Z Sex Forsch 2016; 29(03): 255-265
DOI: 10.1055/s-0042-114407
Debatte
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Sexueller Missbrauch, Pädophilie und die Unschuld der Kinder[1]

Ulrike Heider
Weitere Informationen

Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
26. September 2016 (online)

Wir leben in einer Welt von Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch. Und so lange das so ist, werden Kinder, nicht anders als Frauen, geschlagen, sexuell funktionalisiert und vergewaltigt werden. Dennoch gibt es einen historischen Fortschritt sowohl im Bewusstsein der Menschen als auch in der Alltagspraxis, zumindest in dem Teil der Welt, den wir als Privilegierte bewohnen. Das Wissen darüber, dass sowohl Prügel und emotionale Demütigung als auch sexueller Missbrauch − mit oder ohne Gewaltanwendung − dem späteren Leben eines Kindes schaden können, hat sich durchgesetzt. Gesetze, die beides unter Strafe stellen, werden angewandt.

Als ich in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren heranwuchs, wurden die meisten Kinder von ihren Eltern und z. T. auch von Lehrern geschlagen. Und das, obwohl die Prügelpädagogik schon seit über 200 Jahren in Frage gestellt worden war. In Erziehungsheimen gab es Karzerstrafen, Zwangsarbeit und Folter wie Essensentzug, ohne dass sich jemand darüber aufgeregt hätte. Mehr Bewusstsein, wenn auch fragwürdiges, herrschte in Bezug auf die sexuelle Integrität der Kinder, die es als „Unschuld“, vor allem bei Mädchen, bis ins Erwachsenenalter hinein zu erhalten galt. Zu frühe Aufklärung über die Geschlechtsvorgänge und zu frühe sexuelle Betätigung wie z. B. Masturbation oder das Erkunden der Geschlechtsteile am eigenen oder einem anderen Körper, so die herrschende Meinung, würde Kinder „verderben“ und später der Prostitution in die Arme treiben. Doktorspiele zwischen Kindern führten direkt ins Erziehungsheim. Vom „Kinderschänder“ schließlich glaubte man, dass er seine auf Spielplätzen mit Schokolade angelockten Opfer mit seiner tierischen Begierde für immer demoralisieren würde. Zusammen mit dem offiziell verbotenen Kommunisten war er das Monster, von dem sich die Menschen dieser Zeit am meisten bedroht fühlten. Eng mit ihm verwandt war der „Hundertfünfundsiebziger“[2], der notorisch Jünglinge verführte. Ähnlich einem Vampir infizierte er seine Opfer mit dem eigenen Fluch, so dass sie ihm ein Leben lang gleichen würden.

Eine Verkörperung von beiden war der vierfache „Knabenschänder“ und -mörder Jürgen Bartsch, dessen grausiger Fall ab Mitte der 1960er-Jahre durch die Presse ging. Während Volkes Stimme nach Rache brüllte und man an Stammtischen Hinrichtung, Folter und Entmannung des − zum Tatzeitpunkt minderjährigen − Unmenschen fantasierte, erhoben sich Stimmen, die auf dessen schreckliche Kindheit hinwiesen und seine Taten psychologisch und sozial zu erklären versuchten. Als Bartsch 1976 bei seiner selbst gewünschten Kastration auf dem Operationstisch starb, vermuteten viele eine − zumindest unbewusste – Absicht.

Seit dem Ende der 1960er-Jahre, im Zuge politischer und moralischer Liberalisierung und unter dem Einfluss von Friedensbewegung, Studenten- und Schwulenbewegung verloren die Monster ihren Schrecken. Der Kommunist durfte sich wieder organisieren. Der „Kinderschänder“ schien auszusterben. Der „Hundertfünfundsiebzigerer“ wurde schrittweise rehabilitiert, und die neue Schwulenbewegung bewies, dass Homosexuelle keine Kinderverderber sind und dass die Ansteckungstheorie ein Ammenmärchen war. Das pädagogische Augenmerk verschob sich jetzt auf die mögliche Schädigung der Kinder durch Prügel, Einsperrung, grausame Reinlichkeitserziehung und Verbote der Äußerungen kindlicher Sexualität. Dazu beigetragen hatte vor allem die Wiederentdeckung der von den Nazis vertriebenen Psychoanalyse. Das negative Bild von der menschlichen Lust und die Angst vor ungezügelter Triebhaftigkeit wichen einer positiven Vorstellung von Sexualität, die ihre Nachtseiten oft ausblendete. Freuds Entdeckung der kindlichen Sexualität, seine und Wilhelm Reichs Warnungen vor deren Unterdrückung wurden ernst genommen. In Kinderläden und Wohngemeinschaften durften die Kleinen nackt herumlaufen. Sie durften einander beim Pinkeln zuschauen, sie durften Onanieren und Doktorspielen nachgehen.

