Tierarztl Prax Ausg G Grosstiere Nutztiere 2008; 36(03): 179-184
DOI: 10.1055/s-0038-1624033
Wiederkäuer
Schattauer GmbH

Jodmangel als Bestandsproblem in einem ökologisch geführten Milchviehbetrieb[*]

Case report of iodine deficiency in an organic dairy farm
I. Schlemmer
1  Klinik für Wiederkäuer mit Ambulanz und Bestandsbetreuung (Lehrstuhl für Innere Medizin und Chirurgie der Wieder käuer: Univ.-Prof. Dr. W. Klee) und
,
S. Reese
1  Klinik für Wiederkäuer mit Ambulanz und Bestandsbetreuung (Lehrstuhl für Innere Medizin und Chirurgie der Wieder käuer: Univ.-Prof. Dr. W. Klee) und
,
U. Ebert
1  Klinik für Wiederkäuer mit Ambulanz und Bestandsbetreuung (Lehrstuhl für Innere Medizin und Chirurgie der Wieder käuer: Univ.-Prof. Dr. W. Klee) und
,
M. Metzner
1  Klinik für Wiederkäuer mit Ambulanz und Bestandsbetreuung (Lehrstuhl für Innere Medizin und Chirurgie der Wieder käuer: Univ.-Prof. Dr. W. Klee) und
› Author Affiliations
Further Information

Publication History

Eingegangen: 03 March 2008

akzeptiert: 03 April 2008

Publication Date:
05 January 2018 (online)

Zusammenfassung:

Gegenstand: Abklärung von Umfangsvermehrungen in der Kehlgangsregion, Entwicklungsstörungen und Atemwegserkrankungen bei Kälbern in einem bayerischen Biobetrieb. Methoden: Drei Kälber wurden an die Klinik für Wiederkäuer der LMU München zur Abklärung des Bestandsproblems überwiesen. In der Folge fand ein Betriebsbesuch statt und ein Kalb wurde zur Behandlung in der Klinik aufgestallt. Ergebnisse: Alle Kälber im Betrieb im Alter zwischen einem Tag und 6 Monaten waren abgemagert und im Wachstum zurückgeblieben. Acht Kälber zeigten im Larynxbereich eine palpierbare Umfangsvermehrung. Bei neun Kälbern sowie fünf laktierenden Kühen wurden Blutproben auf Glutathion-Peroxidase-Aktivität (GSH-Px), Thyroxin- (T4) und Selenkonzentration (Se) untersucht. Die drei zuvor an die Klinik überwiesenen Patienten zeigten vergleichbare Symptome. Bei der Sektion fanden sich Umfangsvermehrungen im Kehlgangsbereich mit einem Durchmesser von 7–15 cm. Ferner bestand eine hochgradige Broncho pneumonie und in einem Fall eine fibrinöse Pleuritis. Der histologische Befund der Umfangsvermehrungen lautete Hypertrophie und Hyperplasie mit Hyperämie der Schilddrüse (Struma). Die T4-Serumkonzentration war bei drei von neun Tieren sehr niedrig (< 0,5 μg/l) und die GSH-Px-Aktivität lag bei allen Tieren unter 42 U/g Hb. Eine Futtermittelanalyse des ad libitum gefütterten Heus ergab eine Jodkonzentration von 0,32 mg/kg Trockensubstanz. Das angebotene Mineralfutter enthielt kein Selen oder Jod. Das in der Klinik aufgestallte eintägige Kalb mit Struma, Selenmangel und Bronchopneumonie wurde mit Kaliumjodid, Selen, Vitamin E und einem Antibiotikum behandelt, erholte sich und wurde geheilt entlassen. Schlussfolgerung und klinische Relevanz: Anhand der Befunde wurde ein Jod- und Selenmangel verbunden mit gehäuft auftretenden Broncho - pneumonien als Bestandsproblem diagnostiziert. Für Jod und Selen gibt es in den Richtlinien für ökologisch geführte Betriebe keine Restriktionen. Es wird empfohlen, in Betrieben in Jod- und Selenmangelgebieten ein besonderes Augenmerk auf die Mineralstoff- und Spurenelementversorgung zu legen. Dies gilt besonders für ökologisch geführte Betriebe, wenn diese nur betriebseigene Futtermittel einsetzen.

Summary:

Objective: Clarification of masses in the region near the larynx, growth retardation and increased incidence of pulmonary diseases in calves from an organic farm in Bavaria. Methods: Three calves were sent to the Clinic for Ruminants for examina tion. Later the farm was visited and one calf was brought to the clinic for diagnosis and treatment. Results: All calves on the farm at the age of 1 day to 6 months were emaciated and their development was retarded. Eight calves had palpable masses in the area of the larynx. Blood samples were taken from animals of different age groups for determination of glutathione-peroxidase activity (GSH-Px), thyroxin (T4) and selenium (Se) concentrations. The three animals admitted to the clinic showed similar signs. They were euthanized and submitted for post-mortem examination. All of them displayed masses at the ventral aspect of the neck 7–15 cm in diameter. Additionally, severe bronchopneumonia and in one case fibrinous pleuritis was diagnosed. Histological findings included hypertrophy and hyperplasia with hyperaemia of the thyroid gland (goitre). T4 levels were very low in three out of nine animals (< 0.5 μg/l), and the GSH-Px activity of all animals was below 42 U/g Hb. Analysis of the hay, fed ad libitum, yielded an iodine concentration of 0.32 mg/kg dry matter. Mineral feed had been offered to the animals; however, it did not contain any Se or iodine. The one-dayold calf with goitre, Se deficiency and bronchopneumonia was treated in the clinic with potassium iodide, selenium, vitamin E and antibiotics. After 4.5 months the calf had recovered and was discharged. Conclusion and clinical relevance: It was concluded that the farm had an iodine deficiency problem, with clinical signs of goitre, Se deficiency and bronchopneumonia. There are no restrictions for mineral supplements in rules governing organic farming, especially for selenium or iodine. In regions with soils deficient in iodine and selenium, special attention should be paid to the supplementation of those trace elements.

* Herrn Prof. Dr. Dr. h. c. mult. H. Bostedt zum 70. Geburtstag gewidmet.