AHZ 2016; 261(02): 21-23
DOI: 10.1055/s-0041-111752
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Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart

Interview mit George Vithoulkas anlässlich des 100. Todesjahrs von J.T. Kent

International Academy of Classical Homeopathy
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Publication Date:
26 September 2016 (online)

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George Vithoulkas

Anne Sparenborg-Nolte: Wie lange gibt es schon die Internationale Akademie für Klassische Homöopathie auf Alonissos und welche sind ihre wichtigsten Aufgaben?

George Vithoulkas: Die Akademie wurde 1994/1995 erbaut, 1995 fand der erste Ausbildungskurs statt. Sie existiert jetzt 20 Jahre. Ihre Hauptaufgabe ist es, Ärzte und Homöopathen in Klassischer Homöopathie auszubilden. Während der vergangenen 20 Jahre haben mehr als 15000 Studenten aus 62 verschiedenen Ländern an den Kursen teilgenommen. In den Kursen werden in der Regel Live-Anamnesen und Live-Follow-ups von Patienten gemacht, die in die Akademie kommen, um sich behandeln zu lassen. Seit 1979 hatte ich schon Ärzte überall auf der Welt unterrichtet, bevor ich diese Akademie gründete.

Wie sehen Ihr Unterricht und Ihre Behandlung von Patienten in der Akademie derzeit konkret aus?

Weil es kaum Krankenhäuser gibt, in denen Klassische Homöopathie unterrichtet wird, haben Studierende hier in der Akademie die Chance, Patienten mit schweren Pathologien live zu sehen. Ihnen öffnet sich die Möglichkeit, bei der homöopathischen Fallaufnahme und Fallanalyse dabei zu sein. Die wesentliche Grundidee ist, dass sowohl die Patienten als auch die Studierenden wiederkommen, um die Verläufe mitzuerleben und mein System der Fallaufnahme und der Verschreibung beurteilen zu können.

Gibt es in Ihrer Arbeit Beziehungen zur Lehre von Kent? Haben Sie die Lehre von Kent erweitert?

Es gibt eine kontinuierliche Fortsetzung der Lehre von Hahnemann über Kent bis heute. Hier wird in dieser Tradition unterrichtet. Die Materia medica wird aber hier anders gelehrt als lediglich Symptome eines Mittels aufzuzählen, die man in vielen Materia-medica-Lehrbüchern finden kann. Ich schließe mich der Vorstellung Kents an, sowohl die Pathologie als auch die Persönlichkeit eines Mittels zu beschreiben. Das Interessante für die Studierenden ist, dass die Pathologie, die Persönlichkeit und die körperlichen Symptome zusammen gesehen werden. Wir versuchen, ihnen eine Ausbildung zu geben, die sie in die Lage versetzen soll, die indizierte Arznei in der Gesamtheit zu erkennen: auf der emotionalen, mentalen und physischen Ebene.

Gibt es Prinzipien und Leitlinien, die Sie für die homöopathische Behandlung chronischer Krankheiten für essenziell halten und die Sie an die Studierenden weitergeben wollen?

Die Prinzipien wurden von Hahnemann formuliert und wir folgen sehr genau Hahnemanns Grundideen, wie sie im Organon beschrieben sind. Dinge, die vielleicht vorher für die Studierenden noch nicht klar genug waren, werden besonders besprochen. Ich füge neue Beobachtungen, die ich während der Zeit meiner Behandlungen gemacht habe, hinzu. Diese Erfahrungen finden sich in „Die wissenschaftliche Homöopathie“ und in „Ebenen der Gesundheit“.Es war notwendig, Hahnemanns Grundideen so zu erweitern, denn als ich 1960 mit der Homöopathie in Berührung kam, galt das Organon als überholt. Kaum einer kannte es mehr, die Idee des Similimum war nicht mehr existent, und es wurden meist Mittelkombinationen verabreicht. Eine Arznei wurde nicht nach der individuellen Pathologie, sondern nach Lokalsymptomen verabreicht: Mittel gegen Kopfschmerzen, gegen Arthritis, Rhinitis und so fort.Hahnemanns Grundideen wurden nicht mehr gelehrt. 1961 schrieb ich verschiedene medizinische Ausbildungszentren an und fragte, ob dort Homöopathie unterrichtet werde. Ich erhielt nur eine einzige Antwort eines Ausbildungsinstituts in Kalifornien, die aussagte, dass früher dort Homöopathie gelehrt wurde, jetzt aber nicht mehr. Lediglich in Mexico werde sie in einer speziellen Schule für Homöopathie noch unterrichtet. Ich schrieb diese Schule an und erhielt eine Antwort auf Spanisch. Inzwischen hatte ich aber von einigen Colleges in Indien gehört, die Homöopathie lehren, und so entschied ich mich, nach Indien zu gehen. Dort war es jedoch nicht anders: Homöopathie wurde wie Allopathie gelehrt, das heißt: Für diese oder jene Krankheit gib dieses oder jenes Mittel. Ich war sehr enttäuscht: Den Unterricht bestimmten überall die gleichen Ideen, die gleiche Denkweise. Seither habe ich keine Anstrengung gescheut, um das zu ändern. Ich habe die Vision, dass Homöopathie ebenfalls an der medizinischen Hochschule gelehrt werden sollte, und einige haben bereits unser E-Learning-Programm eingeführt, sodass der Traum vielleicht wahr wird.

