. Short-term exposure to very high sound levels, for example in concerts, can also cause hearing loss and tinnitus. Patients: The retrospective study includes 24 patients who required rheologic therapy between 1994 and 1997 due to a music related accoustic trauma. The type, intensity, and length of music exposure as well as the distance and the position to the source of noise were examined. The type of hearing damage and its development during rheological treatment was studied by pure-tone audiometry. Results: In the majority of examined patients (67 %) the hearing loss developed on the basis of one-time exposure at a rock concert or pop concert, followed by hearing loss from attending discotheques (17 %) or parties (12 %), and music exposure from personal cassette players (4 %). The majority of patients showed a maximum hearing loss of 40 - 60 dB (A) in a frequency between 3 kHz and 4 kHz. Pure-tone audiometry in 58 % of the patients exhibited a unilateral threshold in a frequency between 3 kHz and 4 kHz combined with ipsilateral tinnitus of the same frequency. Twenty-one percent of the patients showed a symmetric bilateral threshold and tinnitus between 3 kHz and 4 kHz. In 8 % there was a unilateral tinnitus, and in 13 % a bilateral tinnitus without any hearing loss. All patients improved their hearing loss during rheologic treatment. Improvement in the tinnitus was only achieved in 33 % of the examined cases. Conclusion: The risk of permanent hearing loss resulting from short-term exposure to amplified music is low compared to the risk of continuous tinnitus. Given the lack of acceptance of personal ear protectors, the risk of acute hearing damage due to amplified music could be reduced by avoiding the immediate proximity to the speakers.

01 Auszugsweise vorgetragen auf der Tagung der Vereinigung Westdeutscher Hals-Nasen-Ohrenärzte von 1897 im 102. Jahre des Bestehens, Köln, 24. und 25. April 1998.

Literatur

01 Auszugsweise vorgetragen auf der Tagung der Vereinigung Westdeutscher Hals-Nasen-Ohrenärzte von 1897 im 102. Jahre des Bestehens, Köln, 24. und 25. April 1998.

Dr. med. Frank Uwe Metternich

Hals-Nasen-Ohrenklinik des Universitätskrankenhauses Hamburg-Eppendorf

Martinistraße 52

20246 Hamburg

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