Die Hebamme 2016; 29(03): 138
DOI: 10.1055/s-0042-108977
Editorial
Hippokrates Verlag in Georg Thieme Verlag KG Stuttgart

Warten und Geduld in der Geburtshilfe

Sabine Krauss-Lembcke
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Publication Date:
30 June 2016 (online)

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Geburtsmedizin hat in den letzten vier Jahrzehnten viel experimentiert: Die Entwicklung des CTGs und die Weiterentwicklung bildgebender Verfahren verschafften uns viele Einblicke in die „Lebenswelt Gebärmutter“.

Die Rate der Wunsch-, Präventions- und Notsectiones ist trotzdem kontinuierlich angestiegen.

Nachdem 2014 die amerikanischen Leitlinien zur Prävention unnötiger Sectiones publik wurden, bekam die überfällige Fachdiskussion neuen Auftrieb. Länder mit hohen Sectioraten starteten Aufklärungskampagnen. In Deutschland gibt es die Kampagne zur „Förderung der normalen Geburt“.

Die Latenzphase wurde näher erforscht und die Ergebnisse zeigen, was erfahrene Geburtshelfer und Hebammen schon wussten. Die international beachtete Untersuchung von Dr. Christiane Schwarz kommt deshalb gerade zum richtigen Zeitpunkt. Sie stellt die zentrale Frage: Wie lange dauert die menschliche Schwangerschaft?

Und doch bleibt bei werdenden Eltern die Angst. Sie brauchen scheinbar unsere Kontrollangebote, um ihre Angst zu beruhigen. Mit der Ausstellung des Mutterpasses gibt es einen ET und dieser hat die Wirkung einer „Zielvereinbarung“.

Schon lange wünschen wir uns die Benennung eines Geburtszeitraumes, damit die schwangeren Frauen weniger unter Druck geraten. Aber diese einfache und sinnvolle Maßnahme passt offenbar nicht in unsere Zeit. Wir brauchen einen ET, um Maßnahmen einzuleiten, die Schaden verhindern sollen. Frauen brauchen dieses Datum, um Mutterschutz und Elternzeit zu berechnen. Schließlich braucht der Arbeitgeber Planungssicherheit. Und die schwangere Lena postet im sozialen Netzwerk ihren Bauch mit der Anmerkung: „Nur noch 48 Tage!“

Schwangere geraten sehr unter Druck, wenn die Geburt nicht einsetzt. Die engmaschigen CTG-Kontrollen erzeugen Erwartungsdruck. Gerade hier sehe ich aber auch eine große Chance für uns Hebammen. Während das CTG schreibt, können wir uns zu den Frauen setzen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Und in der Regel beginnen sie zu erzählen. Sie reden über ihre Ängste und den Druck, unter dem sie stehen. Sie reden über traumatische Lebensereignisse wie sexuellen Missbrauch, instabile Beziehungen oder die unklare Vaterschaft. Diese Gespräche wirken oft wie eine große Befreiung und plötzlich weicht der Druck und die Geburt kann beginnen.

Genauso wichtig ist es, mit Frauen und ihren Partnern das Geburtserlebnis nachzubesprechen, denn gerade eingeleitete Geburten werden oft als extrem belastend erlebt. In fast allen Nachgesprächen berichten mir die betroffenen Eltern vom „Eingreifen des Geburtshilfeteams“. Die Wehen waren zu schwach, zu schnell, zu wenig wirksam….

Und wie erlebt ein Kind den Geburtsprozess? Braucht es manchmal einfach nur mehr Zeit, als wir ihm zugestehen? Die Würde des Menschen ist unantastbar! Gilt das auch für Kinder im Geburtsprozess? Wie traumatisch die Geburt von manchen Kindern erlebt wurde, zeigt ihr Verhalten in den ersten Lebenswochen. Aber davon sehen die Geburtshelfer meist nichts mehr. Ein interdisziplinärer Dialog zwischen Hebammen, Frauenärzten und Pädiatern könnte neue Erkenntnisse bringen.

Gebären gehört – zum Glück – immer noch zu den kraftvollsten Naturereignissen der Menschheit. Dieses Erlebnis prägt ein Leben lang die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Unser technologisches Zeitalter scheint sich über diese Naturgesetze hinwegzusetzen. Wie lange können wir uns das noch leisten?

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Sabine Krauss-Lembcke