Psychother Psych Med 2017; 67(01): 7-8
DOI: 10.1055/s-0042-123266
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Soziale Themen in schwierigen Zeiten

Social Issues in Hard Times
Bernhard Strauß
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Publication Date:
01 February 2017 (online)

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Das vergangene Jahr war in vielerlei Hinsicht politisch bemerkenswert: Unerwartete Entwicklungen wie der „Brexit“ oder die Wahl von Donald Trump zum künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika werden als Ausdruck einer großen Verunsicherung gewertet, Folge der Globalisierung und einer Migrationsbewegung gewaltigen Ausmaßes in Folge der Kriege in dieser Welt. Auf dem Hintergrund dieser gigantischen Herausforderungen unserer Zeit und in Zeiten des Populismus und der Krisen vieler etablierter und vertrauter Strukturen (allen voran der EU), muss sich auch der Herausgeberkreis einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift auf dem Gebiet der psychosozialen Medizin die Frage stellen, ob und wieweit diese aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen in unseren wissenschaftlichen und klinischen Diskursen überhaupt eine Rolle spielen.

Inspiriert durch die Lektüre eines Beitrages von Thieme, Brähler und Stöbel-Richter [1], die in der Zeitschrift Psychiatrische Praxis das „Mantra Biopsychosozial“ unter die Lupe nahmen und überprüften, ob insbesondere das Soziale in der psychosomatischen Medizin und Psychotherapie – gemessen an den Publikationen in Fachzeitschriften – ausreichend Berücksichtigung findet. Die Autoren konstatierten damals, dass in den Zeitschriften „Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie“ sowie „Psychotherapeut“, 2 wichtigen deutschsprachigen Organen des Faches, etwa ein Sechstel der Artikel „zumindest partiell sozialen Themen zugeordnet werden“ (S. 350) konnten. Zum damaligen Zeitpunkt – die Analyse bezog sich auf die Jahre 2010 und 2011 – beschäftigten sich die meisten relevanten Arbeiten mit dem Thema „Arbeit und Gesundheit“ bzw. die Folgen von Mobbing und Arbeitslosigkeit z. B. [2] [3] [4]. Thieme et al. [1] kamen aber auch zu dem Schluss, dass viele andere soziale Felder sehr unzureichend abgebildet waren, wie bspw. der demografische Wandel, Kriegstraumatisierungen, Folteropfer, die Probleme Alleinerziehender oder altersbezogene Themen.

Wie würde die Analyse ausfallen mit Blick auf einen aktuelleren Jahrgang der PPmP? Es sei vorweggenommen: Die PPmP reflektiert aktuell durchaus den Zeitgeist im Hinblick auf relevante soziale und politische Veränderungen. Sicher trug dazu maßgeblich bei, dass in der Zeitschrift aktuell und mit direktem Bezug zu den politischen Diskussionen hierzu ein Schwerpunkt zu den Themen „Flucht, Migration und psychische Gesundheit“ veröffentlicht wurde [5]. In diesem Schwerpunktheft findet sich auch ein Weiterbildungsbeitrag zur Frage der Psychotherapie mit Migranten und traumatisierten Geflüchteten [6], der übrigens derzeit zu den meist zitierten Arbeiten der PPmP des letzten Jahres gehört. Aus wissenschaftlicher Sicht ist von großer Bedeutung, wie der Migrationsstatus in wissenschaftlichen Befragungen überhaupt erhoben wird, wozu Kroh und Fetz [7] einen Beitrag veröffentlicht haben. Aber auch in anderen Ausgaben der PPmP war das Flüchtlingsthema präsent [8]. Wie in der Analyse von Thieme et al. [1] zeigt auch die Durchsicht des letzten Jahrgangs der PPmP viele gesundheitsrelevante Themen im Kontext von Ausbildung und Beruf. So untersuchten Ahnert u. a. die Entwicklung von Methoden der Lehrerfortbildung zur Früherkennung depressiver Symptome bei Schülern [9]. Söllner u. a. untersuchten Zusammenhänge zwischen frühen Bindungsbeziehungen und Emotionsregulation bei Menschen mit Burnout [10]. Auch eine arbeitsbezogene Analyse der interdisziplinären Versorgung von Arbeitnehmern mit psychischen Störungen [11] stellt ein Beitrag dar, der untermittelbar auf ein biopsychosoziales Modell bezogen ist, ebenso wie die Untersuchungen zum Stresserleben bei Medizinstudierenden [12].

Die Zeitschrift „Psychotherapie, Psychosomatik Medizinische Psychologie“ hat auch eine klinisch-praktische Ausrichtung und dementsprechend will sie neben der Vermittlung relevanter Forschungsbefunde auch Vorschläge unterbreiten, wie den hier erwähnten Problemen adäquat in der klinischen Praxis begegnet werden kann. Allgemeine und spezifische kommunikative Kompetenzen [13] sind hier ein wesentliches Element, das in der psychosozialen Medizin zur Verfügung steht, um auch den Problemen in Folge dramatischer sozialer und politischer Veränderungen im Kontext von Flucht und Migration adäquat begegnen zu können. Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist es aber auch dringend nötig, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten etwa im Umgang mit Asylsuchenden und in ihrer interkulturellen Kompetenz spezifisch zu schulen und sie zu unterstützen [14] [15] [16].

Die Notwendigkeit, sich aus psychotherapeutischer Sicht aktuell und intensiv mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen scheint in unserer Zeitschrift mittlerweile angekommen zu sein. Freilich ist es nicht möglich, alle wichtigen sozialen Themen simultan und gleichwertig zu behandeln. Insbesondere auf die gesellschaftlichen Aspekte von Flucht und Migration wurde in der PPmp ausführlich eingegangen. Wir können also mit Freude vermelden, dass der Begriff biopsychosozial in den Beiträgen der PPmP nicht nur ein Mantra darstellt, sondern in der klinisch-wissenschaftlichen Forschung und Praxis der deutschsprachigen Psychosomatik und Medizinischen Psychologie ausreichend berücksichtigt wird.