Akt Neurol 2015; 42(08): 456-464
DOI: 10.1055/s-0035-1555771
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Myasthenia gravis und Familienplanung: Wie beraten Neurologen ihre Patientinnen?

Myasthenia Gravis and Family Planning: How Do Neurologists Advise Their Patients?
S. Ohlraun
1  NeuroCure Clinical Research Center, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin
,
J. Klehmet
1  NeuroCure Clinical Research Center, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin
2  Integriertes Myasthenie Zentrum, Klinik für Neurologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin
,
U. Grittner
3  Centrum für Schlaganfallforschung Berlin, Klinik für Neurologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin
4  Institut für Biometrie und Klinische Epidemiologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin
,
S. Hoffmann
1  NeuroCure Clinical Research Center, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin
2  Integriertes Myasthenie Zentrum, Klinik für Neurologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin
,
P. U. Heuschmann
5  Institut für Biometrie und Klinische Epidemiologie, Deutsches Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg, Universität Würzburg, Würzburg
,
A. Meisel
1  NeuroCure Clinical Research Center, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin
2  Integriertes Myasthenie Zentrum, Klinik für Neurologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin
3  Centrum für Schlaganfallforschung Berlin, Klinik für Neurologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
04. August 2015 (online)

Zusammenfassung

Ziel: Da die Erstmanifestation der Myasthenia gravis (MG) häufig in die entscheidende Lebensphase der Familienplanung fällt, sind Fragen zur Schwangerschaft von großer praktischer Bedeutung in der Behandlung von MG-Patientinnen. Gegenstand dieser Arbeit war es, das Wissen und Beratungsverhalten zum Thema Familienplanung bei Patientinnen mit MG von niedergelassenen Neurologen sowie Ärzten, die in spezialisierten Myasthenie-Zentren tätig sind, zu erfassen. Dabei wurde unter Anderem untersucht, wie sich das Wissen und Beratungsverhalten beider Arztgruppen auf Grund unterschiedlich großer Erfahrungen mit MG-Patientinnen im gebärfähigen Alter voneinander unterscheiden.

Methodik: Ein Fragebogen bestehend aus demografischen Daten und 15 Vignetten zu den Themen Kinderwunsch, Schwangerschaft, Entbindung und Fruchtbarkeit wurde an alle niedergelassenen Neurologen in Berlin sowie an Ärzte, die in spezialisierten Myasthenie-Zentren tätig sind, verschickt. Die Erhebung fand vollständig anonym statt.

Ergebnisse: Von den niedergelassenen Neurologen wurden 10% und von den Neurologen aus den spezialisierten Myasthenie-Zentren 67% der Fragebögen ausgefüllt zurückgeschickt. Insgesamt betrachtet war die Beratungskompetenz in spezialisierten Zentren höher als in den Niederlassungen; dabei war die Quote falscher Empfehlungen in beiden Arztgruppen sehr niedrig. Die niedergelassenen Neurologen würden entsprechende Fälle häufiger an Kollegen verweisen. Die Beratungskompetenz hing von der indikationsspezifischen Erfahrung des Arztes ab. Diejenigen Medikamente, die hinsichtlich Fruchtbarkeit am häufigsten als unbedenklich eingeschätzt wurden, waren Pyridostigmin, intravenöse Immunglobuline und Steroide. Pyridostigmin und Steroide wurden auch am häufigsten bezüglich Beibehaltung oder Umstellung der Medikation (im Falle eines Kinderwunsches oder einer Schwangerschaft) benannt.

Schlussfolgerung: Die aktive Beratung und Begleitung von betroffenen Patientinnen in den Themen Kinderwunsch, Schwangerschaft, Entbindung und Stillzeit sollten in einem spezialisierten und interdisziplinären Umfeld stattfinden.

Abstract

Aim: Since the onset of myasthenia gravis (MG) often occurs at a crucial stage of life of family planning, questions about pregnancy are of great practical importance in the treatment of MG patients. The aim of this study was to assess the knowledge and counseling behavior of neurologists in outpatient practice and physicians who work in specialized myasthenia centers regarding family planning in patients with MG.

Methods: A questionnaire consisting of demographic data and 15 vignettes on the subjects’ wish for a child, pregnancy, delivery and fertility was sent to all practicing neurologists in Berlin as well as to physicians who work in specialized myasthenia centers. The survey was completely anonymous.

Results: Of the physicians in outpatient practice 10% and of the physicians in specialized centers 67% returned completed questionnaires. Overall, consulting expertise was higher in the specialized centers than in outpatient practices; however, the rate of wrong recommendations was very low in both groups of physicians. The neurologists in outpatient practice would refer appropriate cases more frequently to colleagues. The drugs that were deemed harmless most often with respect to fertility were pyridostigmine, intravenous immunoglobulins and steroids. Pyridostigmine and steroids were also most frequently named in the context of maintaining or changing the medication (in the case of a desire for a child or pregnancy).

Conclusion: Offer of active advice and support for affected patients on the topics of wish for a child, pregnancy, delivery and lactation should take place in a specialized and interdisciplinary environment.