Als Reflex auf die prüden Zeiten kam es dabei bisweilen zu Übertreibungen und unreflektierten Retourkutschen. Viele tendierten zur Romantisierung und Idealisierung der nicht unterdrückten Sexualität, von der man jetzt nur noch Gutes erwartete. Der Übereifer mancher Eltern und Erzieher zum Beispiel, die meinten, die Kinder zur Sexualbetätigung untereinander auffordern zu müssen, war eine Folge davon. Trotzdem lag der pädagogische Akzent immer auf der Vermeidung all dessen, womit man selbst einmal gequält worden war. Wenn ich Kinder hätte, würden sie zur ersten Generation derer gehören, die hierzulande gute Chancen hatten, weder körperlich gezüchtigt noch gewaltsam aufs Töpfchen gezwungen oder fürs Onanieren bestraft zu werden. Ein Fortschritt zweifelsohne in Bezug auf den Umgang mit Kindern.

Erst gegen Ende der 1970er-Jahre begann man, sich wieder Sorgen um die sexuelle Integrität von Kindern zu machen. Die Debatten über das, was seither „sexueller Missbrauch“ genannt wird, bezogen sich zunächst vor allem auf kleine Mädchen. Schon etliche Jahre vorher hatten amerikanische Feministinnen wie die Sozialarbeiterin Florence Rush enthüllt, wie häufig Mädchen von Vater, Stiefvater oder Onkel sexuell missbraucht werden und wie dies, um die Familienwerte nicht in Frage zu stellen, unter den Teppich gekehrt wird. Ihre Kampagne ging mit einer massiven Kritik an der Psychoanalyse einher. Freud, hieß es, habe den inzestuösen Missbrauch in der Familie, den er einst aufgedeckt habe, durch die Lehre vom Ödipuskomplex ersetzt, um es sich nicht mit den bürgerlichen Vätern seiner Patientinnen zu verderben. Dass Freud ebendiese Lehre mit der darin enthaltenen Beschreibung der kindlichen Sexualität weit mehr Anfeindungen einbrachte als seine ursprüngliche Traumatheorie, wurde vergessen.

Die bundesrepublikanische Frauenbewegung griff all dies auf, und es kam zu einer Welle von Erinnerungen einst missbrauchter Frauen. Im Gegensatz zum abnorm gedachten „Kinderschänder“ von einst galt der jetzt „Täter“ genannte Missbraucher als ganz normaler Mann, der sich Frauen und Mädchen dienstbar macht, indem er sie sexuell beherrscht. Die Ursache lag, wie es die Linke von den Frühsozialisten bis zur 68er-Bewegung angenommen hatte, in der Gewaltförmigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse. Diese Erkenntnis konnte angesichts der allgemeinen Entpolitisierung der Neuen Linken und der feministischen Fixierung auf weibliche Identität nicht mehr in Strategien grundlegender sozialer Veränderungen integriert werden. Es entstand stattdessen ein beachtliches Netz von Organisationen zum Schutz von Mädchen und Kindern, das den Opfern Hilfe anbot. Unzählige frauenbewegte Ärztinnen, Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen spezialisierten sich auf den sexuellen Missbrauch vor allem an Mädchen. Auch dies war ein Fortschritt für die Kinder, der allerdings mit der Isolierung des Problems und der Absage an die Psychoanalyse einem moralisierenden Denken, der Wiederkehr der Ideologie von der kindlichen Unschuld und des Kinderschändermonsters den Weg ebnete.

