Diabetes aktuell 2017; 15(05): 198
DOI: 10.1055/s-0043-113059
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© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Diabetes in der „rush hour“ des Lebens

Karin Lange1
  • 1Hannover
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Publication Date:
25 August 2017 (online)

Mit dem Eintritt in das Jugendalter ist nicht nur ein eindrucksvoller körperlicher, sondern auch ein kognitiver und emotionaler Wandel verbunden. Kreativität, logisches Denken, die kritische Betrachtung etablierter Regeln, eine verstärkte Emotionalität und eine große Offenheit für neue Erfahrungen prägen einen aufregenden und von optimistischer Zukunftssicht geprägten Lebensabschnitt. Zentrale Weichenstellungen wie beispielsweise der Schulabschluss, die Wahl einer Ausbildung oder eines Studiengangs und das Eingehen einer Partnerschaft kennzeichnen die Dekade zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr. Allgemein gelingt es einem großen Teil der jungen Leute trotz einiger Irrungen und Wirrungen, einen erfolgreichen Weg in ihr Leben als Erwachsene zu finden und alterstypische Entwicklungsaufgaben bei guter Lebensqualität zu bewältigen.

Auch Jugendliche und junge Erwachsene mit Diabetes müssen diese Herausforderungen der „rush hour“ des Lebens bewältigen, aber zusätzlich an 365 Tagen im Jahr eine anspruchsvolle Therapie zuverlässig umsetzen. Neue Technologien wie die kontinuierliche Glukosemessung (CGM) oder moderne Insulinpumpen können dabei eine große Hilfe sein. Sie machen aber auch das gesamte – nicht immer optimale – Therapieverhalten für Diabetesteams und Eltern nachvollziehbar.

Zwar ist heute eine normale Lebenserwartung trotz eines Typ-1-Diabetes möglich, sie setzt jedoch noch immer ein hohes Maß an Selbstdisziplin voraus. Diese Haltung ist mit den heutigen Idealen hoher Flexibilität und sofortiger Bedürfnisbefriedigung oft schwer vereinbar. Außerdem stellt sich die Frage nach der Akzeptanz des Diabetes als selbstverständlichen Teil der eigenen Identität als junge Frau oder junger Mann – und das in einer Welt, in der es vor irrationalen Idealvorstellungen nur so wimmelt. Die Diagnose erster diabetesbedingter Folgeerkrankungen kann schließlich Zukunftsperspektiven infrage stellen und zu Resignation oder zur Leugnung des gesundheitlichen Risikos führen.

Für alle Behandler, sowohl in der Pädiatrie als auch in der Erwachsenenmedizin, stellt sich die Frage, wie ein gutes, langes Leben mit einem Diabetes mellitus Typ 1 effektiv gefördert werden kann. Dazu werden in den folgenden 4 Beiträgen zentrale Aspekte diskutiert. Die Beratung der Eltern über eine altersgemäße Selbstständigkeit ihres Kindes mit Diabetes, also der Schutz vor Über-, aber auch vor Unterforderung, ist ein wichtiges Element der Kinderziehung generell, aber besonders bei Diabetes. Es geht aber auch um die Haltung des Teams gegenüber einem jungen chronisch kranken Menschen und wie es ihn erlebt – als „bedingt gesund“ oder eher als „ständig unterstützungsbedürftig“. Davon abhängig sind auch die Informations- und Behandlungsangebote zu bewerten, die junge Leute mehr oder weniger gut dabei unterstützen, die Diabetestherapie mit den Herausforderungen ihrer Generation zu vereinbaren. Alleinleben, Partnerschaft, Familienplanung, Karrierestrategien, finanzielle Sorgen, Prüfungsstress oder Wohnortwechsel stehen für Betroffene meist mehr im Vordergrund als zum Beispiel die letzten Details einer „nächtlichen Basalrate an einem Donnerstag vor 4 Wochen“.

Gelingt es uns Behandlern, die realen Bedürfnisse und Herausforderungen der jungen Patienten zu erkennen und mit ihnen dazu passende alltagstaugliche Therapiekonzepte und Behandlungsangebote zu entwickeln? Trauen wir ihnen zu, ein selbstbestimmtes Leben mit Diabetes zu führen? Und können wir schließlich der Minderheit von jungen Menschen, denen der Diabetes viel zu viel abverlangt, wirklich hilfreiche Versorgungsangebote, kreative Therapien und Coachings anbieten, um deren kurz- und langfristige Gesundheitsrisiken zu reduzieren? All diesen Fragen müssen wir uns in unserer täglichen Praxis immer wieder stellen. Lassen Sie uns mit der Lektüre des Themenschwerpunkts „Jugendliche und junge Erwachsene – Diabetes in der ‘rush hour’ des Lebens“ damit anfangen.