Geburtshilfe Frauenheilkd 2017; 77(02): 192-200
DOI: 10.1055/s-0036-1597724
Abstracts
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie im Nationalsozialismus – ein Forschungsbericht

F Dross
1  Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
,
W Frobenius
1  Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
,
A Thum
1  Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
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Publication Date:
06 March 2017 (online)

 

Der Vortrag stellt Ergebnisse der Forschungen zur Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie (DGG) im Nationalsozialismus (NS) vor, die 2016 als Sonderband der „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“ erscheinen werden. Die Forschungen konzentrieren sich auf drei zentrale Aspekte. Erstens sollen der Vorstand und die Vorsitzenden beleuchtet werden: Inwiefern und zu welchen Anlässen kooperierten sie mit dem NS-Regime? Wann traten staatliche und Parteidienststellen an den Vorstand heran, und wo ist umgekehrt zu beobachten, dass sich die Gesellschaft den neuen Machthabern andiente? Sind im Verhalten der einzelnen Vorsitzenden Unterschiede zu konstatieren? Da ein zentrales Archiv der Gesellschaft nicht existiert, stellt der Nachlass von August Mayer (Tübingen) den wichtigsten archivalischen Quellenbestand dar. Mayer war als Nachfolger von Walter Stoeckel von 1933 bis 1935 Vorsitzender der Gesellschaft. Daneben hat sich in München im Nachlass von Josef Zander (Vorsitzender 1976 – 1978) Korrespondenz der DGG aus der Zeit des NS auffinden lassen, darunter Schriftwechsel von Heinrich Martius (Kassenwart), Hans-Christian Naujoks (1. Schriftführer) sowie Hans Fuchs (Tagungspräsident 1941). Ein zweiter Fokus liegt auf den Kongressen in Berlin (1933), München (1935), Berlin (1937) und Wien (1941). Welche fachlichen und politischen Netzwerke spielten eine Rolle, welche thematischen Schwerpunkte setzten die jeweils verantwortlichen Vorsitzenden, inwiefern nahmen politische Stellen Einfluss auf die Programmgestaltung? Wie wurde auf den Tagungen das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 und seine Umsetzung behandelt, das im In- und Ausland große Aufmerksamkeit genoss? Drittens stellen die Mitglieder der Gesellschaft ein lange vernachlässigtes und deshalb besonders wichtiges Thema dar: Macht, Einfluss und die Kassenlage der Gesellschaft beruhten nicht zuletzt auf deren Anzahl. Wie ist es zu erklären, dass sich die Gesellschaft ohne Gegenwehr von den seit 1933 als „nichtarisch“ geltenden Mitgliedern verabschiedete? Welchen aktiven Anteil hatte die Gesellschaft an Diffamierung, Verdrängung und Vertreibung? Schließlich gilt es, die Biografien der Verfolgten wenigstens historiographisch zu sichern – denn während an die Vorsitzenden immer wieder erinnert wird, wenn auch zunehmend differenzierter, sind sogar die mindestens 20 Mitglieder der Gesellschaft, die den rassistischen Terror mit ihrem Leben bezahlten, weitestgehend unbekannt.