Zu den noblen Motivationen des Missbrauchsaktivismus und den heilsamen Folgen der neuen Aufmerksamkeit gesellten sich denn auch die fragwürdigen: Manch frustrierte Ehefrau bezichtigte den Verflossenen bei der Scheidung, die Tochter sexuell missbraucht zu haben. Und so manches Mädchen fand es bequem, alle Probleme seines Lebens mit einem realen oder fiktiven Inzesterlebnis zu erklären. Es kam zu Falschbezichtigungen, Fehlanzeigen und Gerichtsverhandlungen, während derer sich die Anschuldigungen als erfunden erwiesen. Als Reaktion darauf entstand Mitte der 1990er-Jahre, angestoßen von der Publizistin Katharina Rutschky, eine Gegenbewegung, die das Schlagwort „Missbrauch mit dem Missbrauch“ (Rutschky 1992) prägte. Ohne sexuellen Kindesmissbrauch als schweres Vergehen zu leugnen, kritisierte Rutschky die Annahme, dass jede erotische Annäherung an ein Kind dieses automatisch traumatisiere, und warnte vor der damit verbundenen Stigmatisierung der Opfer und vor einer neuen Kinderschänderhysterie. Die Kritik von Seiten des Feminismus war so heftig, dass ein von Rutschky organisierter Kongress zum Thema sexueller Kindesmissbrauch unter Polizeischutz stattfinden musste.

Zu den Missbrauchsdebatten kamen die zum Thema Pädophilie. Beim Rückblick auf diese Diskussionen fällt die Verwischung der Grenze zwischen Kindern und Jugendlichen auf, ebenso wie ein falscher Gebrauch des Wortes pädophil im Sinne von päderastisch bzw. ephebophil.[3] Beides erschwert bis heute die Auseinandersetzung mit dem Thema. Unzählige Jugendliche hatten in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und auf Sexualbetätigung gefordert. Sie hatten sich in der Schüler- und Lehrlingsbewegung organisiert, waren von zu Hause weggelaufen oder aus Erziehungsheimen geflohen. Sie lebten in Studentenwohnheimen, besetzten Häusern und Wohngemeinschaften, hatten Sex untereinander und auch mit Älteren. Zu Letzteren gehörten u. a. ephebophile Homosexuelle, die jetzt oft als Pädophile bezeichnet wurden, ohne dass man sie moralisch verurteilte. Manche von ihnen taten dies sogar selbst, wahrscheinlich weil es moderner klang. Das Wort ephebophil war kaum bekannt, der Begriff Hebephilie noch nicht gängig und an dem Begriff Päderast klebte zu viel konservative Ideologie.

Im Klima allgemeiner Liberalisierung und Enttabuisierung versuchten nun Menschen, die tatsächlich pädophil waren, d. h. vor- oder peripubertäre Kinder begehrten, auch ihr Recht auf Sexualbetätigung einzuklagen. Mehrere Gruppen und Zeitschriften der schwulen Bewegung solidarisierten sich mit ihnen, weil die traditionell homophobische Gleichsetzung von Päderastie, Pädophilie und Homosexualität dies zu gebieten schien. Trotzdem diskutierte man das Thema nur wenig. Innerhalb der linken Szene wurden die Forderungen der pädophilen Männer zunächst kaum wahrgenommen oder als Teil der Bestrebungen zur vollständigen Legalisierung der Homosexualität verstanden. Umso mehr als die Doppelmoral bei der Aufrechterhaltung des § 175 für Schwule unter 21 Jahren empörend war. Wenn ein unter 21 Jahre alter Homosexueller mit einem über 21-jährigen schlief, wurde der Ältere bestraft. Wenn beide zwischen 18 und 21 Jahren waren, machten sich beide strafbar. Ein heterosexueller Mann dagegen verstieß nur gegen das Gesetz, wenn er mit einem Mädchen unter 14 schlief. Erst 1994 wurde das Schutzalter für männliche Jugendliche dem der weiblichen angeglichen. Alle, die in den 1970er-Jahren progressiv waren, meinten, dass homosexuelle Sexualkontakte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen ebenso legal sein sollten wie heterosexuelle. Viele befürworteten auch eine generelle Enttabuisierung von generationsübergreifender Sexualität. Hätte man mich gefragt, ob ich für die Entkriminalisierung auch der Pädophilie wäre, hätte ich bestimmt ja gesagt.

