Fortschr Neurol Psychiatr 2017; 85(08): 479-494
DOI: 10.1055/s-0043-113131
Fort- und Weiterbildung
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Psychotherapie: Quo vadis?

Psychotherapy: Quo vadis?
Gunther Meinlschmidt
1  Abteilung für Klinische Psychologie und Epidemiologie, Fakultät für Psychologie, Universität Basel, Basel, Schweiz
2  Fakultät für Medizin, Ruhr-Universität Bochum, Bochum, Deutschland
3  Klinik für Psychosomatik, Bereich Medizin, Universitätsspital Basel, Basel, Schweiz
,
Marion Tegethoff
4  Abteilung für Klinische Psychologie und Psychiatrie, Fakultät für Psychologie, Universität Basel, Schweiz
› Author Affiliations

Subject Editor: Prof. Dr. med. Max Schmauß, Augsburg
Further Information

Publication History

Publication Date:
25 August 2017 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: Psychotherapie hat den Anspruch, sich kontinuierlich weiter zu entwickeln. Ziel dieser Arbeit ist es ausgewählte neue Impulse im Forschungs- und Praxisfeld Psychotherapie zu beschreiben.

Methoden: Der vorliegende Artikel synthetisiert und kondensiert, als selektives narratives Review, ausgewählte relevante Literatur verschiedener Datenbanken, einschließlich MEDLINE, EMBASE, PsycINFO und „Web of Science“ sowie zitierender und zitierter Arbeiten, um bedeutsame Entwicklungsstränge im Bereich Psychotherapie herauszuarbeiten.

Ergebnisse: Folgende Entwicklungsstränge werden beschrieben: 1) In Anknüpfung an die sogenannte dritte Welle der Verhaltenstherapie entstehen neue Interventionen, die insbesondere die Förderung (zwischen)menschlicher Tugenden, wie Mitgefühl, Vergebung und Dankbarkeit zum Kern haben; 2) Basierend auf technologischen Quantensprüngen entstehen neue Interventionen, die sich unter anderem Fortschritte im Bereich neuer Medien, Informations-, und Kommunikationstechnologien sowie neuronaler Bildgebung zunutze machen, wie zum Beispiel digitale Interventionen bei psychischen Störungen und neue Formen von Neurofeedback; 3) Inspiriert durch den Bereich Positive Psychologie erfährt die Förderung von Stärken und Resilienz im therapeutischen Kontext eine Renaissance; 4) Einhergehend mit dem neuen Paradigma einer „Präzisionsmedizin“ wird die Frage der differentiellen und adaptiven Indikation von Psychotherapie gänzlich neu gestellt und mittels neuer Methoden in Richtung einer „Präzisionspsychotherapie“ vorangetrieben; 5) Schließlich eröffnet der „embodied turn“ die Möglichkeit, dass Körperpsychotherapie in der akademisch geprägten Psychotherapielandschaft an Bedeutung gewinnt.

Schlussfolgerung: Diese und weitere Entwicklungen, wie die Arbeit mit systemischen Netzwerkmodellen oder die Nutzung maschinellen Lernens, illustrieren die lebendigen Aktivitäten im Bereich Psychotherapie.

Kennen Sie Coolhunting? Sie sind bereits mittendrin. Coolhunting ist das Aufspüren von Trends, von neuen Entwicklungen – klassischerweise im Bereich Mode und Design. Der vorliegende Artikel lädt sie ein auf eine Coolhunting-Expedition: Was tut sich gerade im Bereich Psychotherapie? Der Schwerpunkt liegt dabei auf relevanten Entwicklungen für die wissenschaftliche Therapie, geleitet von der Frage: Sind wir auf dem Weg in eine neue, eine 4. Welle?

Abstract

Background: The science and practice of psychotherapy is continuously developing. The goal of this article is to describe new impulses, guiding current advancements in the field.

Methods: This paper provides a selective narrative review, synthesizing and condensing relevant literature identified through various sources, including MEDLINE, EMBASE, PsycINFO, and „Web of Science“, as well as citation tracking, to elaborate key developments in the field of psychotherapy

Results: We describe several dynamics: 1) Following up the so-called „third wave of cognitive behavioral therapy“, new interventions arise that have at their core fostering interpersonal virtues, such as compassion, forgiveness, and gratitude; 2) Based on technological quantum leaps, new interventions arise that exploit current developments in the field of new media, information, and communication technologies, as well as brain imaging, such as digital interventions for mental disorders and new forms of neurofeedback; 3) Inspired by the field of positive psychology, there is a revival of the promotion of strength and resilience in therapeutic contexts; 4) In light of the new paradigm „precision medicine“, the issue of differential and adaptive indication of psychotherapy, addressed with new methods, regains relevance and drives a new field of „precision psychotherapy“. 5) Last but not least, the „embodied turn“ opens the door for body psychotherapy to gain relevance in academic psychotherapy.

Conclusion: These and further developments, such as the use of systemic and network approaches as well as machine learning techniques, outline the vivid activities in the field of psychotherapy.

Kernaussagen

Psychotherapie hat den Anspruch, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Aktuell erhält sie Impulse durch verschiedene, auch über die Verhaltenstherapie hinaus relevante Dynamiken:

  • In Anknüpfung an die sogenannte 3. Welle der Verhaltenstherapie entstehen neue Interventionen, die insbesondere die Förderung (zwischen)menschlicher Tugenden zum Kern haben, wie z. B. Mitgefühl, Vergebung und Dankbarkeit.

  • Basierend auf technologischen Quantensprüngen entstehen neue Interventionen, die sich u. a. Fortschritte im Bereich neuer Medien, Informations-, und Kommunikationstechnologien sowie neuronaler Bildgebung zunutze machen, wie z. B. digitale Interventionen bei psychischen Störungen und neue Formen von Neurofeedback.

  • Inspiriert durch den Bereich Positive Psychologie erfährt die Förderung von Stärken und Resilienz im therapeutischen Kontext eine Renaissance.

  • Einhergehend mit dem neuen Paradigma einer „Präzisionsmedizin“ wird die Frage der differenziellen und adaptiven Indikation von Psychotherapie gänzlich neu gestellt und mittels neuer Methoden in Richtung einer „Präzisionspsychotherapie“ vorangetrieben.

  • Schließlich eröffnet der „Embodied Turn“ die Möglichkeit für körperpsychotherapeutische Ansätze, an Bedeutung in der akademisch geprägten Psychotherapielandschaft zu gewinnen.

Diese und weitere Entwicklungen illustrieren die Lebendigkeit und Dynamik im Bereich Psychotherapie. Ob sich daraus eine 4. Welle der Verhaltenstherapie oder gar eine neue Welle der Psychotherapie entwickelt, wird die Zukunft zeigen.