Diabetologie und Stoffwechsel 2016; 11(06): 51-60
DOI: 10.1055/s-0042-118216
Dus-Refresher
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Glukoseselbstmessung – technische Möglichkeiten und Limitationen

T. Forst
,
E. Zijlstra
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Publication Date:
20 December 2016 (online)

Einleitung

Die regelmäßige Messung des Blutzuckers (Self-Measurement of Blood Glucose; SMBG) ist für viele Patienten mit einem Diabetes mellitus zu einem unverzichtbaren Instrument der Stoffwechseleinstellung geworden. Die Einführung der SMBG in den 1960ern hat maßgeblich zu einer verbesserten Blutzuckerkontrolle bei Patienten mit einem Diabetes mellitus beigetragen. Für viele Patienten unter einer Insulintherapie stellt die SMBG die Basis der täglichen Insulindosisfindung dar. Aber auch bei nicht insulinbehandelten Patienten mit einem Diabetes mellitus Typ 2 kann die SMBG einen Beitrag zur Verbesserung der Blutzuckereinstellung leisten. Neben einer Optimierung der pharmakologischen Blutzuckereinstellung kann die SMBG bei einer Modifikation des allgemeinen Lebensstils Unterstützung bieten. Wie in [Tab. 1] aufgeführt, wurde in einer Studie bei neu diagnostizierten Typ-2-Diabetikern durch die SMBG neben einer Steigerung der körperlichen Aktivität eine deutlichere Ernährungsumstellung im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne SMBG erzielt [1]. Die Entscheidung zur Durchführung und Intensität der SMBG sollte jedoch immer auf einer individuellen Basis erfolgen. Je nach Zielsetzung kann dabei die Intensität der Blutzuckerkontrollen von mehrmals täglich wie bei der intensivierten Insulintherapie bis hin zu gelegentlichen Kontrollen in mehrwöchigen Abständen bei weniger intensiven Therapieformen (konventionelle Insulintherapie, Basalinsulintherapie, GLP-1-Rezeptoragonisten oder orale Antidiabetika) reichen.

Die SMBG ist für viele Patienten unter Insulintherapie die Grundlage der Dosisfindung und kann auch bei Typ-2-Diabetikern ohne Insulintherapie die Stoffwechsellage verbessern helfen.

Tab. 1

Veränderungen der körperlichen Aktivität und Ernährungsgewohnheiten durch Blutglukoseselbstmessung (SMBG) im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne SMBG bei Patienten mit Typ-2-Diabetes unter Therapie mit oralen Antidiabetika (modifiziert nach [1]).

Kontrollgruppe (n = 62) in n (%)

SMBG-Gruppe (n = 99) in n (%)

Signifikanz (p)

vermehrtes Treppensteigen

13 (21)

54 (55)

0,003

vermehrte körperliche Aktivität

 4 (6)

41 (41)

0,002

Anstieg des Aktivitätsscores

17 (27)

76 (77)

0,001

erhöhter Gemüsekonsum

26 (42)

71 (72)

0,004

erhöhter Konsum von Ballaststoffen

13 (21)

65 (66)

0,0001

erhöhter Konsum von Nahrungsmitteln mit niedrigem glykämischem Index

24 (39)

61 (62)

0,006

erhöhter Konsum ungesättigter Fettsäuren

33 (53)

79 (80)

0,002

Gewichtsverlust (> 0,5 kg)

23 (37)

63 (64)

0,03

HbA1c < 6 % (Regression)

 3 (5)

39 (39)

0,001

HbA1c 6,0 – 6,4 % (Remission)

19 (31)

37 (37)

0,01

HbA1c < 7 %

46 (74)

91 (92)

0,04

HbA1c > 7 %

16 (26)

 8 (8)

0,01

In jedem Fall sollte eine strukturierte und personalisierte SMBG mit einer entsprechenden Schulung des Patienten hinsichtlich der Interpretation und der zu ziehenden Konsequenzen verbunden werden ([Abb. 1]). Dabei sind die individuellen Therapieziele wie HbA1c, Nüchternblutzucker, postprandialer Blutzucker oder die Vermeidung von Hypoglykämien im Blutzuckermessplan für den Patienten zu berücksichtigen. Als allgemeine Empfehlungen gelten Blutzuckerzielwerte von nüchtern 80 – 130 mg/dl, < 180 mg/dl postprandial und zwischen 100 und 150 mg/dl vor dem Schlafengehen, wobei Hypoglykämien zu vermeiden sind [2]. Im individuellen Fall kann es jedoch erforderlich sein, erheblich von diesen Zielwerten abzuweichen. Die Versorgung eines Patienten mit einem Blutzuckermessgerät und Blutzuckermessstreifen ohne klare Vorgaben zur strukturierten Durchführung der SMBG und zu den daraus abzuleitenden Konsequenzen erscheint wenig sinnvoll. Auch die Bereitschaft des Patienten zur SMBG stellt dabei ein Entscheidungskriterium dar.

Die SMBG sollte stets mit einer Schulung des Patienten einhergehen, bei der Interpretation, zu ziehende Konsequenzen und individuelle Therapieziele vermittelt werden.

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Abb. 1 Schematische Darstellung der strukturierten und ereignisgesteuerten Blutglukoseselbstmessung (SMBG) zur Verbesserung der Qualität der Stoffwechseleinstellung (modifiziert nach [3]).