PSYCH up2date 2015; 9(06): 321
DOI: 10.1055/s-0041-107587
Editorial
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Entzugssymptome beim Absetzen von Antidepressiva?

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Publication Date:
05 November 2015 (online)

Ds hat sich in der psychiatrischen Literatur fest etabliert, bei Symptomen, die im Rahmen des Absetzens von Antidepressiva vom Typ der SSRI bzw. SNRI auftreten, von „Absetzphänomenen“ zu sprechen. Diese können sich in unspezifischen Symptomen wie Übelkeit, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen o. Ä. äußern, aber auch in Symptomen, die eher spezifisch beim Absetzen von SSRI oder SNRI auftreten sollen. Dazu gehören Tachykardien, Myoklonien, Ataxie, Gleichgewichtsstörungen sowie grippeähnliche Symptome und psychopathologische Symptome wie Panikattacken, Depersonalisation, Verwirrtheitszustände u. Ä. Die Häufigkeit solcher Absetzphänomene wird in der Literatur mit 0 – 34 % angegeben. Die Wahrscheinlichkeit soll mit der Dauer der Einnahme der Antidepressiva und der Höhe der eingesetzten Dosis zunehmen und bei Antidepressiva mit eher kürzerer Halbwertszeit wie z. B. Paroxetin häufiger sein. Um „Absetzphänomene“ zu verhindern, wird ein langsames Absetzen über Wochen bis Monate empfohlen (Übersicht in [1]).

Beschäftigt man sich etwas genauer mit dem Thema, fällt erstens auf, dass die Häufigkeit und Art solcher Absetzphänomene bisher sehr wenig untersucht ist, obwohl es inzwischen hunderte von Studien zur Effektivität von Antidepressiva gibt. So fanden Fava und Kollegen [2] in ihrer systematischen Literaturanalyse nur 15 randomisiert-kontrollierte Studien, je 4 offene und retrospektive Studien sowie 38 Fallberichte, die „Absetzphänomene“ von SSRIs bzw. SNRIs untersucht hatten. Hier zeigten sich große Variationen in der Symptomatik und den Verläufen sowie große Unterschiede zwischen den untersuchten Substanzen. Es liegt nahe anzunehmen, dass an der Untersuchung von Schwierigkeiten beim Absetzen von Antidepressiva niemand wirklich Interesse hat – weder die Industrie noch wir Psychiater, die froh sind, wenn die Patienten ihre Medikamente überhaupt einnehmen.

Zweitens muss man sich fragen, warum die Absetzsymptome bei Antidepressiva als „Absetzphänomene“ und nicht als Entzugssymptome bezeichnet werden. Vom klinischen Bild her lässt sich die Symptomatik wenig von Entzugssymptomen anderer psychoaktiver Substanzen unterscheiden. Konsequent schlussfolgert Prof. Giovanni Fava, der Hauptautor der o. g. Studie, dass man auch bei Symptomen, die im Rahmen des Absetzens von Antidepressiva auftreten, von Entzugssymptomen sprechen sollte. Wieder liegt es nahe anzunehmen, dass niemand so recht Interesse daran hat, Antidepressiva in die gleiche Klasse wie abhängig machende Benzodiazepine oder Z-Substanzen zu rücken. Aber machen Antidepressiva wirklich nicht abhängig? Fälle von Dosissteigerungen sind zumindest unter den dopaminerg wirkenden Substanzen sowie Tianeptin beschrieben worden. Aber wie häufig sind sie wirklich? Kommen sie auch bei SSRI und SNRI vor? Wir haben keine systematischen Daten, auch weil die meisten Studien nur für 6 – 8-wöchige Behandlungszeiträume vorliegen.

Drittens ist zu bedenken, dass Absetzphänomene bzw. Entzugssymptome auch mit einem Rezidiv der Erkrankung verwechselt werden können – auch wenn klinisch Entzugssymtome in der Regel meist wenige Tage nach Absetzen auftreten und ein Relapse zeitlich versetzt auftritt. Auch das ist ein viel zu wenig untersuchter Aspekt. Müssen wir befürchten, dass ein Teil der wissenschaftlichen Belege für den rezidivprophylaktischen Effekt von Antidepressiva darauf zurückzuführen ist, dass in solchen Absetzstudien Antidepressiva meist abrupt auf Placebo umgesetzt wurden und Entzugssymptome als Rezidive klassifiziert wurden? Studien wären auch hierzu dringend erforderlich.

Was bleibt als Fazit? Ich meine 5 Punkte: 1) dran denken, 2) Patienten darüber aufklären, 3) Antidepressiva nie abrupt absetzen (außer bei sehr langer Halbwertszeit), 4) kritischer sein bei der Verordnung von Antidepressiva und 5) unabhängige Untersuchungen zu Absetzeffekten fordern bzw. durchführen.

Klaus Lieb, Mainz