Sie haben einen direkten Schüler Kents kennengelernt, B.K. Bose in Kalkutta. Wie haben Sie Bose getroffen?

Ich lernte ihn kennen, als ich 1963 vom Homeopathic College in Bombay zum Homeopathic College in Kalkutta ging. Ich wollte einen Wechsel, weil ich anfing, mich zu langweilen. Die Professoren in Bombay brachte ich in Verlegenheit, weil ich ihnen meine Meinung zu ihrem Unterricht sagte. Weil sie wussten, dass ich von Kent so angetan war, sagten sie mir eines Tages, dass es in Kalkutta ein College gäbe, wo noch ein Schüler von Kent lehrte. So ging ich nach Kalkutta, um Bose zu treffen, der wirklich ein direkter Schüler von Kent war.Er hatte sich als politischer Flüchtling von Indien nach Amerika gerettet, weil die Briten hinter ihm her waren. Er erzählte mir, dass er eher zufällig am homöopathischen College in Philadelphia vorbeikam und bat, als Student aufgenommen zu werden. Als er eine Zusage bekam, wusste er gar nicht, wohin er geraten war. (In Philadelphia war Kent damals der Direktor, d.Ü.)Ich fragte Bose, wie er Kent erlebt habe. Er sagte mir, dass Kent sehr zornig werden konnte, wenn ein Student Fragen zu theoretischen Grundlagen der Homöopathie nicht beantworten konnte. Einzelheiten der Materia medica oder des Repertoriums waren nicht so wichtig wie die theoretischen Grundlagen. Kannte ein Student die Theorie nicht, konnte er die Prüfung unmöglich bestehen.Bose war zu der Zeit schon alt und hatte Konzentrationsprobleme. Ich erinnere mich noch an eine Vorlesung über Ignatia, bei der er von einem Thema zum nächsten sprang und schließlich politische Vorträge hielt und immer weiter redete und redete. Die Studenten machten sich schon darüber lustig und sagten: Er braucht Lachesis, lasst uns ihm Lachesis geben …Ich bewohnte ein kleines Zimmer im Wohnheim, in dem alle Studenten in Kalkutta untergebracht waren. Eines Tages saß ich dort und las ein Buch über klinische Medizin. Einer der Professoren von unserem College kam herein und sah das Buch, wie es aufgeschlagen auf meinem Schreibpult lag. Dieser niederträchtige Professor wusste, dass mich Bose sehr schätzte. Von einem Tag auf den anderen hörte Bose auf, mit mir zu sprechen, und wenn er mich sah, ignorierte er mich. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ein Kommilitone, mit dem ich sehr gut befreundet war, klärte mich auf: „Willst du wissen, warum unser großer Meister nicht mehr mit dir sprechen will?“ Natürlich wollte ich das, und er sagte mir, dass dieser Gauner mich bei Bose angeschwärzt habe, indem er ihm sagte, ich sei gar nicht an Homöopathie interessiert, ich würde nur allopathische Bücher lesen. Das war das Ende – Bose sprach nicht mehr mit mir. Dieser hintertriebene Professor erpresste auch die Studenten. Sie mussten ihm Geld zustecken, um am College bleiben zu können – das hatte ich verweigert.

Stehen Sie als homöopathischer Lehrer in der Tradition von Kent?

Ja, in der Tradition von Kent und Hahnemann, nicht nur in der Tradition von Kent. Ich meine, Kent war ein wirklicher Anhänger Hahnemanns. Er hat Hahnemann verstanden und hat die Wissenschaft der Homöopathie weitergebracht. Ich selbst fühle mich als Schüler von Hahnemann und Kent.