Ungleich bekannter als alle Sprecher der Pädophilen vor und nach ihm war der einstige Hitlerjunge, Flakhelfer, Schwarzmarkthändler und Fremdenlegionär Peter Schult. Er hatte sich in den 1960er-Jahren der Neuen Linken angeschlossen, war politisch in der Münchner „Roten Hilfe“ aktiv und schrieb für linke Zeitschriften. Er starb 1984, weil er im Gefängnis medizinisch nicht versorgt worden war. Obwohl er in der linken Szene (von den neoleninistischen K-Gruppen über die Spontis bis hin zu den JUSOs) immer als „Pädophiler“ bezeichnet wurde, war Schult ein klassischer Päderast, nannte sich selbst nie anders und akzeptierte das Schutzalter von 14 Jahren. Er schlief mit jugendlichen Ausreißern und Sozialfällen, ließ sie bei sich wohnen und unterstützte sie finanziell. Er schwärmte für naive, träumerische Jungen und glaubte, einen guten Einfluss auf sie zu haben. Als er 1976 wegen des sexuellen Kontakts mit einem 15-jährigen Jungen und einem 9-jährigen Mädchen angeklagt war, bekannte er sich zum Sex mit dem Jungen, bestritt aber glaubwürdig, sich an dem Mädchen vergriffen zu haben. Schults Prozess wurde von Schwulen- und Spontigruppen im ganzen Land publik gemacht. Linke und liberale Prominente wie Fritz Teufel, der schwule Terrorist Rolf Pohle, die Filmemacher Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff, der Verleger Herbert Röttgen und der Theologe Helmut Gollwitzer unterstützten Schult. Wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil er ein hochbegabter Autor war, wie seine Artikel und die 1982 erschienene, eindrucksvolle Autobiografie beweisen.

Anlässlich des Schult-Prozesses fand in Frankfurt das legendäre „Teach-in“ zum Thema „Die Linke und Männersexualität“ statt, auf dem sich Feministinnen und Schwule erstmals in der Geschichte ihrer neuen Bewegungen Kindesmissbrauch und Sexualfeindlichkeit vorwarfen. Drei Mitglieder der Frankfurter Schwulengruppe verlasen ein Statement. Schult habe nichts mit dem Mädchen gehabt, stellten sie fest, fragten aber, was wäre, wenn ein Genosse es mit einer Neunjährigen „treiben“ würde. Mehrere Frauen reagierten mit scharfer Kritik und bekannten sich zur Angst um ihre Kinder. Der seither schwelende Konflikt zwischen Frauenbewegung und Schwulenbewegung fand drei Jahre später mit dem ebenso legendären Gespräch zwischen Alice Schwarzer und Günter Amendt ein vorläufiges Ende. Amendt, Autor des berühmten Aufklärungsbuches „Sexfront“, beklagte damals die Verwischung des Unterschieds zwischen Päderasten und Pädophilen, kritisierte die idealistisch verbrämte Päderastie als autoritäre Ideologie und sagte den berühmten Satz: „Wir treten als Erwachsene für das Recht der Kinder auf Sexualität ein. Das heißt aber nicht, dass wir für das Recht der Erwachsenen auf die Sexualität der Kinder eintreten“ (Amendt 1980: 2).

Dank der Wirkungskraft des Amendt‘schen Statements und der Logik vergleichbarer Argumente aus der Frauenbewegung, als Folge neuerer Erkenntnisse der Traumaforschung und auch unter dem Einfluss des sich damals schon abzeichnenden neuen Sexualkonservatismus verloren die bekennenden Pädophilen seit Ende der 1980er-Jahre die meisten ihrer Unterstützer. Gleichzeitig kam es zu einem generellen Umdenken in Bezug auf die Leichtfertigkeit, mit der im Zuge des sexuellen Optimismus von einst sexueller Kindesmissbrauch oft verharmlost wurde. Sexualforscher und andere, die vorher der Meinung waren, dass gewaltfreie Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern unschädlich sei, änderten ihre Positionen. Ein weiterer Fortschritt für die Kinder, wäre da nicht die Falle des gegenteiligen Extrems und des Rückfalls in die Vergangenheit gewesen. Die Furcht vor dem Kinderschänder, der inzwischen Pädophiler heißt und wie einst als abnormaler Triebtäter wahrgenommen wird, griff um sich. Und mit dem bekannten Zitat Gerhard Schröders „wegschließen – und zwar für immer“ (Schröder 2001: 1) wurde die Frage nach möglichen gesellschaftlichen Ursachen für sexuellen Kindesmissbrauch von staatlicher Seite als unsinnig abgetan.

