Adipositas - Ursachen, Folgeerkrankungen, Therapie 2011; 05(01): 30-36
DOI: 10.1055/s-0037-1618729
Serie Lebensstil
Schattauer GmbH

Sind adipöse Erwachsene in ihrer psychischen gesundheitsbezogenen Lebensqualität eingeschränkt?

Eine systematische Übersicht neuerer StudienAre obese adults limited in their mental health-related quality of life?A systematic review of recent studies
T. von Lengerke
1   Medizinische Hochschule Hannover, Forschungs- und Lehreinheit Medizinische Psychologie
,
M. D. Stehr
1   Medizinische Hochschule Hannover, Forschungs- und Lehreinheit Medizinische Psychologie
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Publication Date:
22 December 2017 (online)

Zusammenfassung

Die Frage, wie die Adipositas mit psychischen Störungen assoziiert ist, wird kontrovers diskutiert. Die vorliegende Arbeit gibt einen systematischen Überblick über neuere Studien (2001-2009) zu ihrem Zusammenhang mit psychischer gesundheitsbezogener Lebensqualität bei Erwachsenen. In PubMed wurden dazu 25 empirische Querschnittstudien aus OECD-Ländern aus der Gruppe der sehr hoch entwickelten Länder identifiziert, die einen Vergleich mit nicht adipösen Gruppen (einschließlich Normalgewicht) beinhalteten. Alle verwendeten den Short Form Health Survey 36 (SF-36) oder 12 (SF-12) sowie Grenzwerte nach Body Mass Index laut WHO. Es zeigte sich, dass sich adipöse Erwachsene in ihrer psychischen gesundheitsbezogenen Lebensqualität in 76% der Studien nicht bedeutsam von den Vergleichsgruppen unterschieden. In jeweils 12% der Studien fanden sich adipositas-assoziiert schlechtere bzw. bessere Werte. Dagegen berichteten 96% der Studien Einschränkungen in der körperlichen Lebensqualität. Ohne einen metaanalytischen Anspruch zu erheben und ohne Aussagen über Gewichtsveränderungen machen zu können, erlaubt die Übersicht die Schlussfolgerung, dass im Allgemeinen nicht von adipositas-assoziierten Einschränkungen in der psychischen Lebensqualität bei Erwachsenen auszugehen ist. Es wird daher empfohlen, bei Aussagen zur Lebensqualität adipöser Erwachsener möglichst anzugeben, ob Unterschiede in der körperlichen und/oder in der psychischen Lebensqualität gemeint sind.

Summary

The association of obesity with mental disorders is subject of controversial debates. This paper provides a systematic review of recent studies (2001–2009) on obesity’s relation with mental health-related quality of life in adults. In PubMed, 25 cross-sectional studies from OECD-countries with a very high human development index which included a comparison with nonobese groups (including normal weight) were identified. All studies used the Short Form Health Survey 36 (SF-36) or 12 (SF-12), and body mass index cutoff points following WHO. Results show that in 76% of the studies, obese adults did not significantly differ from comparison groups in their mental health-related quality of life. In 12% of the studies, limitations associated with obesity were reported, and in another 12%, values were improved. In contrast, 96% of the studies reported significant limitations in physical health-related quality of life. Without any meta-analytic claim, and with no inferences regarding effects of weight changes, it is concluded that it can generally be assumed that obese adults are not limited in their mental health-related quality of life. Thus, it is recommended that statements on the quality of life of obese adults should if possible specify whether they allude to differences in physical and/or mental qualify of life.

Die Autoren erhielten im September 2010 in Gießen für die Präsentation dieser Arbeit den Preis für den besten Kurzvortrag in der Kategorie Verhaltensprävention/Lebensstil von der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie (DGMP) und der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS). Zudem erhielten die beiden Wissenschaftler für diese Arbeit im selben Monat den Posterpreis “Epidemiologie” der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi) auf deren gemeinsamen Kongress mit der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) in Berlin.