Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2015; 50(10): 638-646
DOI: 10.1055/s-0041-102483
Fachwissen
Intensivmedizin & Notfallmedizin: Topthema
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Hyperbare Therapie und Tauchmedizin – Tauchmedizin: Status quo und Ausblick

Hyperbaric therapy and diving medicine – diving medicine – present state and prospects
Bernd Winkler
,
Claus-Martin Muth
,
Tim Piepho
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Publication History

Publication Date:
28 October 2015 (online)

Zusammenfassung

Der Tauchunfall (DecompressionIncident, DCI) entsteht in der Dekompressionsphase von Tauchgängen. Ursächlich hierfür kann entweder eine arterielle Gasembolie (AGE) infolge eines pulmonalen Barotraumas sein oder aber die Bildung von Inertgasblasen infolge der Reduktion des Umgebungsdrucks beim Auftauchen. Während traditionell die Annahme galt, dass Dekompressionsunfälle nur bei grober Missachtung der Auftauchregeln entstehen, zeigen aktuelle Daten, dass ein großer Anteil der Unfälle ohne erkennbares Fehlverhalten der Taucher auftritt. Die inter- und intraindividuelle Praedisposition für Tauchunfälle unterliegt also großen Unterschieden.

In den letzten Jahren hat sich das molekulare Verständnis des Tauchunfalls deutlich verbessert. Inzwischen ist bekannt, dass pro-inflammatorische und pro-koagulatorische Mechanismen eine entscheidende Rolle spielen, außerdem wird vermehrt ein Einfluss sog. Mikropartikel diskutiert. Die neueren molekularen Erkenntnisse haben bislang noch keine wegweisenden therapeutischen Fortschritte nach sich gezogen. Jedoch gibt es darauf basierend zunehmend Strategien im Sinne eines sog. Preconditioning vor dem Tauchgang, die das Risiko für Tauchunfälle reduzieren sollen.

Die Symptome des Tauchunfalls sind vielfältig und reichen von bloßem Pruritus über Spannen in der weiblichen Brust, Hautmarmorierungen und Gelenkbeschwerden bis hin zu schweren neurologischen Ausfällen im Sinne einer Querschnittslähmung oder Hemiplegie. Zudem können pulmonale Symptome als Folge einer pulmonalen Gasembolie und/oder eines Spannungspneumothorax auftreten. In Extremfällen kommt es zu schwer durchbrechbaren zerebralen Krampfanfällen, Bewusstseinsverlust oder Tod.

Die evidenzbasierte Therapie des Tauchunfalls besteht in einer sofortigen normobaren O2-Gabe mit inspiratorisch 100% O2, z. B. via Demand-Ventil, Gesichtsmaske mit Reservoirbeutel oder Beatmungsbeutel mit Reservoirbeutel. Additiv erfolgt eine i. v. Volumensubstitution mit 0,5–1 l/h Vollelektrolytlösung. Die Lagerung des Tauchers bei vollem Bewusstsein erfolgt auf dem Rücken, bei Bewusstseinstrübung oder Bewusstlosigkeit in Seitenlage. Insbesondere bei schweren Fällen ist ein zügiger Transport an ein geeignetes Druckkammerzentrum und eine frühzeitige hyperbare O2-Therapie essenziell.

Abstract

The diving accident (decompression incident, DCI) occurs in the decompression phase of dives. The DCI can either be caused by an arterial gas embolism (AGE) subsequent to a pulmonary barotrauma or by the formation of inert gas bubbles subsequent to a reduction of ambient pressure during the ascent from depth. In contrast to the traditional assumption that decompression incidents only occur if decompression rules are neglected, recent data indicate that a vast amount of diving accidents occur even though divers adhered to the rules. Hence, there is a large inter- and intraindividual variability in the predisposition for diving accidents.

Within the past few years, the molecular understanding of the pathophysiology of diving accidents has improved considerably. It is now well accepted that pro-inflammatory and pro-coagulatory mechanisms play a central role. Moreover, microparticles are increasingly discussed in the pathogenesis of diving accidents. These new molecular findings have not yet resulted in new therapeutic approaches. However, new approaches of preconditioning before the dive have been developed which are intended to reduce the risk of diving accidents.

The symptoms of a diving accident show a large variability and range. They reach from pruritus over tension in the female breast, marbled skin and pain in the joints to severe neurological disability like paraplegia or hemiplegia. Furthermore, pulmonary symptoms can be a result of a pulmonary gas embolism and/or a tension pneumothorax. Extreme cases can also manifest as generalized, difficult-to-treat seizures, loss of consciousness or even death.

The evidence-based therapy of diving accidents consists of an immediate application of 100% inspiratory O2. This can be performed via a demand valve, face mask with reservoir bag or ventilation bag connected to a reservoir bag. Fluid substitution is performed by i. v. infusion of 500–1000ml/h of cristalloids. If consciousness is not impaired, the diver is positioned in a supine position, in case of impaired or absent consciousness in a lateral recovery position. Especially in severe cases of DCI a fast transfer to a qualified hyperbaric center and the earliest possible hyperbaric O2-therapy is essential.

Kernaussagen

  • Ein wesentliches Thema der Tauchmedizin ist das Verständnis der Vorgänge bei der Entstehung eines schweren Tauchunfalls sowie dessen Vermeidung bzw. bestmögliche Therapie.

  • Ein schwerer Tauchunfall (DCI) ist ein potenziell lebensbedrohliches Ereignis mit notfall- und intensivmedizinischer Relevanz.

  • Es gilt heute als gesichert, dass nach nahezu jedem tieferen Tauchgang freie Gasblasen im Körper eines Tauchers nachweisbar sind.

  • Die Gasblasen entwickeln sich aus präexistenten Mikrobläschen, die sich durch Eindiffusion von Inertgas bei Druckreduktion zu den eigentlichen Dekompressionsblasen vergrößern.

  • Diese Gasblasen können zu einer immunologischen und pro-koagulatorischen Reaktion im Körper führen, was letztendlich die Symptomatik des Tauchunfalls hervorruft.

  • Die Symptomatik reicht von einer kutanen Erscheinungsform über muskuloskelettale Schmerzen zu neurologischen und / oder pulmonalen Symptomen, wobei die neurologische Symptomatik von umschriebenen Parästhesien bis zur Paraplegie reichen kann.

  • Bei Befall der hirnversorgenden Arterien (arterielle Gasembolie, AGE) kann eine dem Schlaganfall ähnliche Symptomatik resultieren, die im Schweregrad unterschiedlich ausgeprägt sein kann.

  • Das individuelle Tauchverhalten kann das Risiko, eine DCI zu erleiden, beeinflussen. Versuche, das DCI-Risiko weiter zu senken, bestehen in verschiedensten Maßnahmen, wie z. B. O2-Voratmung, Applikation eines NO-Donors, Vibration u. a. Alle diese Maßnahmen sind sämtlich noch experimentell.

  • Versuche, die pathophysiologischen Abläufe medikamentös durch antiinflammatorisch wirksame oder gerinnungsaktive Substanzen effektiv zu beeinflussen, verliefen bislang frustran.

  • Die wichtigsten therapeutischen Maßnahmen beim Tauchunfall sind daher auch weiterhin das rasche Erkennen, die frühestmögliche Gabe von normobarem O2 in höchstmöglicher Konzentration (FiO2 = 1), der Ausgleich eines Flüssigkeitsdefizits und als weiterführende Maßnahme die hyperbare O2-Therapie (HBO) in einer entsprechenden Druckkammereinrichtung.

Ergänzendes Material