Gesundheitswesen 2015; 77(10): 735
DOI: 10.1055/s-0035-1564197
Gasteditorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Unfallverhütung bei Flüchtlingen

J. Gardemann
1  Münster University of Applied Sciences
,
K. Bozorgmehr
2  Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, Universitätsklinikum Heidelberg
,
O. Razum
3  AG Epidemiologie & International Public Health, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld
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Publication Date:
29 October 2015 (online)

Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) in Deutschland ist mit der Versorgung von Flüchtlingen und Asylsuchenden stark gefordert. Akute versorgerische Erfordernisse sowie Vorbeugemaßnahmen wie nachzuholende Impfungen lassen Überlegungen zu verhaltensbezogenen Präventionsmaßnahmen in den Hintergrund treten. Aber auch hier bestehen akute Bedarfe, insbesondere im Bereich der Unfallverhütung. Aktuelle Ereignisse wie eine massive Häufung von Knollenblätterpilzvergiftungen bei Asylsuchenden belegen dies eindrücklich.

Die weltweit häufigsten Verletzungsmechanismen bei Säuglingen und Kleinkindern sind Ertrinken, Vergiftungen, Verbrennungen und Stürze. Hinzu kommen häusliche Gewalt und gewalttätige Auseinandersetzungen. Ähnliches gilt auch für größere Kinder und Erwachsene, wobei hier Unfälle im Straßenverkehr eine zunehmend größere Bedeutung erlangen [1] []. Angesichts dieses weltweit ähnlichen Spektrums könnte man annehmen, dass asylsuchende Eltern sich der entsprechenden Gefahren, denen ihre Kinder und sie selbst in Deutschland ausgesetzt sind, hinreichend bewusst sind und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen ergreifen können. Das übersieht, dass manche Gefahren im vermeintlich besonders „sicheren“ Deutschland in anderer Form auftreten, als sie aus den Herkunftsländern bekannt sind. Ohne zusätzliche Informationen sind sie für Eltern und für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge möglicherweise nicht ausreichend einschätzbar.

Beispielhaft seien folgende, für Flüchtlinge evtl. „neue“ Unfallgefahren genannt:

  • Ertrinken (Binnengewässer in Deutschland größer, tiefer oder reißender als im Herkunftsland; scheinbar durchgängige Eisflächen nicht ausreichend belastbar)

  • Vergiftungen (unbekannte Pilze wie Knollenblätterpilze ähneln essbaren Pilzen im Herkunftsland. Ähnliche Probleme mit unbekannten giftigen Beeren sowie giftigen Blütenpflanzen)

  • Verbrühungen und Verbrennungen bzw. Ersticken am Rauch (wirksame Schutzmaßnahmen verfügbar, aber nicht bekannt)

  • Verkehrsunfälle (Fußwege auf oder nahe Bahngleisen und Fernverkehrsstraßen im Herkunftsland; in Deutschland unerwartet hohe Geschwindigkeit und Luftsog)

  • Stürze (ebenerdige Häuser in ländlichen Gebieten der Herkunftsländer vs. mehrstöckige Wohnblöcke in Deutschland).

Aufgrund fehlender Statistiken sind keine präzisen Aussagen zur Häufigkeit dieser Unfallursachen möglich, von einer Dunkelziffer ist auszugehen. Die „neuen“ Gefahren sind auch sehr unterschiedlich relevant, je nachdem, ob Flüchtlinge bspw. aus städtischen Gebieten Syriens oder ländlichen Gebieten Eritreas kommen. Eine gewisse Verallgemeinerung (d. h. eine mangelnde Anpassung an die Zielgruppen) lässt sich bei der Erstinformation nicht vermeiden.

Ideal wären aufsuchende Programme, die Familien helfen, Gefahren in neu zu beziehenden Wohnungen zu identifizieren und die möglichst „face-to-face“ über Gefahren außerhalb der Wohnung aufklären [1]. Zu den dabei zu vermittelnden wahrscheinlich oder sicher wirksamen Interventionen gehören [1]:

  • Rauchmelder

  • Steckdosensicherungen

  • Regelung der Warmwassertemperatur

  • Fensterriegel in höheren Stockwerken

  • Wissen um Vergiftungszentrale und Telefonnummer

  • Schwimmunterricht.

Die hierzu erforderliche Aufklärungsarbeit ist vom ÖGD allein momentan nicht zu leisten. Perspektivisch könnte sie in Form von selbsthilfe-orientierten Aktivitäten entsprechend dem Vorbild von MiMi („Mit Migranten für Migranten“) implementiert werden. Damit würde auch die Anpassung an die Informationsbedarfe der Zielgruppen gewährleistet. Wenn die entsprechenden technischen Vorrichtungen gleich mitgebracht werden, ist die Akzeptanz auch in sozial benachteiligten Schichten gut [1].

Als Sofortmaßnahme werden Informationsmaterialien benötigt – insbesondere Plakate und Flugblätter in den gängigen Sprachen, die auf „neue“ Gefahren hinweisen. Dies könnte von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) übernommen werden. Auch wenn die Evidenz für diese Intervention nicht gesichert ist, so kann mit vergleichsweise geringem finanziellen Aufwand zumindest ein Problembewusstsein geschaffen werden.

International gehört eine solche Aufklärung schutzsuchender Bevölkerungsgruppen über lokale gesundheitliche Gefahren seit vielen Jahren explizit zum Mindeststandard bei der Betreuung. Beispielhaft zeigt das das Sphere-Handbuch „Humanitäre Charta und Mindeststandards in der humanitären Hilfe“ [2]. Deutschland stellt sich erfreulicherweise den Herausforderungen bei der Aufnahme und Betreuung schutzbedürftiger Menschen. Da einige Aspekte dieser Herausforderungen für den ÖGD neu sind, ist es keinesfalls ehrenrührig, hierzu von internationalen Vorbildern zu lernen.