Wie sehen Sie die Beziehung zwischen Hahnemann und Kent?

Sie waren auf derselben Linie. Der Unterschied war, dass Hahnemann ein Mann der Fakten war. Er gründete sich viel mehr auf Fakten als auf Theorie und Philosophie. Kent versuchte, Krankheiten auf einer philosophischen Ebene zu ergründen, warum jemand überhaupt krank geworden ist. Er hat über diese Fragen nachgedacht und versucht, sie in seinen Schriften zu beantworten. Kent hat mehr Bücher über Philosophie und Religion gelesen als Hahnemann. Hahnemann war ein Wissenschaftler und Forscher. Kent war der Philosoph, er war der Denker der Homöopathie auf einer spirituellen Ebene.

Können Sie kurz ihren eigenen Werdegang in der Homöopathie beschreiben?

Ich arbeitete seinerzeit ganz abseits in Südafrika und mein Auto war defekt. Da ich nicht mehr wegkam, musste ich meine Zeit anders verbringen. Ich fragte einen Freund nach dem Buch, das er gerade gelesen hatte. Es war Boerickes Materia medica. Ich besorgte mir das Buch und las es in 3 oder 4 Tagen durch. Dann ging ich zurück in den Laden, um mir noch mehr Bücher über Homöopathie zu besorgen: Hahnemanns Organon, Kents Vorlesungen über Materia medica und Kents Vorlesungen zur Theorie, Kents Repertorium, Hahnemanns Materia medica und Farringtons Materia medica.Da ich damals in meiner Aufsehertätigkeit als Ingenieur nicht sehr gefordert war, hatte ich viel Zeit zu lesen und las während einiger Monate fast 12 Stunden am Tag. Selbst in dem Restaurant, das ich frequentierte, las ich beim Essen weiter. So fragte mich der Kellner eines Tages: „Was lesen Sie da eigentlich?“ Ich sagte ihm, es gehe um eine neue Medizin. Er sagte: „Seit 10 Jahren habe ich ein Problem mit der Luft, können Sie da etwas machen?“ Ich nahm den Fall auf und gab ihm Sulfur. Innerhalb von 3 Tagen ging es ihm besser und es blieb so. Dann kam sein Kollege, der von Zeit zu Zeit Blut erbrach. Ich nahm auch seinen Fall auf und gab ihm Sepia. Es ging ihm besser. So kam es, dass aus dem ganzen Land Leute zu mir kamen. Ich fragte mich: Was ist denn hier los? Ich wusste nichts und jetzt kann ich Leute heilen, das ist ja unglaublich.Ich habe dann die erwähnten Anfragen an medizinische Hochschulen geschrieben und kam so nach Indien, an das Homeopathic College in Bombay. Ich bekam aber in Südafrika wegen der Apartheid-Politik kein Visum für Indien und musste dafür erst nach Nairobi. So kam ich zu spät an; als ich in Bombay ankam, war der erste Teil der Ausbildung schon zu Ende. Erst wollte man mir nicht erlauben, noch einzusteigen, aber ich verwies auf mein Vorwissen. Ich musste eine Prüfung ablegen, die ich bestand – so wurde ich zugelassen.Aber, wie gesagt, ich war bald von den Lehrern enttäuscht und wechselte zu Bose nach Kalkutta. Danach wurde ich Leibarzt von Krishnamurti. Mit ihm zusammen verließ ich Indien und folgte ihm nach Gstaad in die Schweiz. Anschließend kam ich nach Esalen in Kalifornien. Als ich dann nach Griechenland zurückkehrte, begann ich, zusammen mit einer Ärztin Patienten zu behandeln. Vormittags arbeitete sie in einem Krankenhaus, nachmittags behandelte sie Patienten mit mir. Ich begann, in Griechenland zu unterrichten. Zuerst hatte ich nur einen kleinen Raum, dann einen größeren, schließlich ein Zentrum mit 5 Ärzten, bis ich am Ende 30 Ärzte an verschiedenen Orten supervidierte. Auch reiste ich in viele Länder, um dort zu lehren.Ich habe Ihnen jetzt mein Leben in Kurzform geschildert. Es war für mich sehr aufregend. Es gab aber auch Enttäuschungen, vor allem die, dass die Menschheit nicht so einfach das akzeptieren kann, was mir so offensichtlich erscheint.

Herr Professor Vithoulkas, wir danken Ihnen für dieses Interview.

Das Interview führten Anne Sparenborg-Nolte und Stephan Heinrich Nolte