Krankenhaushygiene up2date 2014; 09(02): 109-121
DOI: 10.1055/s-0034-1377297
Antibiotikaanwendung
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Antibiotika und Antibiotikaresistenz – Infektionskrankheiten und ihre Kontrolle im 20. Jahrhundert

Christoph Gradmann
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Publication Date:
17 June 2014 (online)

Kernaussagen
  • Die medizinische Bakteriologie des späten 19. Jahrhunderts erkannte ansteckende Krankheiten neuartig als bakterielle Infektionen und ermöglichte damit erst die Entwicklung von Antibiotika.

  • Infektionskrankheiten verloren erst Mitte des 20. Jahrhunderts ihren Charakter als existenzielle Bedrohung ganzer Gesellschaften und wurden zu einem handhabbaren Problem einzelner Patienten.

  • Eine der ersten medizinisch wie kommerziell erfolgreichen Entwicklungen antiinfektiver Substanzen betraf den Erreger der Syphilis, die Spirochäten. Das Präparat wurde unter dem Namen Salvarsan ab 1910 von der Firma Hoechst vermarktet.

  • Der Durchbruch zur modernen antiinfektiösen Therapie wird im Allgemeinen mit den fungalen Antibiotika assoziiert; sie begann im Grunde jedoch schon einige Jahre zuvor mit den Sulfonamiden und der später etwas in Vergessenheit geratenen Serumtherapie.

  • Bereits Paul Ehrlich kam zu dem Schluss, dass resistente Erregerstämme nicht etwa durch Mutation neu entstanden, sondern durch eine durch das Medikament induzierte Selektion gewissermaßen sichtbar geworden waren. Er prägte damit das moderne Verständnis der Arzneimittelresistenz.

  • Die gesundheitliche Situation der Bevölkerung besserte sich gravierend zwischen den beiden Weltkriegen, obwohl keine bedeutenden Neuentwicklungen in der antiinfektiven Therapie stattgefunden hatten: Impfungen und unspezifische Hygiene erwiesen sich als sehr wirksam; Tuberkulose, Cholera, Kindbettfieber z. B. wurden deutlich eingedämmt.

  • Ab 1942 wurde Penicillin industriell produziert. Zum Zeitpunkt der alliierten Landung in der Normandie im Juni 1944 stand bereits genug Penicillin für das alliierte Militär zur Verfügung, wobei es allerdings zunächst weniger in der Therapie verletzter Soldaten als vielmehr zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten eingesetzt wurde. Mit Kriegsende wurde Penicillin dann auch für die zivile Medizin in ausreichenden Mengen verfügbar.

  • Das bekannte und immer wieder beklagte Phänomen, dass eine große Menge Antibiotika in der Allgemeinpraxis bei Erkältungskrankheiten mit unsicherem mikrobiologischem Befund verschrieben wird, hat seinen Ursprung in der Vermarktung des oralen Penicillin V ab 1952.

  • Der resistente Staphylococcus aureus entwickelte sich im Verlauf der 1950er Jahre zu einer Herausforderung, die die Geschichte der Antibiotikaresistenz für lange Zeit prägen sollte.

  • Ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde erkannt, dass der massenhafte Einsatz von Antibiotika zwar dem einzelnen Patienten Nutzen gebracht, aber zugleich das Krankenhaus durch Übertragung antibiotikaresistenter Mikroorganismen in einen gefährlichen Ort verwandelt hatte.

  • Der daraus resultierenden Notwendigkeit gehorchend wurden die diagnostischen Möglichkeiten hinsichtlich Grad der Resistenz oder Empfindlichkeit des Erregers in der Folgezeit erheblich verfeinert.

  • Kommerzielle Interessen der Pharmaindustrie potenzierten das Problem der Antibiotikaresistenz: Die von der 1. Generation der Antibiotika geschaffenen Probleme wurden zu Marktnischen, für die es Medikamente zu entwickeln galt. Entsprechend kam es in den 1960er Jahren zur Markteinführung einer ganzen Reihe neuartiger Antibiotika, die z. T. spezifisch auf die Penicillinresistenz zugeschnitten waren, u. a. Methicillin, dem wir heute den MRSA „verdanken“.