Gesundheitswesen 2018; 80(S 02): S88-S96
DOI: 10.1055/s-0042-102348
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

„Mein Haus, mein Auto, mein Boot“. Zufriedenheit mit dem Lebensstandard als geschlechtsspezifischer Mortalitätsprädiktor

„My Home, my Car, my Boat“ – Satisfaction with One’s Own Standard of Living as a Predictor of Gender-Specific Mortality
L. Arnold
1  Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege, Hochschule Ravensburg-Weingarten, Weingarten
,
B. U. Keller
2  ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Zentrum für Gesundheitswissenschaften, Bachelorstudiengang Gesundheitsförderung und Prävention, Winterthur, Schweiz
,
A. Lange
1  Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege, Hochschule Ravensburg-Weingarten, Weingarten
,
B. Szagun
1  Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege, Hochschule Ravensburg-Weingarten, Weingarten
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Publication History

Publication Date:
23 March 2016 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: Männer haben ein höheres Mortalitätsrisiko als Frauen und reagieren wesentlich sensibler auf statusbezogene Stressbelastungen. Mögliche Erklärungen für die stärker ausgeprägte männliche Empfindlichkeit liefert der über die HPA-Achse vermittelte Zusammenhang zwischen hierarchischem Rang und Gesundheit. Viel Aufmerksamkeit hat in diesem Zusammenhang das Konstrukt des Statusunbehagens erfahren, wonach soziale Vergleichsprozesse das generelle Wohlbefinden senken und als wesentliche Risikofaktoren für verschiedene Erkrankungen angesehen werden.

Methodik: Mittels Sekundärdatenanalyse des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) soll analysiert werden, inwiefern die subjektive Unzufriedenheit mit dem eigenen Lebensstandard mit einem erhöhten geschlechtsabhängigen Mortalitätsrisiko assoziiert werden kann. Zur statistischen Modellierung der Fragestellung werden geschlechtsdifferenzierte Cox-Regressionsmodelle berechnet. Die unbalancierte Teilstichprobe umfasst 6 963 Männer (764 Todesfälle) und 7 461 Frauen (663 Todesfälle).

Ergebnisse: Unzufriedenheit mit dem eigenen Lebensstandard hat einen signifikanten Einfluss auf das Mortalitätsrisiko von Männern nicht jedoch von Frauen. Unzufriedene Männer weisen ein nahezu doppelt so hohes Mortalitätsrisiko auf als die Referenzgruppe (HR=1,95, 95% KI 1,48–2,58), Männer mit mittlerer Zufriedenheit ein um 25% höheres Mortalitätsrisiko (HR=1,26, 95% KI 1,08–1,49). Außerdem zeigt der subjektive Statusindikator stärkere Dosis-Wirkungs-Beziehungen als die klassischen objektiven Statusparameter.

Schlussfolgerung: Unzufriedenheit mit dem eigenen Lebensstandard kann mit einem erhöhten geschlechtsabhängigen Mortalitätsrisiko in Verbindung gebracht werden und erweist sich als klarer Prädiktor insbesondere für die männliche Mortalität. Eine zentrale Ursache können über die HPA-Achse vermittelte Stressreaktionen aufgrund von herabsetzenden sozialen Vergleichsprozessen zu sein. Die Ergebnisse sprechen für eine standardisierte Einbeziehung subjektiver Statusindikatoren; der ausgeprägte Geschlechterunterschied legt darüber hinaus eine geschlechtergerechte epidemiologische Datenanalyse nahe.

Abstract

Background: Men have a higher risk of mortality than women and react much more sensitively to status-related stressors. The relationship between hierarchical rank and health, mediated on the HPA axis, delivers possible explanations for the more pronounced male sensitivity. In this context, the construct of status unease has attracted a lot of attention in recent years. It links social comparison with a reduced general wellbeing and considers it to be a major risk factor for various diseases.

Methods: An analysis of secondary data from the Socio-Economic Panel (SOEP) was used to analyze the extent to which subjective dissatisfaction with one’s own standard of living is associated with an increased gender-related mortality risk. The statistical modeling of the question was carried out by performing gender-disaggregated Cox proportional hazard models. The unbalanced sub-sample consisted of 6 454 men (685 deaths) and 6 908 women (618 deaths).

Results: Dissatisfaction with one’s standard of living has a significant influence on the mortality risk of men but not women: Men with low satisfaction have nearly a twice as high risk of mortality than the reference group (HR=1,95, 95% CI 1,48–2,58), men with moderate satisfaction a 25% higher mortality risk (HR=1,26, 95% CI 1,08–1,49). Furthermore, subjective status shows stronger dose-response relationships than objective status parameters.

Conclusion: Dissatisfaction with one’s standard of living turns out to be a clear predictor for male mortality. Stress reactions due to disparaging social comparison processes triggered by the HPA-axis could be a central cause. The results indicate that the standardized inclusion of subjective status indicators should be considered in social-epidemiological analysis. The distinctive gender difference also points out that gender-sensitive epidemiological data analysis is reasonable.