Suchttherapie 2017; 18(S 01): S1-S72
DOI: 10.1055/s-0037-1604510
Symposien
S-03 Internetsucht = Internetsucht? Spezifika und Gemeinsamkeiten verschiedener Formen internetbezogener Störungen
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Impulsivität, Inhibitionskontrolle und Craving bei der Internet-pornography-use disorder

S Antons
1  Universität Duisburg-Essen, Allgemeine Psychologie: Kognition & Center for Behavioral Addiction Research (CeBAR)
,
M Brand
1  Universität Duisburg-Essen, Allgemeine Psychologie: Kognition & Center for Behavioral Addiction Research (CeBAR)
2  Erwin L. Hahn Institute for Magnetic Resonance Imaging, Essen
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Publication History

Publication Date:
08 August 2017 (online)

 

Einleitung:

Innerhalb der Internet-pornography-use disorder (IPD) verlieren Betroffene die Kontrolle über ihren Pornografiekonsum im Internet und führen diesen trotz des Erlebens negativer Konsequenzen fort. Theoretische Modelle, wie das I-PACE Modell für spezifische Internet-use-disorders (Interaction of Person-Affect-Cognition-Execution; Brand et al., 2016), können als Erklärungsmodell für die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer IPD herangezogen werden. Es wird davon ausgegangen, dass relativ stabile Persönlichkeitsfacetten wie Impulsivität sowie kognitive und emotionale Faktoren, die sich beispielsweise in einer dysfunktionalen Inhibitionskontrolle oder Cue-Reactivity und Craving zeigen, wesentliche Faktoren in der Störungsätiologie und Pathogenese darstellen. Die vorliegende Studie hat zum Ziel, den moderierenden Effekt von Inhibitionskontrolle und Craving auf den Zusammenhang zwischen Impulsivität als Persönlichkeitsfacette und der Symptomschwere einer IPD zu untersuchen.

Methodik:

Es wurden 50 männliche, heterosexuelle Online-Pornografie Nutzer mit dem experimentellen Paradigma der Stop-Signal Task untersucht, welche häufig im Suchtkontext Verwendung findet, um Inhibitionskontrolle zu messen. Alle Teilnehmer absolvierten Aufgabenvarianten, welche sowohl mit neutralen Bildern als auch mit pornographischen Bildern manipuliert wurden. Des Weiteren wurde das aktuelle Craving nach der pornographischen Aufgabe sowie Impulsivität (Barett Impulsiveness Scale -15; Meule et al., 2011) und die Symptomschwere einer IPD (short-Internet Addiction Test; Laier et al., 2014) erfasst.

Ergebnisse:

Es konnte gezeigt werden, dass der Zusammenhang zwischen Impulsivität und der Symptomschwere einer IPD durch eine mangelnde Inhibition, die sich in langsameren Go-Reaktionszeiten zeigte, als auch durch Craving moderiert wird. Dieser Moderationseffekt konnte nur in der Stop-Signal-Task Variante mit pornographischen Bildern nachgewiesen werden, jedoch nicht in der neutralen Variante. Nutzer von Pornografie mit einer höheren Impulsivität sowie einer geringen Go-Reaktionszeit oder höherem Craving nach der Konfrontation mit pornographischem Material weisen eine höhere Symptomschwere einer IPD auf.

Schlussfolgerung:

Die hier vorgestellten Ergebnisse sprechen dafür, dass eine hohe Impulsivität in Interaktion mit einer reduzierten Inhibitionskontrolle und erhöhtem Craving, insbesondere in Situationen, in denen Betroffene mit pornographischem Material konfrontiert werden, wesentliche Mechanismen in der Störungsätiologie und Pathogenese einer IPD repräsentieren könnten. Die Ergebnisse stützen die Annahmen des I-PACE Modells und knüpfen an aktuelle Befunde aus dem Bereich der Internet-gaming disorder an.