Geburtshilfe Frauenheilkd 2015; 75(4): 335-338
DOI: 10.1055/s-0035-1545981
Geschichte der Gynäkologie
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Berühmte Gynäkologen. Die Litzmannʼsche Obliquität – zum 200. Geburtstag von Carl Conrad Theodor Litzmann (1815–1890)

Matthias David
,
Andreas D. Ebert
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Publikationsdatum:
19. Mai 2015 (online)

Formveränderungen des Beckens können entwicklungsbedingt, traumatisch erworben oder durch Störungen des Stoffwechsels hervorgerufen sein. Ein wesentlicher, den Geburtsverlauf bestimmender Faktor ist die erfolgreiche Anpassung des kindlichen Kopfes an das mütterliche Becken. „In der Schwangerschaft und zu Beginn der Geburt verläuft […] normalerweise die Pfeilnaht des beweglich über dem Beckeneingang stehenden Kopfes häufig näher an der Schamfuge als am Promontorium. Diese […] exentrische (physiologische) Einstellung des Kopfes gleicht sich aber durch die Wehentätigkeit sehr bald aus […]. Scharf davon zu trennen ist die pathologische Hinterbeineinstellung, die dadurch charakterisiert ist, dass der bereits fixierte Kopf mit dem Hinterscheitelbein den Beckeneingang überdacht und die Pfeilnaht nahe der Schamfuge […] verläuft.“ [1] ([Abb. 1]).

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Abb. 1 a und b Vordere (a) und hintere (b) Scheitelbeineinstellung (sog. Litzmannʼsche Obliquität) (aus [2]).

Die Konstellation einer führenden hinteren Scheitelbeineinstellung über oder im Beckeneingang wird als Litzmannʼsche Obliquität (Schrägstellung von lat. obliquus = schräg, schief) bezeichnet. Ein Geburtsstillstand ist die Folge, eine vaginale Spontangeburt letztlich nicht möglich und die Anwendung von Forceps oder Vakuum sind kontraindiziert [3], [4]. Die Diagnose „relatives oder absolutes kephalo-pelvines Missverhältnis“ war laut Berliner Perinatalstatistik 2013 in 6,4 % die Indikation für eine operative Entbindung. Diese Kinder wurden durch Sectio caesarea geboren, wobei Frauen mit wirklichen Beckenfehlformen oder -haltungen heute selten sind. In früheren Jahrhunderten spielten hingegen pathologische Veränderungen des mütterlichen knöchernen Beckens in der Geburtshilfe eine große Rolle. Gemeinsam mit seinem Kieler Amtsvorgänger Gustav Adolph Michaelis (1789–1848) gilt Carl Conrad Theodor Litzmann (1815–1890) als Begründer der modernen Beckenlehre in der Geburtshilfe [5].

