Balint 2017; 18(03): 87-91
DOI: 10.1055/s-0043-116724
Deutscher Studenten Balint-Preis
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Reflexionsbericht

Ye-Si Shin-Junghanß1
  • 1Studium der Humanmedizin an der Eberhard Karls Universität Tübingen im 6. klinischen SemesterTutorin im Arbeitskreis Anamnese für Medizin- und Psychologiestudenten der Uni Tübingen
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Publication Date:
07 September 2017 (online)

Erste Kontakte

Während meiner 4-wöchigen Famulatur in einer psychosomatischen Tagesklinik lernte ich Frau W. kennen. Sie war die Patientin, in deren Therapie ich am meisten mit einbezogen war und deren Geschichte und Entwicklung ich am meisten von allen Patienten der Tagesklinik miterlebte.

Gleichzeitig war es meine erste Begegnung mit einer psychosomatischen Patientin, die nicht nur aus einem einmaligen Kontakt oder Gespräch bestand, sondern über einen längeren Zeitraum andauerte. Sie hat mich in vielerlei Hinsicht geprägt, mich wachsen lassen, herausgefordert und mich einige Erkenntnisse meiner selbst gewinnen lassen.

In den Einzeltherapiegesprächen mit ihrer Therapeutin, der Stationsärztin, saß ich als Zuhörerin und Beobachterin mit im Raum. Zusätzlich durfte ich kleine Teile des Therapieprogramms selbst übernehmen, auf die ich im weiteren Verlauf eingehen werde. Somit zeigten sich meine Begegnungen mit Frau W. als sehr facettenreich, da ich einmal selbst in Interaktion mit ihr stand, ein andermal als stille Zuhörerin gute Möglichkeiten hatte, ihr Wesen zu studieren und mein Augenmerk auf zwischenmenschliche Entwicklungen, nonverbale Kommunikation und Regungen und Gefühle in mir selbst zu legen, sowie wertvolle therapeutische Herangehensweisen und Methoden kennenzulernen.

Frau W. leidet an einer chronischen Schmerzstörung sowie an einer rezidivierenden mittel- bis schwergradigen Depression.

Schwierige Familienverhältnisse, fehlende Liebe von der die Mutter, Aufwachsen zu großen Teilen bei Verwandten, frühes Versterben des geliebten Vaters, mehrere belastende und teils von psychischer und physischer Gewalt geprägte Partnerschaften bzw. Ehen, sexuelle Belästigungen sowie Stalking sind Themen, die im Prozess der Aufarbeitung und Verarbeitung stehen. Kurz vor Beginn der Therapie in der Tagesklinik wechselte Frau W. ihren Wohnsitz, um sich vor weiteren Stalking-Aktionen und Psychoterror zu schützen. Kaum jemand wisse über ihre aktuelle Adresse Bescheid.

Ihr tiefer Wunsch sei es, endlich ein Zuhause, eine Heimat zu finden und das Gefühl zu verspüren, “angekommen” zu sein. Momentan lebe sie in ständiger Angst, v. a. wenn sie alleine sei und komme kaum zur Ruhe. Ihre ständige Angst schränke sie sehr ein, hindere sie am Schlafen und mache Alleinsein zu einer Tortur. Sie sehne sich nach Liebe, Sicherheit, Geborgenheit und Glück.

Frau W. leidet an immensen Selbstzweifeln. Sie könne sich nicht akzeptieren, so wie sie ist, geschweige denn lieben. Ihrer Ansicht nach sei sie nicht intelligent, attraktiv, im Allgemeinen nicht gut genug, um sich annehmen zu können und um einen Partner zu finden, der sie liebt. Sie ging sehr hart mit sich selbst um und ihre Einstellung war geprägt von einem Schwarz-Weiß-Denken; Dinge zu relativieren gelang ihr nicht und dementsprechend fiel auch ihr Urteil über sie selbst mehr als kritisch aus.

Ein bestimmtes Familienmitglied, bisher wohl die größte Vertrauensperson und gleichzeitig “Ersatzmutter”, sei ihr nun vor kurzem ebenfalls in den Rücken gefallen und habe sie zutiefst verletzt mit dem Vorwurf, warum “alle Männer vor ihr weglaufen” und sie mit fast 40 Jahren noch immer keinen Mann, Kinder, und aktuell auch keinen Job habe.