Gesundheitswesen 2024; 86(S 02): S97
DOI: 10.1055/s-0044-1781852
Abstracts | BVÖGD, BZÖG, DGÖG
26.04.2024
Infektionsschutz – Postersitzung 08:00 – 10:00 | Saal X.3

Tuberkulose und Kunst

Authors

  • O. Bock-Hensley

    1   Tuberkulose-Museum Heidelberg, Heidelberg
  • R. Schulz

    1   Tuberkulose-Museum Heidelberg, Heidelberg
  • C. Denkinger

    1   Tuberkulose-Museum Heidelberg, Heidelberg
 

Einleitung: Medizinhistorisch betrachtet ist die Tuberkulose die einzige Erkrankung, die tiefgreifende Spuren in der Kunst hinterlassen hat. In jeder Epoche wurde die Erkrankung unterschiedlich eingeschätzt und künstlerisch verarbeitet. Jahrhunderte lang war die Ursache der Tuberkulose nicht bekannt, bis 1882 Robert Koch den Tuberkulose-Erreger entdeckte. Die Tuberkulose galt als chronische Erkrankung mit hoher Sterberate und wurde erst ab ca. 1950 durch die Entwicklung von Antibiotika heilbar. Um die Wende zum 20. Jahrhundert war die Tuberkulose eine Volksseuche. Das unermessliche Leid der Erkrankten fand Ausdruck in der Kunst – mit großer Trauer und wenig Hoffnung.

Material und Methode: Kunsthistorische Bedeutung hat das Thema Tuberkulose vor allem in der Darstellenden Kunst, in der Literatur und in der Bildenden Kunst. Viele berühmten Künstler erkrankten selbst an Tuberkulose. Es zeigt sich eine eindrucksvolle Wechselbeziehung zwischen Krankheit und Kunst, die sich über einen langen Zeitraum auf unterschiedliche Weise äußerte.

Ergebnisse: Besonders bekannte Beispiele der Verbindung von Tuberkulose und Musiktheater sind die Opern „La Traviata“ und „La Bohème.

In der Literatur hat der Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann einen hohen Stellenwert. Neu ist „Empusion“, ein 2023 erschienener Roman von Olga Tokarczuk über ein Sanatorium in Görbersdorf, dem Ort der ersten Lungenheilstätte.

Beispiele aus der Malerei: Sandro Botticelli, dessen Lieblingsmodell Simonetta Vespucci mit 23 Jahren an Tuberkulose starb und Edvard Munch, der sich in Bildern mit dem Tuberkulose-Tod seiner Schwester auseinandersetzte. Von Heinrich Zille stammen zahlreiche drastische Grafiken zum Thema Tuberkulose.

Beispiele aus dem Kunsthandwerk: Moulagen, dreidimensionale Darstellungen verschiedener Formen der Tuberkulose (ca. 1850-1950) sowie der Taschenspucknapf „Blauer Heinrich“, entwickelt 1889 von dem Lungenfacharzt Peter Dettweiler.

Fazit: Die Geschichte der Tuberkulose ist noch nicht zu Ende.

Da sie Jahrhunderte lang unheilbar war, haben Künstler aus eigener Anschauung das Leiden, die Hoffnungslosigkeit und den qualvollen Tod dargestellt. Mit Einführung der Antibiotika um 1950 ist die Tuberkulose heilbar geworden. Deutschland ist heute ein Niedriginzidenzland. Weltweit sterben jedoch jährlich ca. 1,5 Mill. Menschen in Hochendemieländern an Tuberkulose, weil sie keinen Zugang zu Diagnostik und Therapie haben. Die Geschichte der Tuberkulose wird erst dann beendet sein, wenn die Krankheit mit effektiven Mitteln (Diagnostika, Therapeutika und Impfung) ausgerottet werden kann.



Publication History

Article published online:
10 April 2024

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