C. C. T. Litzmann ([Abb. 2]) wurde am 7. Oktober 1815 als Sohn des angesehenen Arztes Heinrich Carl Friedrich Litzmann in Gadebusch bei Schwerin geboren. Wie Philipp und Hörmann 1955 [5] schrieben, wuchs Litzmann „[…] in der ländlichen Abgeschiedenheit einer mecklenburgischen Kleinstadt unter dem Einfluss von Hauslehrern heran […]“. Die deutschen Klassiker Schiller, Goethe, Jean Paul und Heine, vor allem aber Hölderlin haben ihn offenbar so beeindruckt, dass er „[…] ernsthaft und nachhaltig […]“ eigene dichterische Pläne hatte. Letztlich beugte er sich aber dem Willen des Vaters und begann 1834 ein Medizinstudium in Berlin, wo für ihn der Anatom und Physiologe Johannes Peter Müller (1801–1858) ein prägender Lehrer wurde. 1838 erschien seine Dissertation „De arteriitide“, im April 1839 erfolgte die Approbation als Arzt und Wundarzt, im Oktober 1839 bestand er vor dem Magdeburger Medizinalkollegium die Prüfung in der Geburtshilfe mit dem Prädikat „Sehr gut“. Litzmann entschied sich aber für die akademische Laufbahn und wurde Assistent an der Universitäts-Entbindungsanstalt in Halle, wo er 1837/38 auch Teile seines Studiums absolviert hatte. Schon 1840 habilitierte er sich und erhielt einen Lehrauftrag für „Geburtshilfe, allgemeine Pathologie, Materia medica, Enzyklopädie der Medizin und gerichtliche Medizin“ [5]. Im November 1844 heiratete der junge Privatdozent die Tochter des Hallenser Universitätskurators Marie Delbrück. In diesem Jahr veröffentlichte er auch seine erste große Monografie „Das Kindbettfieber in nosologischer, geschichtlicher und therapeutischer Beziehung“ [6]. Die Qualität dieser Arbeit und der Einfluss Friedrich Ernst Krukenbergs (1871–1946) führten noch 1844 zu einer Berufung als Extraordinarius nach Greifswald, die der 29-jährige Litzmann annahm. Zwei Jahre später wurde er zum ordentlichen Professor für theoretische Medizin berufen. Zu seinem Greifswalder Freundeskreis gehörte u. a. der Jurist Wilhelm von Planck, der Vater des späteren Nobelpreisträgers Max Planck, der später nach Kiel berufen wurde. Weil Litzmann in Greifswald weder klinische Vorlesungen halten noch praktische Geburtshilfe betreiben konnte, wurde die Situation für ihn zunehmend unbefriedigend [7]. Möglicherweise unter Vermittlung seines Freundes von Planck wurde 1848 die Anfrage an ihn gerichtet, ob er das vakante Kieler Ordinariat für Geburtshilfe, Frauen- und Kinderkrankheiten übernehmen wolle. Der vormalige Kieler Ordinarius Gustav Adolph Michaelis hatte sich im August 1848 das Leben genommen, weil er glaubte, seine geliebte Cousine mit dem Kindbettfieber infiziert zu haben [5]. Im April 1849 trat Litzmann die Kieler Stelle an. Die medizinischen Institute wie auch die Gebäranstalt in Kiel waren in einem so schlechten Zustand, dass Litzmann sich wie sein Vorgänger Michaelis – zunächst erfolglos – für einen Klinikneubau einsetzte. Die Herzogtümer Schleswig und Holstein standen damals unter dänischer Verwaltung. Litzmann wurde in Kopenhagen beim zuständigen Minister vorstellig, was schließlich 1854 zur Bewilligung des beantragten Neubaus führte. Das Geld dafür wurde aber erst 5 Jahre später bereitgestellt, sodass die eigentlichen Bauarbeiten erst 1860 beginnen und die neue Kieler Gebäranstalt dann Mitte 1862 eröffnet werden konnte. Litzmann zog mit seiner inzwischen 7-köpfigen Familie in das neben der Klinik erbaute Direktorenhaus ein [5], [7].

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Abb. 2 Porträt von Carl Conrad Theodor Litzmann (1815–1890) (aus [5]).

Ernst Philipp und Georg Hörmann beschrieben in ihrer sehr lesenswerten Studie zum 150-jährigen Bestehen der Kieler Universitätsfrauenklinik die wechselnden Gemütszustände Litzmanns: „[…] Im Übrigen war es in diesen schwierigen Jahren durch den Neubau der Klinik, durch seine ärztliche Tätigkeit und durch grundlegende wissenschaftliche Arbeiten zu einer starken Anspannung bei ihm gekommen. Nicht selten wurde er von schweren Depressionen heimgesucht […]“ [5].

