Psychother Psychosom Med Psychol 2015; 65(07): 273-284
DOI: 10.1055/s-0034-1399897
Fort- und Weiterbildung
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Die Bezugsrahmentheorie – Eine Grundlage zum Verständnis von kontextuellen Psychotherapiemethoden[*]

Relational Frame Theory – A Theoretical Framework for Contextual Behavioral Science
M. Kensche
1  EOS Klinik für Psychotherapie, Münster
,
U. Schweiger
2  Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität zu Lübeck
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Publication History

Publication Date:
09 July 2015 (online)

Zusammenfassung

Therapeuten müssen sich mit verbalen Systemen auseinandersetzen und oft mit verbalem Austausch arbeiten. Deshalb ist eine psychologische Theorie erforderlich, die dem Therapeuten vermittelt, wie er diese Aufgabe bewältigen kann. Die BRT ist eine solche Theorie über menschliche Sprache und Kognition. Sie erklärt, wie Menschen in ihrem verbalen Verhalten Reize miteinander in Beziehung setzen und aufgrund der resultierenden Beziehungen nach ihnen handeln oder auf diese reagieren. Dieses Verhalten wird sehr früh im Verlauf des Spracherwerbs gelernt und fungiert als ein generalisierter Operant. Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit des Menschen zur mentalen Simulation. Dadurch kann er zwischen einzelnen Reizen vielfältige Bezugsrahmen konstruieren. Ohne Bezugsrahmen können Menschen nicht funktionieren. Die Fähigkeit zur Herstellung eines Bezugsrahmens ist die Voraussetzung für die Ausbildung von regelgeleitetem Verhalten. Regelgeleitetes Verhalten ökonomisiert komplexe Entscheidungsprozesse, schafft interpersonelle Sicherheit und ermöglicht es, mit Ereignissen umzugehen, bevor diese stattfinden. Dieselben Eigenschaften, die dem Menschen effektives Problemlösen ermöglichen, können auf der anderen Seite auch zur rigiden Befolgung von Regeln und Erlebnisvermeidung beitragen. Sind Bezugsrahmen einmal hergestellt, überwiegt diese Methode vor anderen Quellen der Verhaltensregulierung. Damit kann sie zur Grundlage von Psychopathologie werden. Schlechte kontextuelle Kontrolle erschwert es dem Menschen, dem gegenwärtigen Augenblick seine flexible, konzentrierte und willensgesteuerte Aufmerksamkeit zu widmen und sein Handeln an der unmittelbaren Gegenwart auszurichten. Kontextuelle Psychotherapiemethoden, die auf der BRT aufbauen, setzen genau an diesem Punkt an: Durch gezielte Etablierung von neuen Kontingenzen in der therapeutischen Interaktion, durch systematische Stärkung des metakognitiven Modus und durch Etablierung von neuen Regeln, die eine Veränderung in regelgeleitetem Verhalten ermöglichen, wird dysfunktionales regelgeleitetes Verhalten unterminiert und gewünschtes Verhalten aufgebaut. Dadurch kann jeder therapeutische Prozess effektiver gestaltet werden – unabhängig von den vorgetragenen Beschwerden der Patienten.

Abstract

Therapists have to deal with verbal systems and often work with verbal exchange. Therefore, a psychological theory is required, which teaches the therapist how to accomplish this task. The BRT is a theory of human language and cognition that explains how people use their verbal behavior as stimuli in their interrelations and how they act and react, based on the resulting relationships. This behavior is learned very early in the course of language acquisition and functions as a generalized operant. A prerequisite for this is the ability of people to undergo mental simulation. This enables them to construct diverse relational frameworks between individual stimuli. Without relational frameworks, people cannot function. The ability to establish a relational framework is a prerequisite for the formation of rule-governed behavior. Rule-governed behavior economizes complex decision processes, creates interpersonal security and enables dealing with events before they take place. On the other hand, the same properties that enable people to solve problems effectively can also contribute to rigid adherence to rules and experience avoidance. Relational frameworks, once established, outweigh other sources of behavioral regulation. Thus, it can become the basis of psychopathology. Poor contextual control makes it difficult for people to devote flexible, focused and voluntary attention to the present and align their actions with the immediate present. Contextual psychotherapy methods that are based on the BRT start precisely at this point: Targeted establishment of new contingencies in the therapeutic interaction through systematic strengthening of metacognitive mode and through the establishment of new rules that make possible a change in the rule-governed behavior enable undermining of dysfunctional rule-governed behavior and build up desirable behavior. This allows any therapeutic process to be more effective – regardless of the patientʼs expressed symptoms.

* Erstpublikation in: Fortschr Neurol Psychiatr 2015; 83: 290–302