Geburtshilfe Frauenheilkd 2016; 76 - P26
DOI: 10.1055/s-0036-1583799

Konservatives Management von Schwangeren mit Risiko für die Entwicklung einer fetalen/neonatalen Alloimmunthrombozytopenie (F/NAIT) mittels Genotypisierung aus zellfreier DNA und Immunglobulinprophylaxe

J Degenhardt 1, A Wolter 1, A Kawecki 1, R Axt-Fliedner 1, G Bein 2, S Wienzek-Lischka 2
  • 1Abteilung für Pränatalmedizin, Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Justus-Liebig-Universität, Gießen, Deutschland
  • 2Zentrum für Transfusionsmedizin und Hämotherapie, Universitätsklinikum Gießen und Marburg, Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Zielsetzung:

Bei der F/NAIT kommt es zur Bildung von mütterlichen Antikörpern gegen paternale Antigene auf fetalen Thrombozyten (Alloantigene). Schwere Blutungskomplikationen können die Folge sein. Am Häufigsten ist dabei (75%) die Verursachung durch Antikörper gegen das humane Plättchen-Antigen (HPA) 1 a, in 15% gegen das HPA-5a. Bisher musste zur fetalen Genotypisierung eine invasive Diagnostik erfolgen, bei fetaler Gefährdung wurde serielle Punktionen und ggf. auch Thrombozytentransfusionen durchgeführt.

Material/Methoden:

Deskriptive Analyse der zwischen 2014 und 2015 in unserem Zentrum für feto-maternale Inkompatibilität betreuten Schwangeren mit Risiko der F/NAIT. Untersucht wurden die Rate erfolgreicher HPA-Genotypisierungen, die Rate an Schwangerschaftskomplikationen unter Immunglobulin-Prophylaxe und das geburtshilfliche Outcome.

Ergebnisse:

Zwischen 2014 und 2015 wurden 12 Schwangere mit dem Risiko der Entwicklung einer F/NAIT in unserem Zentrum betreut. In allen Fällen gelang die HPA-Genotypisierung aus zellfreier DNA mittels massively parallel sequencing. Alle Schwangeren erhielten eine wöchentliche Prophylaxe mit Hyperimmunglobulin (Intratect, 1 g/kgKG). In keiner der Schwangerschaften kam es zu fetalen Blutungsereignissen. Keines der Ungeborenen erhielt eine intrauterine Transfusion von Thrombozyten. Die Entbindung erfolgte im Mittel in der 39. SSW. Das durchschnittliche Geburtsgewicht betrug 3040 g. Kein Neugeborenes zeigte bei Geburt eine klinisch relevante Thrombozytopenie.

Schlussfolgerung:

Das vorgestellte konservative Management von Schwangeren mit dem Risiko einer F/NAIT stellt einen Paradigmenwechsel in der Betreuung dieser Form der fetomaternalen Inkompatibilität dar. Die bisherige Praxis der invasiven Diagnostik zur HPA-Genotypisierung und seriellen Bestimmung der fetalen Thrombozytenzahl ist vor diesem Hintergrund kritisch zu hinterfragen.