Auch bei der Sexualerziehung kam es abermals zu einem Paradigmenwechsel. Statt den Kindern eine positive und angstfreie Einstellung zur Sexualität zu vermitteln, konzentrierte man sich mehr und mehr darauf, sexuellen Missbrauch aufzuspüren. Symptomkataloge vom Gebrauch „obszöner“ Wörter über Essstörungen bis zu Kopfschmerzen bei Kindern wurden aufgestellt und fragwürdige Testverfahren entwickelt. Äußerungen kindlicher Sexualität werden seither oft als Folgen sexuellen Kontakts mit Erwachsenen fehlinterpretiert, so dass die Vorstellung der kindlichen Asexualität durch die Hintertür der Missbrauchsverhütung wiederkehrt. Nicht zufällig heißt eine Kinderschutzorganisation, in der auch Stephanie zu Guttenberg im Präsidium sitzt, Innocence in Danger.

Im Jahre 2010 nach den schockierenden Enthüllungen der Sexualverbrechen an katholischen Internaten und der Odenwaldschule flammten die Debatten um sexuellen Missbrauch und Pädophilie mit bisher ungekannter Heftigkeit auf. Die furchtbare Wahrheit, die herausgekommen war, hatte zunächst großen aufklärerischen Wert, zeigte sie doch, dass sexueller Missbrauch auch bei den größten Moralisten im Lande, den Katholiken, vorkommt und auch, dass scheinbar progressive Zeitgenossen nicht frei davon sind. All das hätte eine kritische Analyse des Geschehenen im historischen und politischen Kontext anregen können, die auch den Opfern zu Gute gekommen wäre. Ganz anders aber löste die Veröffentlichung der Missbrauchsfälle eine Sturzflut antilinker und homophober Affekte aus. Den Vergehen der Odenwaldschullehrer kam dabei weit größere Medienaufmerksamkeit zu als denen der katholischen Erzieher, obwohl diese Schüler nicht nur sexuell belästigt und vergewaltigt, sondern auch aufs sadistischste geschlagen und gefoltert hatten.

Zu Sündenböcken wurden schließlich all die, die jemals mit der sexuellen Revolution sympathisiert hatten. Den ersten Stein warf der nicht viel später als Prügelpädagoge entlarvte Militärbischof Walter Mixa, indem er die 68er-Linke für eine „zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit“ verantwortlich machte, die „abnorme sexuelle Neigungen“ (Mixa 2010: 1) fördere. Ihm folgte die rechtskatholische Publizistin Gabriele Kuby. Sie sah die Wurzeln der „politisch inszenierten Sexualisierung“, die angeblich zum Missbrauch führt, nicht erst in der sexuellen Revolution des 20. Jahrhunderts, sondern schon „in der Französischen Revolution und den ersten Formulierungen der kommunistischen Ideologie“ (Kuby 2010: 42). Dieser Argumentation folgten nicht nur CDU- und CSU-Politiker, sondern auch scheinbar progressive Publizisten, allen voran der Wissenschaftsjournalist Christian Füller, der die missbrauchten Kinder als „Opfer von Macht, Begierde und Revolution“ (Füller 2014: 1) bezeichnete. In seinem Buch „Der Sündenfall“ übt er sich nicht nur im „68er-bashing“, sondern auch in eklatanter Homophobie. An der Odenwaldschule, weiß Füller zu berichten, waren früher „erste bekennende Homosexuelle beschäftigt“ (Füller 2011: 248). Und in jüngerer Vergangenheit führte „die feindliche Übernahme […] durch eine homoerotische Fraktion“ (ebd.) zu den sexuellen Übergriffen.

