B & G 2017; 33(04): 161-163
DOI: 10.1055/s-0043-113139
Wissenschaft
Haug Verlag in Georg Thieme Verlag KG Stuttgart

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K. Eckert1, M. Köppel1
  • 1Institut für Sport und Sportwissenschaft, Universität Heidelberg
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Publication History

Publication Date:
23 August 2017 (online)

Interventionsstudien zur Reduzierung der Sitzzeiten am Arbeitsplatz – ein Review

Originalpublikation

Shrestha N, Kukkonen-Harjula KT, Verbeek JH et al. Workplace interventions for reducing sitting at work. The Cochrane Library 2016

Die moderne Arbeitswelt wird zunehmend durch ein hohes Maß an körperlicher Inaktivität sowie durch langandauerndes und häufiges Sitzen geprägt [[1]]. Church und Kollegen [[2]] konnten bei einer Analyse der National Health and Nutrition Examination Surveys (NHANES) im Zeitraum von 1960 bis 2010 eine mittlere Reduktion des berufsbezogenen Kalorienverbrauchs pro Person von 142 kcal pro Tag bei Männern bzw. 120 kcal pro Tag bei Frauen beobachten. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Ng und Popking [[3]], die in Ländern mit hohem Durchschnittseinkommen einen Abfall der durchschnittlichen Anzahl an wöchentlichen, berufsbezogenen MET-Stunden über einen Zeitverlauf von 10 Jahren (2000–2010) von 125 MET-h auf 75 MET-h pro Tag beobachten. (MET kennzeichnet den Energieverbrauch pro kg-Körpergewicht pro Stunde, welcher eine bestimmte Tätigkeit bedarf [[4]]). Dieser Trend ist auch auf vergleichbarem Niveau in Entwicklungs- und Schwellenländern zu beobachten. Hier fiel der mittlere arbeitsbezogene Energieverbrauch pro Woche von 220 auf 180 MET-h. Dieser liegt zwar absolut noch deutlich über dem Energieverbrauch der Industrienationen, zeigt allerdings auch hier den beruflichen Panoramawandel, der körperliche Aktivität zunehmend aus dem Berufsalltag verdrängt.

Der Rückgang körperlicher Aktivität wirkt sich typischerweise in einer Zunahme von Sitzzeiten aus. An einer Stichprobe von 83 Büroangestellten konnten Ryan et al. [[5]] mithilfe von Akzelerometern feststellen, dass die Angestellten etwa 5,3 h, also 2/3 ihrer gesamten Arbeitszeit, im Sitzen verbringen. Ein Großteil dieser Sitzzeiten sind hierbei auf unterbrechungsfreie, länger andauernde Phasen von Sitzen zurückzuführen.

Wallmann-Sperlich und Kollegen [[1]] kommen im Rahmen einer deutschlandweiten telefonischen Befragung an 1663 Personen zu dem Ergebnis, dass Berufstätige bzw. in Ausbildung Befindliche 31,7 % der Gesamtsitzzeit eines Werktages während der Arbeitszeit verbringen. Bei Männern sind dies im Schnitt 120 Minuten, bei Frauen 180 Minuten. In Ausbildung bzw. im Studium befindliche Befragte sitzen im Schnitt sogar 244 Minuten/Werktag. Insgesamt sind bei höheren Bildungsabschlüssen auch höhere Sitzzeiten zu verzeichnen.

Die skizzierten Entwicklungen sind deswegen besonders prekär, da Sitzzeiten per se, aber insbesondere Phasen langandauernden Sitzens, negativ mit verschiedenen Gesundheitsparametern in Verbindung gebracht werden [[6], [7]]. Eine Meta-Analyse prospektiver Kohortenstudien [[8]] zeigt einen deutlichen, mit dem Sitzen assoziierten Anstieg von Morbiditäts- und Mortalitätsraten durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs sowie eine Verdopplung der Inzidenz des Diabetes mellitus Typ 2 [[8], [9], [10]]. Die Arbeitsgruppe um Van der Ploeg [[11]] konnte bei der Analyse von 250 000 Australierinnen und Australier einen Anstieg des Versterberisikos innerhalb der folgenden 3 Jahre von 15 % für Menschen beobachten, die über 8 h pro Tag sitzen. Steigen die Sitzzeiten auf über 11 h/Tag, nimmt das Mortalitätsrisiko um 40 % zu. Das gesundheitsgefährdende Potenzial von langandauerndem und häufigem Sitzen kann aufgrund der dadurch ausgelösten biologischen Prozesse nicht durch ein ausreichendes Maß an körperlicher Aktivität kompensiert werden [[7]]. Auch das erhöhte Versterberisiko durch zu langes Sitzen lässt sich durch Bewegung und Sport in der Freizeit nicht adäquat kompensieren [[13]].

Der Kontext „Arbeit“ stellt ein wichtiges Setting zur Reduzierung von Sitzzeiten dar. Es bedarf sinnvoller arbeitsplatzbezogener Interventionen, mit Hilfe derer die Sitzzeiten am Arbeitsplatz deutlich und nachhaltig reduziert werden können. Das in der Folge vorgestellte Cochrane-Review von Shrestha und Mitarbeitern [[14]] analysiert vor diesem Hintergrund 20 Interventionsstudien, die dieser Zielstellung nachgingen.