Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2015; 50(10): 648-656
DOI: 10.1055/s-0041-101744
Fachwissen
Intensivmedizin & Notfallmedizin: Topthema
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Hyperbare Therapie und Tauchmedizin – Druckkammer im Einsatz

Hyperbaric therapy and diving medicine – hyperbaric chambers in use
Clemens Henze
,
Christian Heß
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Publication Date:
28 October 2015 (online)

Zusammenfassung

Die hyperbare Oxygenierung (HBO) ist eine wissenschaftlich begründete und international etablierte, in Deutschland aber wenig bekannte und zu selten eingesetzte Behandlungsmethode. Bei einer HBO wird unter Atmung von 100% O2 und durch die Erhöhung des Umgebungsdrucks der Gewebepartialdruck von Sauerstoff (ptO2) deutlich erhöht. Dies setzt verschiedene druck- und O2-assoziierte Mechanismen in Gang. Drei Fallbeispiele beschreiben die Wirkungsweise und Einsatzbereiche der HBO.

Abstract

Hyperbaric oxygen therapy (HBOT) is a scientifically justified and internationally established therapy, which is however not well-known thus rarely used in Germany. During a HBOT, the ambient pressure is raised while the patient breathes 100% O2, causing tissue partial oxygen pressure (ptO2) to increase distinctly. Through that, various pressure- and O2-associated processes are initiated. Herein 3 case studies are described that illustrate the mechanism of action and the range of applications of HBOT.

Kernaussagen

  • Die hyperbare Oxygenierung (HBO) ist geeignet, einen systemischen oder regionalen O2-Mangel zu therapieren.

  • Nur wenige Druckkammern sind in Deutschland in der Lage, intensiv- und beatmungspflichtige Patienten zu behandeln.

  • Die Verfügbarkeit von Druckkammern für intensivpflichtige Patienten ist prüfbar unter: http://www.druckkammernotfallversorgung.de

  • Die HBO ist nebenwirkungsarm und sicher in der Anwendung: In einer Notfallsituation besteht bis auf den unbehandelten Pneumothorax keine Kontraindikation.

  • Kohlenmonoxid bindet nicht nur an Hämoglobin, sondern blockiert zusätzlich die Atmungskette.

  • Neurologische und kardiale Spätkomplikationen einer Kohlenmonoxidvergiftung (COI) sind häufig. Ihr Auftreten wird durch die HBO signifikant gesenkt.

  • Entscheidend für die Indikation einer HBO bei einer COI ist der CO-Hb-Wert direkt nach Rettung aus der Exposition. Der 1. klinische Wert ist durch die i. d. R. erfolgte Therapie falsch niedrig.

  • Eine klinisch relevante COI sollte innerhalb von 6 h einer HBO zugeführt sein. Im Zweifelsfall ein Druckkammerzentrum konsultieren!

  • Chirurgische und internistische Endoskopien oder nicht entlüftete Katheter können zu einer klinisch manifesten Luft- oder Gasembolie führen.

  • Neben Notfallindikationen werden auch Durchblutungsstörungen (diabetisches Fußsyndrom Wagner ≥ 3) mit der HBO behandelt.

Klinischer Fall (für die Fragen 9 und 10): Eine ca. 60-jährige Frau wird von der Polizei (ersteintreffendes Einsatzfahrzeug) aus einer brennenden Wohnung eines Mehrfamilienhauses gerettet. Sie ist schwer dyspnoeisch und verwirrt, es zeigen sich geringe oberflächliche Verbrennungen 1. Grades am rechten Unterarm und Ruß im Gesicht, aber keine Verletzungszeichen. Sie wird rettungsdienstlich aufgrund einer Hypoxygenierung (pulsoxymetrisch gemessene O2-Sättigung [SpO2] = 85 %) und des Verwirrtheitszustandes intubiert und beatmet, es liegt klinisch eine Obstruktion der kleinen Atemwege vor. Nach Steroidgabe und Inhalationstherapie mit β-Mimetika bessert sich die Oxygenierung, die Hämodynamik ist ohne Katecholamine stabil, am Monitor zeigt sich eine Tachyarrhythmie bei Vorhofflimmern. Die Zeitdauer vom 1. Patientenkontakt bis zur Notaufnahme beträgt ca. 90 min. Bei Aufnahme in der Klinik zeigt die arterielle BGA mit CO-Oxymetrie unter kontrollierter Beatmung mit dezelerierender Flowcharakteristik und einer O2-Konzentration der Einatemluft (FiO2) = 1 folgende Werte:

  • pH = 7,21

  • arterieller O2-Partialdruck (paO2) = 322 mmHg

  • arterieller CO2-Partialdruck (paCO2) = 51 mmHg

  • Bikarbonat (HCO3 -) = 19,8 mmol/l

  • Hämoglobin (Hb) = 7,32 mmol/l

  • Laktat (Lac) = 8,1 mmol/l

  • CO-Hb = 22 %

Ergänzendes Material