manuelletherapie 2014; 18(05): 202-203
DOI: 10.1055/s-0034-1396911
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

OMT-DVMT-Ausbildung 2011–2014 – Ein Erfahrungsbericht

Steffen Klittmann
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
15.Dezember 2014 (online)

In Diskussionen über die OMT-Weiterbildung mit Bekannten und Kollegen wurde ich immer wieder gefragt, wieso ich denn noch mehr Techniken lernen möchte und welchen Nutzen ich darin sehe, zumal OMT keine Leistungsposition der Krankenkassen ist. Fragen, die durchaus berechtigt sind, jedoch auch darauf schließen lassen, dass die Inhalte dieser Ausbildung wenig bekannt sind.

Trotz nach dem Maitland-Konzept erfolgreich absolvierter Zertifikatsausbildung in Manueller Therapie stellten sich mir weiterhin viele Fragen:

  • Wie kann ich im klinischen Alltag Prognosen für meine Patienten ableiten?

  • Wie kann ich klinische Muster schnell und sicher erkennen?

  • Kenne ich überhaupt genügend klinische Muster?

  • Wie erkenne ich beitragende Faktoren und Risikofaktoren, die die Patienten mitbringen und wie erkenne ich deren Einfluss auf meine Behandlung und die Prognose?

  • Darf ich in Deutschland Patienten manipulieren?

  • Wo sind die Grenzen der Manuellen Therapie/Physiotherapie?

  • Wie kommuniziere ich mit „schwierigen“ Patienten?

  • Wie können aktive Übungen und Trainingstherapie optimal in die Rehabilitation eingebracht werden?

Auch in Gesprächen mit berufserfahrenen Kollegen wurden mir diese Fragen oft unbefriedigend beantwortet. Somit suchte ich nach Antworten und hoffte, sie in der OMT-DVMT-Weiterbildung zu finden. Um mir einen Überblick zu verschaffen, kontaktierte ich einige „OMT-ler“ und tauschte mich mit ihnen über genaue Inhalte aus. Schnell wurde mir klar, dass ich Antworten auf oben genannte Fragen bekommen würde, sollte ich mich für die durchaus teure und zeitintensive Ausbildung entscheiden.

Am 09.11.2011 startete schließlich meine Reise durch die OMT-DVMT-Ausbildung in Enzensberg. Mit mir waren 8 weitere wissbegierige Physiotherapeuten angereist. Über die Zeit verteilt hatten wir 6 Kurswochenenden mit wissenschaftlich theoretischen Inhalten. Hierbei war ein zentrales Thema Literaturbeschaffung und deren Interpretation, Statistik und das Schreiben eigener Artikel. Weiterhin bekamen wir eine Einführung in subgruppenbasierende Diagnostik und Therapie bei Patienten mit lumbalen Rückenschmerzen. Dem Thema Schmerz wurde viel Zeit gewidmet: Schmerzmechanismen, Chronifizierungsprozesse, psychosoziale Faktoren und das dahinter stehende Management wurden detailliert dargestellt, und es ergaben sich spannende Diskussionen. Das letzte Kurswochenende war dem Thema Medical Screening und Medical Science gewidmet. Hierbei wurden relevante Inhalte bezüglich Erstkontaktsituationen geschult.

Der 2. große Pfeiler der OMT-DVMT-Ausbildung besteht nach der Absolvierung der IMTA-Kursreihe Level 2b und 3 aus der praktischen klinischen Mentored Clinical Practice (MCP). Dabei handelt es sich um Patientenuntersuchungen und -behandlungen unter der Supervision erfahrener und speziell geschulter Therapeuten. Diese 150 Stunden führten IMTA-Lehrer und DVMT-zertifizierte Supervisoren durch. Zunächst eine ungewohnte Situation, schauten mir doch nicht nur die Lehrer, sondern auch 2 Mitstreiter sehr genau auf die Finger. Das Feedback nach den Behandlungen war anfänglich zwar manchmal ernüchternd, aber sehr aufschlussreich. Viele Dinge laufen im Praxisalltag automatisiert und unreflektiert ab, daher war es für mich ungewohnt, sich hinter jedem Patienten das Clinical Reasoning bewusst zu machen und sich immer wieder selbst zu hinterfragen: Habe ich ein klinisches Muster erkannt? Wie kann ich es gegen andere Muster abgrenzen? Was sind beitragende Faktoren? Welche Tests sind für dieses Patientenproblem relevant, und wie hoch darf die Dosierung der Untersuchung und Behandlung sein?

Auch die Kommunikation zwischen den Patienten und mir wurde beurteilt. Effektive Dokumentation während der Anamnese und Untersuchung, Wiederholung unterschiedlicher Techniken, Feedback geben – , das alles waren Themen bei den Supervisionen. Nach den anstrengenden Tagen war mir klar, dass ich genau danach gesucht hatte.

Die letzten Monate widmeten wir uns dem Recherchieren und Schreiben der Abschlussthesis. Hier erstellte ich eine Delphi-Studie zur Formulierung eines physiotherapeutischen Klassifikationsschemas –, eine sehr spannende und erkenntnisreiche Zeit für mich und alle Beteiligten. Die Ergebnisse werden hoffentlich auch bald veröffentlicht und unter den Lesern zu kreativen Diskussionen führen.

Am 29. März 2014 fand unsere Abschlussprüfung in München statt. Selten war ich vor einer Prüfung so nervös. Zuerst präsentierte ich meine Abschlussarbeit und diskutierte diese mit den Prüfern. Ein positiver Einstieg, der mich sehr beruhigte. Im Anschluss hatte ich eine Patientenuntersuchung und -behandlung mit 3 Prüfern. Es folgten die ärztliche Prüfung und die Besprechung der Untersuchung und Behandlung meines Patienten sowie des dahinterstehenden Clinical Reasonings. Gegen Ende des Tages fand die Technikprüfung gegenseitig sowie an den Lehrern statt. Gegen 18 Uhr war es dann endlich soweit: uns allen wurde der Titel „OMT-DVMT“ verliehen, wir hatten alle die Prüfung bestanden ([ Abb. 1 ]).

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Abb. 1 Teilnehmer und Lehrer nach der bestandenen Abschlussprüfung.

Die OMT-Weiterbildung war eine sehr anstrengende, aber lehrreiche Zeit, die ich nicht missen möchte. Sie wurde von vielen guten Gesprächen und leckerem Essen mit Kollegen und Dozenten begleitet. Unsere Partner und Familien mussten zwar auf Zeit mit uns verzichten, auch das ein oder andere Extrakilo musste akzeptiert werden, aber es hat sich gelohnt: Meine klinische Mustererkennung ist viel besser geworden. Ich habe gelernt, mehrere Hypothesen parallel zu verfolgen und sie entweder zu bestätigen oder zu verwerfen. Auch in Bezug auf das Erkennen von Red Flags und den Umgang mit chronischen Schmerzpatienten bin ich sehr viel sicherer geworden. Diese Kompetenzen nehmen auch die Patienten wahr. Von den Supervisionen und den Heimarbeiten habe ich am meisten profitiert. Somit kann ich sagen, dass sich meine Erwartungen an diese Weiterbildung erfüllten.

Aus unterschiedlichen Gründen haben uns im Lauf der Weiterbildung 4 Kollegen verlassen. Vielen Dank für eine geniale Zeit an: Benjamin Ehinger, Frank Seipel, Frank Schuhmacher und Oliver Endreß ebenso wie an alle Lehrkräfte der IMTA sowie die Dozenten des DVMT, die stets ein offenes Ohr hatten und uns in dieser Zeit forderten und förderten.