Zentralbl Chir 2017; 142(01): 72-82
DOI: 10.1055/s-0041-107444
Übersicht
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Risikomanagement in der Chirurgie – was muss der Chirurg wissen?

What Surgeons Should Know about Risk Management
R. Strametz
1  Wiesbaden Business School, Hochschule RheinMain, Wiesbaden, Deutschland
,
M. Tannheimer
2  Inworks GmbH, Ulm, Deutschland
,
M. Rall
3  Institut für Patientensicherheit und Teamtraining, InPASS GmbH, Reutlingen, Deutschland
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Publication History

Publication Date:
09 February 2016 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: Die Erkenntnis, dass in der medizinischen Behandlung Fehler passieren, ist so alt wie die Medizin selbst. Ausgehend vom Grundsatz „primum nil nocere“ sind seitdem Anstrengungen unternommen worden, diese Fehler zu verhindern oder deren Auswirkungen zu begrenzen. Offenbar reichen diese Maßnahmen im gegenwärtigen Spannungsfeld des Chirurgen aber nicht aus, um gravierenden Fehlern mit ernsten Konsequenzen ausreichend wirkungsvoll vorzubeugen. Vermeidbare Fehler wie die Patienten- oder Seitenverwechslung im Rahmen einer OP treten in vorhandenen Fehlerstatistiken nach wie vor regelhaft auf.

Methode: Basierend auf Erkenntnissen der Fehlerforschung und unter Berücksichtigung der in den letzten Jahren modifizierten gesetzlichen Rahmenbedingungen, geben die Autoren einen Überblick über die im klinischen Risikomanagement notwendigen Instrumente, um insbesondere Risiken in chirurgischen Bereichen wirksam zu identifizieren, deren Ursachen zu analysieren und nach Bewertung der Relevanz dieses Risikos geeignete Bewältigungsmaßnahmen festzusetzen. Hierbei werden exemplarisch der Nutzen und die Grenzen von Critical-Incident-Reporting-Systemen (CIRS), Sicherheits-Checklisten und von Crisis Resource Management (CRM) zur positiven Beeinflussung von Kommunikationsprozessen beleuchtet. Der Sinn des Einsatzes von IT-Systemen zur Unterstützung des Risikomanagementprozesses wird ebenfalls thematisiert.

Ergebnisse/Schlussfolgerung: Kein Instrument des Risikomanagements ist allein für sich wirksam, sondern entfaltet seine Wirkung erst in einem übergeordneten Risikomanagementsystem, das maßgeschneidert auf die jeweilige Organisation Elemente zur Erhöhung der Patientensicherheit in den Behandlungsablauf integriert. Hierbei sind neben methodischer Kompetenz zur Wahl der Art und des Umfangs eines Instruments und der dafür benötigten Unterstützung durch IT vor allem die Vorbildfunktion von Führungskräften und die Bereitschaft zu einem konstruktiven Umgang mit Fehlern ausschlaggebend.

Abstract

Background: The fact that medical treatment is associated with errors has long been recognized. Based on the principle of “first do no harm”, numerous efforts have since been made to prevent such errors or limit their impact. However, recent statistics show that these measures do not sufficiently prevent grave mistakes with serious consequences. Preventable mistakes such as wrong patient or wrong site surgery still frequently occur in error statistics.

Methods: Based on insight from research on human error, in due consideration of recent legislative regulations in Germany, the authors give an overview of the clinical risk management tools needed to identify risks in surgery, analyse their causes, and determine adequate measures to manage those risks depending on their relevance. The use and limitations of critical incident reporting systems (CIRS), safety checklists and crisis resource management (CRM) are highlighted. Also the rationale for IT systems to support the risk management process is addressed.

Results/Conclusion: No single tool of risk management can be effective as a standalone instrument, but unfolds its effect only when embedded in a superordinate risk management system, which integrates tailor-made elements to increase patient safety into the workflows of each organisation. Competence in choosing adequate tools, effective IT systems to support the risk management process as well as leadership and commitment to constructive handling of human error are crucial components to establish a safety culture in surgery.