Fortschr Neurol Psychiatr 2017; 85(11): 661-662
DOI: 10.1055/s-0043-121994
Editorial
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Neue Herausforderungen für die Psychiatrie

New Challenges for Psychiatry
Joachim Klosterkötter
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
22. November 2017 (online)

Der CME-Fortbildungsartikel in diesem Monatsheft der „Fortschritte“ ist der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter gewidmet [1]. Er gibt einen Überblick über den aktuellen Wissensstand zu dieser neuronalen Entwicklungsstörung des Gehirns und orientiert uns speziell über die sich hieraus ergebenden diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen, mit denen man der fast in der Hälfte der Fälle zu erwartenden Persistenz bis ins Erwachsenenalter gerecht werden kann.

Fortbildung in dieser oder anderer Form stellt jedoch nur eine der Aufgaben dar, die bei einer so komplizierten Störungsproblematik zu bewältigen sind. Die jeweils aktuellen Diagnostik- und Therapieempfehlungen zur Kenntnis zu nehmen und in der Weise zu verinnerlichen, wie dies ein CME-Fortbildungsartikel seinen Leserinnen und Lesern ermöglichen will, fällt ja noch vergleichsweise leicht. Daraus dann aber auch die nötigen Konsequenzen für die Versorgungspraxis zu ziehen, erweist sich heute oft noch als sehr viel schwieriger. Beim Übertritt ins Erwachsenenalter kommen nämlich für die Jugendlichen mit ADHS in aller Regel bei uns in Deutschland ganz andere psychiatrische Versorgungsstrukturen zum Tragen, als sie zuvor in der Kindheit und in der frühen, mittleren und späten Adoleszenz gegeben waren [2]. Nach einer der Kernaussagen des CME-Fortbildungsartikels muss man infolgedessen befürchten, dass sich gerade in dieser heiklen Übergangsphase durchaus schwerwiegende Versorgungsdefizite ungünstig auswirken können.

Interessanterweise wird gerade diese Problematik inzwischen auch von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) als gravierend angesehen. Um den offenkundigen Versorgungsdefiziten zu begegnen, hat eine Expertengruppe Eckpunkte der DGPPN und der DGKJP zur Transitionspsychiatrie der Adoleszenz und des jungen Erwachsenenalters formuliert [3]. Sie sollen deutlich machen, dass und wie sich der durch erhebliche neurobiologische und psychosoziale Umstellungen gekennzeichnete Transitionsprozess gezielt begleiten und die nötige Kontinuität auf dem Weg von der jugendlichenzentrierten hin zur erwachsenenorientierten Versorgung sicherstellen lässt. Dies käme nicht nur der ADHS und anderen Störungen der neuronalen und mentalen Entwicklung wie etwa den Autismusformen in der Kindheit und im Erwachsenenalter zugute. Auch für schizophrene, schizoaffektive und bipolare Störungen wird ja ganz aktuell unter genetischen Gesichtspunkten wieder verstärkt ihre mögliche Zugehörigkeit zu einem neuronalen Entwicklungskontinuum diskutiert [4]. Ganz unabhängig aber davon, ob solche Hypothesen nun zutreffen oder nicht, lässt es sich jedenfalls nicht übersehen, dass viele der im Erwachsenenalter wesentlichen und schweren psychischen Erkrankungen schon in der Transitionsphase beginnen [5].

Nur folgerichtig kommen daher mit der von der DGPPN und der DGKJP erhobenen Forderung nach einer kooperativ zu betreibenden Transitionspsychiatrie zugleich auch die beiden wichtigen Zielsetzungen der Früherkennung und der Frühbehandlung mit ins Spiel. Schon allein eine Sicherstellung der Versorgungskontinuität für Jugendliche mit ADHS beim Wechsel in die Erwachsenenpsychiatrie könnte uns weitergehende Potenziale in dieser Richtung eröffnen. Man denke nur an die in der Fortbildungsarbeit angesprochene deutliche Risikoerhöhung etwa für die Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen und Substanzmissbrauch, die anscheinend erst bei Persistenz der ADHS ins Erwachsenenalter gegeben ist. Demnach sollten sich durch die Fortsetzung oder den Beginn mit einer adäquaten, erfolgreichen und kontrollierten ADHS-Behandlung durchaus auch so ungünstige Komorbiditäten wie emotional- instabile oder dissoziale Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen mit Delinquenz im Gefolge verhindern lassen.

Darüber hinaus kommt es aber vor allem darauf an, den gesamten bisherigen Wissensstand der Präventiven Psychiatrie in die gezielte Begleitung der Transitionsphase mit einzubringen [6]. Er bezieht sich eben nicht nur auf die speziellen psychischen Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters, sondern auch auf Ess-, Angst- und traumabezogene Störungen, affektive, uni- und bipolare Erkrankungen, schizophrene und andere psychotische Störungen sowie Alkohol-, Drogen- und Tabakabhängigkeit, die sich alle schon in der Adoleszenz ankündigen oder beginnen können. Deshalb ist es sehr erfreulich, dass die DGPPN auf die kooperativen Bemühungen um eine Transitionspsychiatrie nunmehr noch eine weitere Task Force-Initiative zur „Früherkennung und Frühbehandlung von schweren psychischen Erkrankungen“ folgen lässt. Ein flächendeckendes Angebot von stationären und gemeindepsychiatrischen Ersterkrankten- und ambulanten multiprofessionell besetzten Früherkennungszentren soll die bestehenden Versorgungsstrukturen ergänzen. In der Tat erscheint es sinnvoll, die Transitionsprogrammatik in dieser Weise mit einer Präventionsperspektive zu verbinden. Erst dadurch wird sie letztlich so richtig attraktiv.