Im Jahre 2013 wurde Daniel Cohn-Bendit für harmlose autobiografische Äußerungen zu seiner Zeit als Kindergärtner von rechten Politikern und z. T. progressiven Journalisten der Pädophilie geziehen. Zu den Sündenböcken 68er-Bewegung und sexuelle Revolution gesellte sich jetzt auch die von Cohn-Bendit mitgegründete Grüne Partei. Diese, so hieß es in der Tageszeitung (taz), habe sich in den 1980er-Jahren für die Interessen der Pädophilen eingesetzt. Die Beschuldigten beauftragten daraufhin den Politologen Franz Walter aus Göttingen, einen Wissenschaftsbericht zur diesbezüglichen grünen Vergangenheit zu schreiben. Nur zwei Monate nach Beginn seiner Arbeit und nur wenige Wochen vor der Bundestagswahl veröffentlichte Walter zusammen mit seinem Mitarbeiter Stephan Klecha Dokumente und formulierte in der taz und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) erste Ergebnisse ihrer Forschung. Dazu gehörte die völlig unbegründete These, dass die 68er-Rebellen nach ihrer gescheiterten Revolution alle Hoffnung in die Jugend gesetzt hätten und diese mit „pädophiler Zuwendung“ als dem „Ferment einer Umwälzung des Alltags“ (Walter und Klecha 2013a: 1) beglückt hätten. Pädophilie wäre demnach ein Erziehungsinstrument der 68er-Linken gewesen. Ganz im Stil der katholischen Kirche ist auch von „triebhaften Propheten einer exzessiven Libertinage“ die Rede und von „kaltblütigen Päderasten“ (Walter und Klecha 2013b: 4). Mit dem Aufgreifen des Wortes Päderast und seiner Anwendung im Sinne von pädophil schloss sich Walter dem Chor derer an, die das altmodische Wort neuerdings ausgruben, um zu betonen, dass unser zeitgenössisches Monster, sprich der Pädophile, schwul ist. Gleichzeitig verurteilten sie damit ephebophile Homosexuelle von Sokrates über William Shakespeare und Oskar Wilde bis zu Thomas Mann im Nachhinein als Sexualverbrecher.

Den Anschuldigungen an die 68er-Linke in Walters erstem Bericht folgt die kriminologische Auflistung von Einzelheiten in Bezug auf Grundsatzprogramme, Parteibeschlüsse und die Existenz schwul/päderastischer Arbeitsgemeinschaften bei den Grünen und bei der FDP. Die Autoren outeten Jürgen Trittin als presserechtlich Verantwortlichen eines Wahlprogramms mit der Forderung nach Liberalisierung des Sexualstrafrechts und Volker Beck als den Verfasser eines Artikels zum gleichen Thema in einem Sammelband über Pädophilie. Walter und Klecha wurden damit zu willkommenen Steigbügelhaltern der CDU-Regierung, deren Mitglieder ihrerseits zur Hatz auf angebliche grüne Pädophile bliesen. Trittin wurde von Alexander Dobrindt als „Teil eines Pädophilen-Kartells“ (Dobrindt 2013: 1) bezeichnet und die Grünen von Christian Füller als „Täterpartei“ (Füller 2013: 1). Die Hetzkampagne gegen Politiker, von denen keiner einer Straftat auch nur verdächtigt werden konnte, währte bis zum Wahlsonntag des Jahres 2013. In einem Interview mit der ZEIT bekannte sich Franz Walter unverhohlen zu seiner Schadenfreude (Walter 2014).

Kaum vier Monate später durchsuchte die Polizei Wohnung und Büro des SPD-Politikers Sebastian Edathy. Der als erfolgreich geltende Sozialdemokrat gehörte dem Vorstand der SPD-Bundestagsfraktion an und war Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses. Jetzt wurde gegen ihn wegen der Beschaffung kinderpornografischen Materials ermittelt. Der Verdächtigte hatte sich laut eigener Angaben in einem Fernsehinterview im Internet Videos nackt balgender Jungen bestellt, die nach damaliger Gesetzeslage nicht pornografisch waren. Trotzdem galt die Unschuldsvermutung für ihn nicht, sondern es erhob sich eine beispielslose Hexenjagd auf den Politiker, der nun allenthalben als Pädophiler gehandelt wurde. Weder der Mangel an Beweisen noch, was er selbst dazu zu sagen hatte, zählte. Sigmar Gabriel und Manuela Schwesig wollten Edathy vielmehr sofort aus der SPD ausschließen. Der Schauspieler Til Schweiger fand seine Unschuldsbeteuerungen „zum Kotzen“ und der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sprach vom „feixenden Edathy“ (zit. nach Kraushaar 2015: 354). Der Beschimpfte erhielt Morddrohungen, und im Internet dachte sich Volkes Stimme Folter- und Hinrichtungsmethoden für ihn aus. Einer meiner Freunde, der den ruinierten Politiker auf Facebook verteidigte, erhielt seinerseits Mord-, Kastrations- und Folterdrohungen.

