Die Hebamme 2015; 28(4): 234
DOI: 10.1055/s-0035-1558566
Editorial
Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG Stuttgart

Das pralle Leben

Christine Allgeier
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Publication Date:
21 December 2015 (online)

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Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

ich vermute, dass die Wochenbettbetreuung das Arbeitsfeld ist, in dem (noch) die meisten Hebammen arbeiten.

Die Themen unseres aktuellen Schwerpunktes zeigen die ganze Bandbereite der Wochenbettbetreuung. Sie reicht von medizinischen (Hyperbilirubinämie) über körper-leibbezogene (Beckenbodenarbeit) bis hin zu psycho-sozialen (Sexualität) oder pädagogischen Fragen (Fütterstörungen).

Insofern kann man sagen, dass Hebammen Generalistinnen sind. Diese Vielfalt der Themen trägt dazu bei, dass die Wochenbettbetreuung sehr interessant und sehr selten langweilig ist.

In vielen Fällen sind Hebammen bei der Beantwortung der Fragen, was physiologisch, normal, gesund ist bzw. was abweicht, (noch) auf disziplin-fremde Definitionen angewiesen (Ernährungswissenschaft definiert Fütterstörung, Sexualwissenschaft definiert Sexualfunktionsstörung, Medizin definiert Hyperbilirubinämie).

Das wird bei vielen Themen auch so bleiben, eben weil wir Generalistinnen sind. Und es ist aus meiner Sicht unproblematisch, wenn wir (zunehmend) das Handwerkszeug haben, um solche Definitionen für unsere Belange begründet anzunehmen, zu verwerfen oder anzupassen.

Während bei sehr vielen Themen der Schwangerschafts- und Geburtsbegleitung die Definitionsmacht (noch) sehr statisch bei der Medizin liegt, ist die Wochenbettbetreuung ein Feld, das Hebammen kaum jemand streitig macht. Schade, dass es gerade hierzu noch relativ wenig Forschung gibt.

Hebammen kommen Frauen und ihren Familien sehr nahe. Dies zeigt sich ganz besonders in der Wochenbettbetreuung, die ab dem zweiten, dritten Tag in der Regel zuhause bei den Frauen stattfindet, oft im Schlafzimmer der Eltern, in Umständen, in denen die Frauen viel Privates, Persönliches preisgeben müssen. Hebammen müssen sich das Vertrauen der Frauen erarbeiten, oftmals bekommen sie von den Frauen einen Vertrauensvorschuss.

Ich glaube, wer an Menschen interessiert ist, dem verschafft es große Befriedigung, dem entgegengebrachten Vertrauen gerecht zu werden.

Gleichzeitig zeigt die Landkarte der Unterversorgung gerade bei der Wochenbettbetreuung einen Hebammenmangel (www.unsere-hebammen.de/mitmachen/unterversorgung-melden/). In einer Pressemeldung vom September der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg heißt es: „Jede siebte Frau in Baden-Württemberg wird nicht mehr von einer Hebamme versorgt, wenn sie drei Tage nach der Geburt das Krankenhaus verlässt.“ (www.landesfamilienrat.de)

Selbstverständlich sind die Ursachen hierfür vielschichtig. Ich bin jedoch davon überzeugt: An den Themen im Wochenbett liegt es nicht, denn die sind so vielfältig wie das pralle Leben selbst.

Ich wünsche Ihnen zwischen den Jahren Zeit und Muße zum Lesen und viel Spaß dabei!

Alles Gute für das neue Jahr 2016 (ab dem Die Hebamme 6-mal erscheint) und herzliche Grüße

Christine Allgeier