Physikalische Medizin, Rehabilitationsmedizin, Kurortmedizin 2017; 27(02): 71
DOI: 10.1055/s-0043-103687
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© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Präoperative Bewegungstherapie kann die Ergebnisse nach vorderer Kreuzbandplastik verbessern

K. Ammer
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Publication Date:
15 May 2017 (online)

Akademische Physiotherapeuten der englischen Universität Manchester haben einen systematischen Review zur Wirksamkeit einer präoperativen Bewegungstherapie auf die Ergebnisse einer vorderen Kreuzbandplastik vorgelegt. In den Datenbanken PubMed, Ovid, Cochrane Library und Web of Science wurde mit einer Kombination von Suchbegriffen – ‘anterior cruciate ligament injury’, ‘pre-operative rehabilitation’, ‘pre-operative exercise’, ‘pre-operative protocol’, und ‘quality of life’- nach Studien gesucht, die bis Dezember 2015 in die Datenbanken aufgenommen worden waren. Die Qualität der Studienmethoden wurde mit der PEDro (=Physiotherapy Evidence Database) Skala beurteilt.

Von 500 Arbeiten erfüllten 8 Studien die Einschlusskriterien und bildeten die Basis dieser Analyse. Der durchschnittliche PEDro-Score der analysierten Studie betrug 5,8 Punkte, im Sinne einer mittleren Qualität der Studienmethoden. Die acht Studien untersuchten insgesamt 451 Personen, von denen 71% (n=319) Männer waren. Das Alter der Teilnehmer in den analysierten Studien lag zwischen 15 und 57 Jahren. Die Dauer der Interventionen lag zwischen 3 und 24 Wochen. Diese systematische Studienanalyse zeigte, dass eine präoperative Bewegungstherapie die Ergebnisse nach vorderer Kreuzbandesplastik, insbesondere die Kniefunktion und die Muskelkraft verbessern kann. Obwohl es nach der Intervention zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität gegenüber dem Ausgangswert gekommen war, wurde jedoch kein signifikanter Unterschied in der Lebensqualität zwischen der Kontrolle- und Bewegungstherapie-Gruppe gefunden.

Die Autoren schlussfolgern, dass es Hinweise darauf gibt, dass eine präoperative Bewegungstherapie für Patienten mit operativer Behandlung einer vorderen Kreuzbandverletzung vorteilhaft ist.

Kommentar

Bewegungstherapie wird vermehrt zur Erhöhung der kardiovaskulären Leistungsfähigkeit und der Muskelkraft vor Operationen eingesetzt, in der Hoffnung dadurch postoperative Komplikationen zu vermindern und die körperliche Funktionsfähigkeit zu verbessern. Die Wirksamkeit derartiger Interventionen wird in der Literatur unterschiedlich beurteilt. Präoperative Bewegungstherapie kann möglicherweise die körperliche Fitness von Patienten vor größeren Bauchoperationen verbessern und ein präoperatives Training der Atemmuskulatur scheint bei der Verringerung pulmonaler Komplikationen wirksam zu sein [1] [2]. Hingegen sind bei Patienten mit Gelenkersatz weder die Dauer des Krankenhausaufenthalts noch die Komplikationsrate durch präoperative Bewegungstherapie signifikant vermindert [2].

Einzelne Studien haben vorteilhafte Effekte einer präoperativen Bewegungstherapie bei Patienten mit geplantem Hüft- bzw. Kniegelenksersatz gefunden [3] [4] [5]. Jedoch kommen die Autoren eines systematischen Reviews zu dem Schluss, dass aufgrund der mangelnden Qualität hinsichtlich Studiendesigns und therapeutischer Zielsetzung keine positiven Veränderungen einer präoperativen Bewegungstherapie auf den postoperativen Verlauf von Patienten nach Hüftgelenksersatz nachgewiesen werden können [6]. Im Gegensatz zur vorliegenden Analyse wurde die Qualität der Methodik in der Übersicht von Hoogeboom et al. [6]. deutlich strenger beurteilt. Eine ähnliche kritische Betrachtung des Wertes der Bewegungstherapie, die vor einer Kreuzbandrekonstruktion durchgeführt worden war, würde wahrscheinliche die methodische Qualität der eingeschlossenen Studien weiter reduzieren und damit die Evidenz positiver Effekte präoperativen Bewegungstherapie bei Patienten nach Operation des vorderen Kreuzbandes als unbestimmbar bezeichnen.