Gesundheitswesen 2019; 81(06): 478-485
DOI: 10.1055/s-0043-121460
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Bereitschaft zur Teilnahme an der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV): eine kritische Bestandsaufnahme

Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage unter niedergelassenen Hämatologen undOnkologenReadiness to Participate in Ambulatory Special Medical Care (ASV): A Critical AppraisalResults of a Survey Amongst Office-Based Oncologists in Germany
Robert Dengler
1  Hochschule für Oekonomie & Management (FOM), Institut für Gesundheit und Soziales (ifgs), München
,
Thomas Walawgo
2  Wissenschafliches Institut der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen GmbH (WINHO), Köln
,
Walter Baumann
2  Wissenschafliches Institut der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen GmbH (WINHO), Köln
,
Manfred Cassens
1  Hochschule für Oekonomie & Management (FOM), Institut für Gesundheit und Soziales (ifgs), München
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Publication History

Publication Date:
06 December 2017 (online)

Zusammenfassung

Ziel der Studie Die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) soll die interdisziplinäre, sektorübergreifende Versorgung von Patienten mit seltenen oder komplexen Krankheitsbildern, darunter v. a. Tumorerkrankungen, verbessern. Bis dato wurden nur wenige ASV-Teams etabliert. Ziel dieser Studie war es, den Informations- und Teilnahmestand, sowie die Hintergründe der zurückhaltenden Teilnahme und die Einschätzung niedergelassener Fachärzte für Hämatologie und Onkologie zu evaluieren.

Methodik Es wurde eine internetbasierte Umfrage unter niedergelassenen Internisten mit dem Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie in Deutschland durchgeführt. In die Umfrage eingeschlossen wurden Antworten aus 145 Praxen, in denen insgesamt mehr als 350 Fachärzte tätig sind. Die Erhebung umfasste 22 selbstentwickelte Items zum Informationsstand, zur Umsetzung, zu Problemen bzw. Hürden der Teilnahme sowie zur Bewertung der ASV.

Ergebnisse Die Mehrheit der befragten Ärzte zeigte sich gut über die ASV informiert. Nur sehr wenige lehnten die ASV grundsätzlich ab. Jedoch versorgten lediglich 6% der Praxen Patienten in der ASV. Bei 8% sind die Vorbereitungen abgeschlossen, 16% befanden sich in Vorbereitung, 26% waren noch unentschlossen und 45% der Praxen hatten sich dagegen entschieden. Als Gründe für eine Nichtteilnahme bzw. die Zurückhaltung wurden ein zu hoher Aufwand sowie mangelnde Vorteile für die Patientenversorgung, die strategische Positionierung sowie die Vergütung angegeben.

Schlussfolgerung Die ASV spielt auch 5 Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes keine relevante Rolle im Versorgungsalltag. Die Zurückhaltung liegt nicht in Informationsdefiziten, sondern in Hemmnissen wie das als zu aufwändig empfundene Anzeigeverfahren. Entscheidende Vorteile für die Patientenversorgung, die interdisziplinäre Kommunikation sowie die Vergütung werden kaum gesehen. Solange die Akzeptanz der ASV nicht verbessert wird, wird diese neue Versorgungform ihr Potenzial nicht entfalten.

Abstract

Background Outpatient specialized care (ASV) is intended to improve interdisciplinary, transsectoral care for patients with rare or complex diseases, especially cancer. Up to now, only very few such specialized care teams have been established. The aim of our study was to evaluate the current state of information and participation as well as reasons for the reluctance of office-based hematologists and oncologists.

Methods We conducted a web-based survey amongst office-based hematologists and oncologists in Germany and received responses from 145 institutions comprising more then 350 doctors working there. The questions comprised 22 items concerning the state of information, implementation as well as obstacles to participation and evaluation of the ASV.

Results The majority of the interviewed doctors was well informed about ASV. Only a minority was in principle against this concept. 6% of them had already treated patients within ASV, 8% had completed the preparation, 16% were in the preparation process, 26% were indecisive and 45% had decided not to participate. The main reasons for non-participation or barriers were high expenditure and a lack of benefit for patients, strategic positioning as well as reimbursement.

Conclusions Although implemented more than 5 years ago, ASV plays no relevant role in patient care. The reluctance seems not to be due to information deficits, but rather to obstacles in the participation procedure. Relevant advantages for patient care, interdisciplinary communication or reimbursement are not anticipated. As long as the current low acceptance to participate in ASV is not improved, it cannot unfold its potential.