Gesundheitswesen 2024; 86(S 02): S107-S108
DOI: 10.1055/s-0044-1781876
Abstracts | BVÖGD, BZÖG, DGÖG
26.04.2024
Infektionsschutz – Postersitzung 08:00 – 10:00 | Saal X.3

Stärkung evidenzinformierter Entscheidungsfindungsprozesse auf kommunaler Ebene. Wie gelingt institutionelles Lernen aus epidemisch bedeutsamen Lagen?

Authors

  • L. Arnold

    1   Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf, Düsseldorf
  • S. Bimczok

    1   Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf, Düsseldorf
  • S. Glasauer

    2   Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit Brandenburg, Potsdam
  • M. an der Heiden

    3   Robert Koch-Institut, Abteilung 3 Infektionsschutz, Berlin
  • U. Rexroth

    3   Robert Koch-Institut, Abteilung 3 Infektionsschutz, Berlin
  • M. Schöll

    3   Robert Koch-Institut, Abteilung 3 Infektionsschutz, Berlin
  • F. Vosseberg

    1   Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf, Düsseldorf
  • A. Wolter

    3   Robert Koch-Institut, Abteilung 3 Infektionsschutz, Berlin
 

Hintergrund: Die Koordination komplexer Entscheidungsfindungsprozesse gehört zu den originären Aufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) auf kommunaler Ebene. Insbesondere in Krisen und epidemisch bedeutsamen Lagen können diese Prozesse von epistemischer Unsicherheit geprägt sein und müssen zum Teil unter erheblichem Zeitdruck erfolgen. Das erschwert ein systematisches Abwägen der Vielzahl relevanter Faktoren und stellt die beteiligten Akteursgruppen und Institutionen vor große Herausforderungen. Die Erfahrungen aus der COVID-19-Pandemie stellen eine gute Möglichkeit dar, getroffene Entscheidungen sowie das prozedurale Vorgehen zur Entscheidungsfindung kritisch zu prüfen und methodisch weiterzuentwickeln.

Zielsetzung: Institutionell verankerte Lessons-Learned-Prozesse können dazu beitragen (1) prospektiv evidenzinformierte Entscheidungsfindungsprozesse zur Priorisierung notwendiger Maßnahmen zu unterstützen und (2) strukturierte Ansätze zur „Zwischenschau“ bzw. „Retrospektion“ ermöglichen, um während und aus epidemisch bedeutsamen Lagen nachhaltig und institutionell zu lernen. Damit all dies in Krisen und unter Zeitdruck möglich ist, zielt das Kooperationsprojekt ILEAs (Institutionelles Lernen aus epidemisch bedeutsamen Lagen: Implementierung institutionell verankerter Lern- und Entscheidungsfindungsprozesse im ÖGD) auf die Erarbeitung von Methoden und Herangehensweisen zur Implementierung evidenzinformierter Entscheidungsfindungsprozesse (TP 1) und eigenständiger Lernerfahrungen während und nach Krisen (TP 2) ab.

Methodik: TP 1 analysiert evidenzinformierte Entscheidungsfindungsprozesse auf kommunaler Ebene. In enger Zusammenarbeit mit Kooperationspartner:innen aus der Kommune erfolgt zunächst ein systematisches Stakeholdermapping. Prioritäre Themen für den Lessons-Learned-Prozess werden gemeinsam erarbeitet. Parallel werden in einem Scoping Review bestehende Leitlinien für evidenzinformierte Prozesse identifiziert und relevante Entscheidungskriterien extrahiert. Die Ergebnisse werden anschließend gemeinsam mit Vertreter:innen aus den Kommunen in Fokusgruppen analysiert und synthetisiert.

Das TP2 konzentriert sich auf die Stärkung der Kapazitäten und Kompetenzen des ÖGD, selbstständig In(tra)- und After-Action-Reviews zu konzeptionieren, zu erproben und durchzuführen. Hierfür wird zunächst aufbauend auf den WHO und ECDC-Standards in enger Zusammenarbeit mit den Verbundpartner:innen ein Methodenhandbuch in deutscher Sprache entwickelt. Des Weiteren wird mit interessierten Partner:innen aus dem ÖGD ein eigens konzipiertes Grundlagentraining und ein Peer-Review-Workshop angeboten. Diese geben eine umfassende Einführung in die IAR/AAR-Methodik und sollen die Verbundpartner:innen bei der eigenständigen Planung, Erprobung, Organisation und Durchführung von IAR/AAR unterstützen.

Ausblick: Aus den Ergebnissen beider Teilprojekte werden wichtige Erkenntnisse für die zukünftige institutionelle Verankerung evidenzinformierter Entscheidungsfindungsprozesse auf kommunaler Ebene erwartet. Um die Kapazitäten und Kompetenzen zur Implementierung entsprechender Prozesse nachhaltig zu stärken, werden die Ergebnisse von TP 1 und 2 in der abschließenden dritten Projektphase mittels kostenfreiem E-Learning in die Aus-, Fort- und Weiterbildung integriert werden. Zur Sicherstellung der methodischen wie fachlichen Qualität wird das Vorhaben durch einen praktischen und einen wissenschaftlichen Beirat begleitet. Im Beitrag werden Projektlogik und -hintergrund erläutert sowie die methodische Vorgehensweise und erste Ergebnisse vorgestellt.



Publication History

Article published online:
10 April 2024

© 2024. Thieme. All rights reserved.

Georg Thieme Verlag
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany