Gesundheitswesen 2018; 80(05): 433-443
DOI: 10.1055/s-0042-111313
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Einflussfaktoren auf die Arbeitsbelastung in der stationären Behindertenhilfe[*]

Factors Influencing the Workload of Carers in the Field of Disability Work in Residential Facilities
L. Habermann-Horstmeier
1  Villingen Institute of Public Health, Steinbeis-Hochschule Berlin, Leitung, Villingen-Schwenningen
,
K. Limbeck
2  Hochschule Furtwangen, Medical and Life Sciences, Villingen-Schwenningen
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Publication Date:
29 August 2016 (online)

Zusammenfassung

Bislang gab es nur wenige Hinweise darauf, dass sich die Beschäftigten im Bereich der Behindertenbetreuung – ähnlich wie in der Pflege – durch ihre Arbeit besonders stark belastet fühlen. Im Rahmen der BMBD-Studie wurden nun bundesweit 400 Betreuungskräfte aus der stationären Behindertenhilfe u. a. zu ihrer Arbeitssituation befragt. Für die vorliegende Untersuchung wurden erstmals verschiedene Faktoren betrachtet, die dabei mitwirken, dass Betreuungskräfte ihre Tätigkeit als belastend empfinden. Die entsprechenden Daten wurden mithilfe uni- und bivariater Verfahren analysiert, mögliche statistische Zusammenhänge wurden im Rahmen einer Regressionsanalyse überprüft. Es zeigte sich, dass sich mehr als die Hälfte (56,1%) der Betreuungskräfte in der stationären Behindertenhilfe in Deutschland durch ihre berufliche Situation belastet fühlen. In diesem Zusammenhang konnten zahlreiche Faktoren ermittelt werden, die dabei mitwirken, dass ein Betreuer seine Arbeit als belastend empfindet. Hierzu gehören neben der Trägerschaft der Einrichtung z. B. auch Alter, Geschlecht, Beschäftigungsdauer, Arbeitsumfang und Hierarchieebene der Betreuer. So beurteilten männliche Leitungskräfte ihren Job als deutlich weniger belastend als ihre weiblichen Kollegen, männliche Betreuer in nicht-leitender Funktion tendierten jedoch dazu, ihre Arbeit als belastender einzuschätzen als ihre Kolleginnen. Am stärksten belastet fühlten sich die 25- bis 34-jährigen sowie die 45- bis 65-jährigen nicht-leitenden Fachkräfte. In der Gruppe 25- bis 34-Jährigen waren es insbesondere die Frauen, die sich stark belastet fühlten. Besonders stark belastet fühlten sich auch Beschäftigte, die schon mehr als 20 Jahre in einer Einrichtung tätig waren. Wenn zum Schicht- bzw. Wochenenddienst noch Überstunden hinzukamen, wurde dies von allen Betreuungskräften - besonders jedoch von den jüngeren Frauen – als erhebliche Belastung wahrgenommen. Die detaillierte Betrachtung von Faktoren, die dabei mitwirken, dass Betreuungskräfte ihre Tätigkeit als belastend empfinden, konnte damit z. T. erhebliche Unterschiede im Grad der Arbeitsbelastung zwischen Frauen und Männern, Leitungskräften und nicht-leitenden Fachkräften sowie zwischen Jungen und Älteren aufzeigen. Dies sollte bei der Planung von Maßnahmen zur Senkung der Arbeitsbelastung von Betreuern in der stationären Behindertenhilfe berücksichtigt werden.

Abstract

So far, there have been only few indications that workers in the field of disability assistance – similar to the caregivers – feel particularly strongly burdened by their work. As part of the BMBF study, nationwide 400 carers in residential facilities for people with disabilities in Germany were questioned about their work situation. For the present study, various factors were taken into consideration that may have an influence upon how much carers feel burdened. The obtained data were analyzed using univariate and bivariate methods, and possible statistical correlations were reviewed as part of a regression analysis. It became clear that more than half (56.1%) of the carers in residential facilities for persons with disabilities in Germany feel burdened by their professional situation. Some factors that contribute to carers experiencing their work as stressful could be identified. These are, in addition to the ownership of the facility, for example, also age, gender, length of service, scope of work and level of the hierarchy of carers. Thus, male executives assess their jobs as significantly less onerous than their female counterparts; however, male carers in non-management positions tend to assess their work as more stressful than their female colleagues. The 25- to 34-year-old and 45- to 65-year-old non-executive professionals feel the most stress. In the group aged 25–34 years, it is especially women who feel heavily burdened. Even those who have already been working for more than 20 years in an institution feel the load as quite heavy. And if there is a lot of overtime added to the ordinary shift or weekend service, this is perceived as a significant burden by all carers, but especially by younger women. Thus, the analysis of factors that contribute to carers perceiving their work as stressful showed considerable differences in the degree of workload between men and women, executives and non-executive professionals as well as between younger and older staff. All this should be considered when planning measures to reduce the workload of carers in the field of disability work.

* Im folgenden Text wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit und zur Verkürzung des Textes die männliche Form verwendet. Selbstverständlich sind damit jeweils Frauen und Männer gleichermaßen gemeint, dies gilt insbesondere, da in der Behindertenbetreuung überwiegend Frauen tätig sind.