Gesundheitswesen 2017; 79(08/09): 656-804
DOI: 10.1055/s-0037-1605639
Vorträge
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Sterbehilfe im palliativen Dienstleistungsangebot? – Biopolitische Analytik zur Zukunft des Lebensendes

WJ Stronegger
Medizinische Universität Graz, Institut f. Sozialmedizin u. Epidemiologie, Graz
› Author Affiliations
Further Information

Publication History

Publication Date:
01 September 2017 (online)

 

Fragestellung:

Die Professionalisierung und Ausbreitung der Hospiz- und Palliativversorgung ist begleitet von großer Akzeptanz, aber auch von kritischen Einwänden. Aktuell sieht der Soziologe Reimer Gronemeyer diese Bewegung durch Medikalisierung und Ökonomisierung des Sterbens auf dem Weg zu einem „qualitätskontrollierten Sterben, ...das von DIN-Normen, von terminaler Sedierung und zertifizierter Spiritualität (sowie einer Prise finaler Wellness) gekennzeichnet sein dürfte.“ Er diagnostiziert damit eine Entwicklung, die insbesondere Ivan Illich bereits 1975 prognostizierte. Die Herausbildung eines „palliativen Dienstleistungssektors“ für „Sterbekunden“ werde gemäß Gronemeyer in weiterer Folge die Frage aufwerfen, wie lange „man sich dem ‚Kundenwunsch‘ nach Euthanasie verweigern“ werde können.

Methoden:

Gemäß dem von Michel Foucault Mitte der 1970er Jahre präsentierten Konzept der Biopolitik traten nach dem Westfälischen Frieden „das Leben und der Körper“ der Menschen zunehmend in „die Ordnung des Wissens“ und „in das Feld der politischen Techniken“ ein. Nach einer von uns vorgestellten These (Imago Hominis 23, 2016) gab es eine historische Ausdehnung der Interventionsfelder der Biopolitik in Form von Zyklen. Dabei folgt in jedem Zyklus auf eine Phase der staatlichen Etablierung biopolitischer Regierungstechniken eine Phase der Subjektivierung der neuen Normen und Wissensapparate.

Ergebnisse:

Nicht alle Normierungen in der Versorgung am Lebensende sind per se Normenbildungen im Sinne von Foucaults Biopolitikkonzept. Grundsätzlich gehört zu den Strategien der Biopolitik die Steigerung der Lebensprozesse (faire vivre), aber auch die Vernichtung von Leben (faire mourir) auf der Grundlage von Bewertungen und Praktiken.

Schlussfolgerungen:

Ausgehend von Foucaults Biomachtkonzept sind in einer Kritik der Hospiz- und Palliative Care Bewegung mehrere machttechnische Ebenen zu berücksichtigen, sodass eine nur auf Lebenssteigerungsstrategien beruhende Einordnung zu kurz greift.