Fortschr Neurol Psychiatr 2018; 86(02): 70
DOI: 10.1055/s-0043-123899
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© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Gibt es eine Narzissmusepidemie?

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Publikationsdatum:
13.März 2018 (online)

Wird unsere Gesellschaft zunehmend narzisstischer? Wissenschaftler vermuten einen Anstieg des Narzissmus von Generation zu Generation und sprechen sogar vom Ausbruch einer „Narzissmusepidemie“ in unserer Gesellschaft. Ein Forschungsteam von Psychologen der Universität Konstanz überprüfte nun diese Annahme anhand von rund 60 000 Persönlichkeitstests von amerikanischen Studierenden aus 3 Jahrzehnten. Die Psychologen kamen zu einem über-raschenden Ergebnis: Narzissmus ist in den letzten 25 Jahren nicht etwa angestiegen, sondern ging sogar leicht zurück.

Der Rückgang verläuft kontinuierlich seit Anfang der 1990er-Jahre. Die Forscher hatten erwartet, einen Anstieg im Narzissmus zwischen 1992 und den 2000er-Jahren zu finden und anschließend einen möglichen Rückgang nach der Weltwirtschaftskrise. Klassische Theorien gehen davon aus, dass Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums förderlich für die Entwicklung von Narzissmus sind, während Wirtschaftskrisen mit sinkendem Narzissmus in Zusammenhang gebracht werden. Die Studien-Ergebnisse zeichnen jedoch ein anderes Bild: Der Rückgang im Narzissmus setzte bereits in den ökonomisch stabilen Zeiten vor der Wirtschaftskrise ein.

Für ihre Studie werteten die Psychologen Daten von 3 amerikanischen Universitäten aus, die seit 1992 einen einheitlichen Narzissmus-Persönlichkeitstest durchführen. Die Daten stammen von insgesamt rund 60 000 Studierenden, die zum Zeitpunkt ihrer jeweiligen Befragung im Alter zwischen 18 und 24 Jahren waren. Dabei ging es nicht um den Narzissmus im Sinne einer klinischen Störung wie die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Stattdessen betrachteten die Wissenschaftler Narzissmus als Persönlichkeitseigenschaft, wie zum Beispiel auch Extraversion oder Gewissenhaftigkeit Merkmale eines Menschen sind: Manche Menschen sind gewissenhafter als andere, manche neigen stärker zu Narzissmus als andere.

Bisherige Forschung betrachtete Narzissmus nur als Gesamtkonstrukt. Das ist problematisch, weil Narzissmus aus verschiedenen Aspekten besteht. Die Psychologen unterschieden daher in ihrer Studie 3 wesentliche Facetten des Narzissmus – Führungsverhalten („Leadership“), Eitelkeit („Vanity“) und Anspruchsdenken („Entitlement“) – und verfolgten die Ausprägung dieser Facetten über die 3 untersuchten Jahrzehnte hinweg.

Der Rückgang von Narzissmus zeichnet sich gleichermaßen bei Männern und Frauen ab, insbesondere in den Aspekten Anspruchsdenken und Führungsverhalten. Abweichend von dem Schema stellten die Psychologen jedoch nur bei Frauen eine generelle Verringerung des dritten Aspekts, Eitelkeit, fest.

Nach einer Pressemitteilung der Universität Konstanz