Schon 1851 hatte Litzmann das unvollendete Werk seines Vorgängers Michaelis über das enge Becken beendete und als Buch herausgegeben [8]. Zwar publizierte er auch zu anderen klinisch-wissenschafltichen Problemen wie Eklampsie, Kaiserschnitt, über Operationen von Ovarialtumoren und von Eileiterschwangerschaften [7], die Beckenlehre war aber wohl sein wichtigstes Thema. 1853 erschien – mit einer Widmung zum 50. Doktorjubiläum seines Vaters – Litzmanns grundlegende Arbeit über „Das schräg-ovale Becken mit besonderer Berücksichtigung seiner Entstehung im Gefolge einseitiger Coxalgie“ [9]. 1861 veröffentlichte er die Monografie „Die Formen des Beckens, insbes. des weiblichen Beckens nach Eigenen Beobachtungen und Untersuchungen nebst einem Anhange über Osteomalacie“ [10], die u. a. eine klassische Einteilung der Variationen des weiblichen normalen und des pathologischen Beckens enthält und auf den 3 Kriterien Form, Art und Grad der Beckenverengung beruht [11] ([Abb. 3]). Dieser Monografie folgten in den nächsten Jahren weitere Arbeiten zur Bedeutung des engen Becken in der Geburtshilfe, so in der „Monatsschrift für Geburtskunde“, dem „Archiv für Gynäkologie“ und „Volkmanns Sammlung klinischer Vorträge“. 1871 publizierte er die Arbeit „Über die hintere Scheitelbeineinstellung“, in der es heißt: „[…] Ich beabsichtige in den folgenden Blättern von einer fehlerhaften Einstellung des Kopfes auf das Becken zu reden, welche mir nicht in dem Maasse bekannt zu sein scheint, als sie es ihrer praktischen Wichtigkeit wegen verdient. Ich meine die Vorlagerung des dem Promontorium zugekehrten Scheitelbeins, eine Stellung, die ich in der Kürze wegen: hintere Scheitelbeinstellung nennen will. In den meisten Lehrbüchern ist sie stillschweigend übergangen. Michaelis hat sie einige Male […] beobachtet, hält sie aber für so selten, dass er einer Mittheilung eine besondere Verwahrung gegen die etwaigen Zweifel an der Richtigkeit der Tatsache vorausschickt […]“ [11]. Erst nahezu 20 Jahre später erschien die zusammenfassende Monografie unter dem Titel „Die Geburt bei engem Becken. Nach eigenen Beobachtungen und Untersuchungen“, die Gustav Adolph Michaelis gewidmet ist. Diese enthält im 1. Teil 4 ergänzte und überarbeitete Vorträge, die bereits in den 1870er-Jahren erschienen waren, und im 2. Teil „Drei Vorträge über die Geschichte von der Lehre der Geburt bei engem Becken“. Hier schrieb Litzmann: „[…] Ein […] Haupthindernis für die Erkenntnis der Wahrheit lag darin, dass die älteren Geburtshelfer, wegen mangelnder Einsicht in die Bedingungen und die Gesetze der natürlichen Geburt, sich gewöhnt hatten, in Vielem eine selbständige und ausreichende Ursache schwerer Geburten zu erblicken, dem in der That entweder gar kein, oder ein verhältnismässig untergeordneter Antheil an der Geburtserschwerung zukam. […] In dem Irrthum befangen, dass der Fötus sich selbst durch eigene Kraft gebäre, mussten sie in dem Tode desselben ein Haupthindernis der Geburt erblicken, eine Auffassung, welche ihnen natürlich das wahre Verhältniss verdeckte, wenn der Tod, wie es am häufigsten geschieht, als die Wirkung einer durch Beckenenge erschwerten Geburt eintrat …“ [12]. Im Sommersemester 1885 verabschiedete sich Litzmann mit 4 Vorträgen über die „Erkenntnis und Behandlung der Frauenkrankheiten im Allgemeinen“ [16] von der Studentenschaft, sein langjähriger Schüler Richard Werth (1850–1918) übernahm die Klinik und das Ordinariat.

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Abb. 3 Einige Typen von Beckenanomalien entsprechend der Einteilung von Litzmann: 1 – normales Becken, 2 – gleichmäßig allgemeinverengtes Becken, 3 – plattes Becken, 4 – allgemeinverengtes plattes Becken, 5 – querverengtes Becken, 6 – schräg verengtes Becken, 7 – unregelmäßig verengtes (osteomalazisches) Becken (aus [14]).

Litzmann beschäftige sich in seiner „nachakademischen Lebensphase“ vor allem eingehend mit Friedrich Hölderlin, dessen Gedichte ihn schon früh beeindruckt hatten: „[…] Ich war fast noch ein Knabe, als ich in einer Zeitschrift […] zum ersten Mal etwas über Hölderlin las. Unter den mitgeteilten Gedichten befand sich ein in der Zeit des Irrsinns entstandenes, welches einen besonders tiefen Eindruck auf mich machte, dass ich es nicht vergessen konnte. Erst später lernte ich die Gedichte aus seinen gesunden Tagen kennen, deren Gedankeninhalt verwandte Seiten in mir berührte…“ [15] ([Abb. 4]). Es ist denkbar, dass Litzmanns Vorliebe für Hölderlin auch darauf zurückzuführen ist, dass er in seinen depressiven Zuständen eine Parallele zur Krankheit des Dichters sah. Knobloch geht nach einer ausführlichen Beschäftigung mit der Litzmannʼschen Lebensgeschichte davon aus, dass sich Litzmann lange in einem Konflikt „[…] zwischen seiner Neigung zu Poesie – er fasst die engagierte Beschäftigung mit ihr als seine Berufung auf – und seinem Beruf als Arzt, zu dem ihn sein Vater nötigte […]“, befand [14]. Litzmanns umfangreiche Recherchen zu Hölderlin mündeten in seinem Buch „Hölderlins Leben; in Briefen von und an Hölderlin“, das Ende 1898 in Druck ging. Schon 1888 hatte er in Anerkennung seiner Verdienste um die Hölderlin-Forschung die Ehrendoktorwürde Dr. phil. h. c. der Berliner Universität erhalten. Am 24. Februar 1890 starb Litzmann in Berlin, wohin er 4 Jahre zuvor mit seiner Frau gezogen war [5].

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Abb. 4 Deckblatt des Hölderlin-Buches von C. C. T. Litzmann (aus [13]).

Weh mir, wo nehm ich, wenn

es Winter ist, die Blumen, und wo

den Sonnenschein

und Schatten der Erde?

Die Mauern stehen

sprachlos und kalt, im Winde

klirren die Fahnen. Hölderlin 1804