Es war, als wenn Jürgen Bartsch aus dem Jenseits wiedergekehrt wäre. Mit dem Unterschied nur, dass Edathy weder ein Mörder noch ein Sexualverbrecher war, sondern ein unbescholtener schwuler Mann, dem es Spaß macht, Bilder nackter Jungen anzusehen. Von der empörenden Vorverurteilung Edathys einmal abgesehen, fehlten diesmal auch jene kritischen Stimmen, die anlässlich des Bartsch-Falls über Ursachen für Sexualverbrechen nachgedacht hatten. Kaum einer kam auf die Idee zu fragen, warum sich wer Kindernacktbilder oder Kinderpornografie anschaut. Was im einen oder anderen Fall daran verwerflich ist, und ob Verbote und neue Gesetze etwas daran ändern würden. Überlaut dagegen waren die Stimmen für eine Verschärfung der Sexualgesetzgebung.

Die deutlich mitschwingende Homophobie, die Edathy zum Monster gemacht hatte, zeigte ihr hässliches Gesicht im gleichen Jahr im wütenden Protest gegen einen neuen Plan zur Sexualaufklärung. Die rot-grüne Landesregierung von Baden-Württemberg hatte beschlossen, Kinder und Jugendliche besser über sexuelle Vielfalt, sprich über Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität und Intersexualität zu informieren. Ein Realschullehrer verfasste eine Online-Petition gegen „eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“ (Online-Petition 2014). Gemeint war, dass Schüler von zu viel Information vor allem über Homosexualität schwul werden könnten. Diese der alten Ansteckungstheorie durch Verführung ähnelnde Furcht wurde u. a. mit der angeblich geringeren Lebenserwartung von Schwulen und Lesben und ihrer überdurchschnittlichen Suizidgefährdung begründet. Vertreter beider Kirchen, der CDU und der schwarz-gelben Oppositionskoalition von Baden Württemberg unterstützten die Petition, für die sich 192.000 Unterzeichner fanden. „Besorgte Eltern“ gingen auf die Straße. Konservative Feuilletonisten beklagten, dass Ehe und Familie im Sexualkundeunterricht abgewertet würden und die Kinder dafür mit unnötigem Wissen über Gruppensex, Oral- und Analverkehr indoktriniert würden. Ein erschreckender Rückschritt für die Kinder scheint mir das zu sein, denen bald vielleicht Ähnliches droht wie meiner eigenen Generation. Schon jetzt hat der Ruf nach einem Verbot von Kindernacktbildern zum Verhüllungsgebot von Kleinkindern und gar Säuglingen geführt. Eine Einstellung, die die Prüderie der 1950er-Jahre übertrifft.

Die von irrationaler Triebhaftigkeit gezeichnete Furcht vor pädophilen Verbrechern und homosexueller Kontamination ist die Speerspitze eines mächtigen Sexualkonservatismus, der den politischen und kulturellen Konservatismus unserer Tage ergänzt. Man denke an die antifeministischen Polemiken gegen das Gender Mainstreaming, an die Versuche von rechten und linken Zeitgenossen, der Prostitution mit Ächtung und Verboten zu begegnen, oder an die jüngsten Triumphe der Abtreibungsgegner. Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung sehe ich auch die Veröffentlichung des von der Grünen Partei bei Franz Walter bestellten Forschungsberichts. Oder vielmehr das von ihm selbst geschriebene Fazit „Die Grünen und die Last des Libertären“.

Der Begriff libertär bezeichnete ursprünglich einen demokratischen und undogmatischen Sozialismus bzw. Anarchismus. Libertäre Sozialisten unterschiedlichster Couleur wie Alexander Kropotkin, Michail Bakunin, Leo Tolstoi, Emma Goldman, Daniel Guerin und Noam Chomsky haben sich für eine solche Gesellschaftsordnung eingesetzt. Der Versuch, eine künftige Gesellschaft schon in der gegebenen vorwegzunehmen, gehörte und gehört zu ihrem libertär-sozialistischen Konzept, von dem die antiautoritäre Linke der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre beeinflusst war. Wenn Autoren wie Christian Füller und Franz Walter in ihren Hasstiraden auf die Neue Linke neuerdings libertär mit libertin verwechseln oder vermischen und das Wort damit sexualisieren, vermitteln sie den Eindruck, dass libertäre Sozialisten und ihre Erben vor allem sexuelle Libertinage anstreben. Das gleicht der alten konservativen Vorstellung von der Weibergemeinschaft bei den Kommunisten und steht dem Antikommunismus der 1950er-Jahre in nichts nach.

