Akt Rheumatol
DOI: 10.1055/s-0042-124370
Übersichtsarbeit
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Die hereditäre Hämochromatose: Eine interdisziplinäre diagnostische und therapeutische Herausforderung

Hereditary Haemochromatosis: An Interdisciplinary Diagnostic and Therapeutic ChallengeMarkus Rihl1
  • 1Rheumatologische Facharztpraxis, Gemeinschaftspraxis Dr. H. Voit/PD Dr. M. Rihl, Traunstein
Further Information

Publication History

Publication Date:
24 April 2017 (eFirst)

Zusammenfassung

Die hereditäre Hämochromatose (HH) ist mit einer Homozygoten-Frequenz von 1:200–400 die häufigste autosomal-rezessiv vererbte Stoffwechselstörung in der mittel-/nordeuropäischen Bevölkerung. Die genetischen Defekte bei der HH werden derzeit in 4 Typen unterschieden und zeigen Mutationen im HFE-, Hemojuvelin-, Hepcidin-, TfR2- oder dem Ferroportin 1-Gen. Typ 1 ist die klassische und häufigste Form der HH, bei der 2 Mutationen (C282Y und H63D) im HFE-Gen auf Chromosom 6 identifiziert wurden; wobei mittlerweile zahlreiche Längsschnittstudien eine relativ niedrige Penetranz der Mutationen nachgewiesen haben. Die genetische Testung wird empfohlen für Patienten, bei denen eine erhöhte Transferrinsättigung besteht und für gesunde Personen, die einen Verwandten 1. Grades mit einer HH haben. Bei der HH kommt es über Jahre zu einer stark erhöhten Eisenresorption aus der Nahrung, die zunehmende Eisenüberladung führt unbehandelt u. a. zu Hepatomegalie, Diabetes mellitus, Hautverfärbung („Bronzediabetes“), Kardiomyopathie, Libidoverlust/Infertilität und Leberzirrhose bis hin zum hepatozellulären Karzinom. Häufiges und im Krankheitsverlauf schon früh auftretendes Leitsymptom der Erkrankung sind Arthralgien, die als Manifestation der Hämochromatose-Arthropathie (HCA) zu sehen sind. Typisch sind Arthrosen im Bereich der MCP-Gelenke, letztlich können aber alle Gelenke von degenerativen Veränderungen betroffen sein; auch die Chondrokalzinose (CPPD-Kristallarthropathie) mit akuten, anfallsartigen Arthritiden ist charakteristisch für die HCA. Die Gelenkbeteiligung korreliert nicht zwangsläufig mit dem Grad der Eisenüberladung und im Gegensatz zu den meisten anderen Manifestationen lassen sich die Beschwerden bzw. die klinischen Manifestationen am Bewegungssystem durch therapeutische Aderlässe nicht bessern, auch immunmodulierende Therapien bleiben häufig ohne Ansprechen, sodass letztlich die symptomatische Therapie im Vordergrund steht. Bei der Aderlasstherapie sollten zunächst alle 1–2 Wochen 400–500 ml Blut entfernt werden, Therapieziel sollten niedrignormale Serumferritinwerte sein (20–150 µg/l), bei Auftreten einer Anämie werden die Aderlässe pausiert. Diese Übersicht stellt die aktuellen klinischen, pathogenetischen, diagnostischen sowie therapeutischen Aspekte dieser Erkrankung dar.

Abstract

Hereditary haemochromatosis (HH) is the most common autosomal recessive disorder in white populations with a prevalence of 1:200–400 for homozygous patients. However, several longitudinal observations demonstrate that the penetrance is rather low. The classical and most common form (type 1 HH) is characterised by a C282Y mutation within the HFE gene on chromosome 6 leading to excessive iron absorption. Other, non-HFE gene mutations (HJV, HAMP, TfR2, ferroportin-1) have been described as well. There is a wide variety of symptoms and clinical manifestations such as general malaise, abdominal pain, hepatomegaly, diabetes mellitus, cardiomyopathy, infertility, discolouration of the skin, cirrhosis of the liver, and even hepatocellular carcinoma. Arthralgias as leading symptoms of arthropathy of haemochromatosis are commonly observed early in the course of the disease; in most cases, there is a characteristic osteoarthritis-like involvement of the finger (i. e. metacarpophalangeal) joints. Another articular manifestation is chondrocalcinosis, which leads to relapsing acute synovitis (i. e. CPPD synovitis). Since arthropathy often does not improve by iron depletion, symptomatic treatment of arthralgias remains the mainstay. Phlebotomy – removing 400–500 ml of blood every 1–2 weeks – should promptly be initiated upon diagnosis of iron overload; serum ferritin levels should be maintained within the range of 20–150 µg/l. This review summarises the relevant clinical and diagnostic, pathogenic as well as therapeutic aspects of hereditary haemochromatosis.