Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2015; 50(1): 48-54
DOI: 10.1055/s-0040-100358
Fachwissen
Intensivmedizin & Schmerztherapie: Topthema
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Palliativmedizin – Ethische Herausforderungen der palliativmed. Begleitung von Intensivpatienten

Ethical challenge in palliative support of intensive care patients
Fred Salomon
Further Information

Publication History

Publication Date:
02 February 2015 (online)

Zusammenfassung

Palliativ- und Intensivmedizin galten lange Zeit als gegensätzliche Therapiekonzepte. Während Intensivmedizin sich auf das Überleben ausrichtet und die Stabilisierung gestörter Köperfunktionen zum Ziel hat, hat Palliativmedizin die Linderung von Beschwerden im Blick, um dem Menschen angesichts des nahenden Todes das Leben zu erleichtern. Heute ergänzen sich beide Blickrichtungen, weil palliative Anliegen auch in der kurativen Medizin wichtig sind. In einem kritischen Krankheitsverlauf kann sich die Orientierung durch den Krankheitsverlauf oder den Willen des Patienten vom kurativen Therapieziel zu einem palliativen Ziel verändern. An 2 Fallbeispielen werden ethische Herausforderungen in diesem Prozess dargestellt, die sich aus der medizinischen Indikation, der Beachtung des Patientenwillens, Meinungsdifferenzen im Team, der Wahrheit am Krankenbett sowie den konkreten Schritten beim Therapieabbruch ergeben können.

Abstract

Intensive care medicine and palliative care medicine were considered for a long time to be contrasting concepts in therapy. While intensive care medicine is directed towards prolonging life and tries to stabilize disordered body functions, palliative care medicine is focused upon the relief of disturbances to help patients in the face of death. Today both views have become congruent. Palliative aspects are equally important in curative therapy. In the course of illness or in respect of the patient's will, the aim of therapy may change from curative to palliative. Two examples are presented to illustrate the ethical challenges in this process. They follow from the medical indication, attention to the patient's will, different opinions in the team, truth at the bedside and from what must be done in the process of withdrawing therapy.

Kernaussagen

  • Intensiv- und Palliativmedizin sind sich ergänzende Versorgungskonzepte einer zeitgemäßen, modernen Medizin.

  • Ethik ist Nachdenken über Tun oder Unterlassen unter dem Aspekt des Wertes für den Menschen. Wissenschaftlich wird zwischen Moral als sittlicher Überzeugung einer Person oder Gruppe und Ethik als Nachdenken über Moral unterschieden.

  • Diagnostik und Therapie sind nur zulässig, wenn die Maßnahmen medizinisch indiziert sind und der Patient ihnen zustimmt. Auch eine indizierte Maßnahme darf nur durchgeführt werden, wenn der aufgeklärte Patient ihr zustimmt.

  • Ist eine Maßnahme nicht indiziert, stellt sich nicht mehr die Frage nach dem Patientenwillen, weil nicht indizierte Maßnahmen nicht angeboten und durchgeführt werden dürfen.

  • Bei der Therapiezieländerung geht es darum, ein palliatives Ziel anstelle des kurativen in den Vordergrund zu stellen.

  • Eine Therapie nicht zu beginnen, ist rechtlich und ethisch gleichwertig damit, eine laufende Therapie auch durch aktive manuelle Tätigkeiten zu beenden.

  • Meinungsunterschiede der Beteiligten müssen offen bearbeitet werden. Dabei bietet sich eine unabhängige Ethikberatung an.

  • Unverzichtbar sind bei jeder Versorgung die Basismaßnahmen, Respekt und psychosoziale Begleitung.

Ergänzendes Material