Um nicht zu offensichtlich als Rechter zu erscheinen, spricht Walter der Neuen Linken dann ihr Linkssein überhaupt ab, indem er einen „libertären Liberalismus“ aus ihr macht, der von Beginn an mit dem „postfordischen Kapitalismus“ (Walter 2015: 256) paktiert habe. Nicht das Scheitern der Studenten-, Schüler- und Lehrlingsbewegung an Kriminalisierung von außen und Dogmatisierung von innen, nicht die Vereinnahmung der sexuellen Revolution vom Markt sind zu beklagen, sondern die Tücke einer „utopischen Erweckungsbewegung“ (ebd.) im Dienst des entfesselten Kapitalismus, die ein „ungebändigtes, von Regeln gelöstes Leben“ (ebd.: 257) versprach.

Dazu gehörte laut Walter vor allem die „nicht limitierte Sexualität der Kinder“ als „Ausgangspunkt für eine herrschaftsfreie Gesellschaft“ (ebd.: 256), gepredigt angeblich von Wilhelm Reich, der damit als Vordenker pädophiler Ideologen erscheint. Tatsächlich trat Reich für eine frühestmögliche Sexualaufklärung der Kinder ein und für eine Erziehung ohne rigides Reinlichkeitstraining, Storchenmärchen, Masturbationsverbot und Bestrafung kindlicher Neugier in Bezug auf die Sexualvorgänge. Er befürwortete die Sexualbetätigung der Jugendlichen und versorgte sie ab 14 Jahren mit Verhütungsmitteln. Der frühe Wilhelm Reich, der von der 68er-Bewegung vor allem rezipiert wurde, glaubte allerdings nicht, dass ein Ende der Sexualunterdrückung direkt in eine neue Gesellschaft führen würde. Und zu keinem Zeitpunkt, auch nicht, als er sich zum Orgon-Sektierer entwickelt hatte, befürwortete der Freud-Schüler eine karnickelmäßige Libertinage oder gar Sex zwischen Erwachsenen und Kindern.

Zurück zu Franz Walter: Wer die Schuldigen für angeblich linke Amoral und Befürwortung von Pädophilie seiner Meinung nach waren, listet er an der Stelle auf, an der er die Grünen von einer Urschuld freispricht, weil sie später kamen. Die Bösen vor ihnen waren: „Kinsey, Freud, Reich, Marx, Lenin, Krahl, Meinhof, Subversive Aktion, SDS, Kommune I oder II“ (Walter 2015: 261). Das Übel, das von ihnen ausging, und das die Grünen geerbt hatten, heißt: „Basisdemokratie, Schutz von Minderheiten, Anti-Repression, Ökologie, Internationalismus, neue Geschlechterbeziehungen“ (ebd.). Schuldig aber spricht Walter die Grünen, mit ihnen die ganze 68er-Linke und ausdrücklich auch die Schwulenbewegung für das angebliche Verschweigen ihrer „Leichen im Keller“ oder der „dunklen Seite“ (ebd.: 254) ihrer Geschichte. Darin, so ein Argument, das der Autor nicht erfunden, aber umso genüsslicher aufgegriffen hat, verhielten sie sich wie die Elterngeneration der Beschuldigten aus der Nazizeit. Das Verschweigen der Mitschuld an Völkermord, Weltkrieg und Kriegsverbrechen wäre demnach ebenso schlimm wie das von Befürwortung liberaler Sexualgesetze und einer nachsichtigen Einstellung gegenüber Sexualität zwischen Erwachsenen und Jugendlichen oder Kindern.

Für die Zukunft zu erhoffen wäre ein rationaler statt moralisierender Blick auf die Geschichte. Zu hinterfragen gälte es dabei weniger, wer wann was vertrat, sondern warum sich die Moral geändert hat. Warum denken progressive Intellektuelle über sexuellen Missbrauch und Pädophilie heute so ganz anders als noch vor einigen Jahrzehnten? Misstrauen müsste man nicht nur den Positionen von damals, sondern auch den heute aktuellen und vor allem dem zur Sündenbockbildung führenden Moralismus, mit dem sie vorgetragen werden. Zu erhoffen wäre auch die Wiederbesinnung auf ein Denken, das Sexualität im gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang sieht. Sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt und Vergewaltigung spiegeln die Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse der Gesellschaft wider, in der wir leben, wenn auch noch so verzerrt.

1 Dieser Text ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags, der am 13. Februar 2016 an der Akademie Waldschlösschen bei der Tagung „Vom ‚Distanzierungstango‘ zur ‚Pädokeule‘? Die (west)deutsche Schwulenbewegung und die ‚Pädofrage‘“ gehalten wurde.