Nervenheilkunde 2015; 34(12): 1026-1031
DOI: 10.1055/s-0038-1627653
Übersichtsartikel
Schattauer GmbH

Selbstbestimmung und psychische Störung bei Suizid-Beihilfe-Ansinnen[1]

Competence, assisted suicide and psychiatric disorder
J. F. Spittler
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Publication History

eingegangen am: 27 February 2015

angenommen am: 27 May 2015

Publication Date:
22 January 2018 (online)

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Zusammenfassung

Ziel: Bei Menschen mit einem Suizid-Beihilfe- Ansinnen an eine Organisation stellt sich die Frage der Urteilsfähigkeit und Selbstbestimmtheit bei einer zugrunde liegenden oder beteiligten psychischen Störung, insbesondere einer Depression. Methodik: Nach 420 psychiatrischen Gutachten werden die psychischen Störungen, Symptome, Krankheitsbilder und die Einschätzungen der Einsichts-, Urteils- und Willensbildungsfähigkeit dargestellt. Ergebnisse: Die 186 Haupt- und Nebendiagnosen psychischer Störungen zeigen ein breites Spektrum von Verursachungen und Schweregraden. Die Einsichts- und Urteilsfähigkeit wurde unter diesen in 7,5% als krankhaft bestimmt, in 54,8% als sowohl psychopathologisch bzw. psychodynamisch beeinflusst und zugleich rational bzw. realistisch und in 37,6% als abgewogen rational beurteilt. Schlussfolgerungen: Bei Suizid-Beihilfe-Ansinnen an eine Organisation müssen psychopathologische Syndrome differenziert eingeschätzt werden und bedeuten weit überwiegend keine erhebliche Einschränkung der Urteilsfähigkeit oder der selbstbestimmten Willensbildung.

Summary

Objective: People seeking support for assisted suicide from an organisation often also suffer from psychiatric disturbances. The question arises wether this impairs competence of judgement and justification for assistance. Material and methods: On the basis of 420 psychiatric reports symptoms and disturbances are analysed. Results: In 186 cases the main or a secondary diagnosis was a psychiatric one, ranging from schizophrenic residual syndrome, episodic or chronic depression to personality disorder. In these cases the competence of judgement had been considered pathologically or psychodynamically impaired but at the same time rational and realistic in 54,8% and as clearly rational in 37,6%. Conclusion: Psychiatric symptoms have to be carefully differentiated in people seeking support for assisted suicide. In the majority of cases these do not result in a significant impairment of competence.

1 Die in Zusammenarbeit mit StHD (Sterbehilfe Deutschland) erhobenen Daten (n = 320) wurden in Bezug auf die vom Deutschen Bundestag geplante Gesetzgebung ausgearbeitet. In: Spittler JF: Das geplante Verbot organisierter Sterbehilfe aus ärztlich-psychiatrischer Sicht. In: Benzin T (Hrsg.). Der Ausklang – Leitfaden für Selbstbestimmung am Lebensende. Norderstedt: Books on Demand 2015, 41–76.