Z Phytother 2014; 35(04): 178-182
DOI: 10.1055/s-0034-1371739
Praxis
Atemwegsinfektionen
© Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Inhalationen mit ätherischen Ölen bei chronischen Atemwegsinfektionen

Wolfgang Steflitsch

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Publication Date:
01 September 2014 (online)

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In der Lungenheilkunde besitzt eine der zahlreichen praktischen Anwendungen von ätherischen Ölen eine ganz besondere Bedeutung: die Inhalation. Wenn sehr empfindsamen Menschen und Lebensaltern besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, dann ist die Inhalation von ätherischen Ölen eine sichere und zuverlässige Behandlung oder Vorbeugung von bronchopulmonalen Krankheitsbildern. Ätherische Öle können dabei als Vielstoffgemische mehrere günstige Effekte auslösen, sie können antiinflammatorisch, antiobstruktiv, mukolytisch, antiviral, antibakteriell, antimykotisch, epithelregenerierend wirken.

Die medizinische Aromatherapie erweitert die Behandlungsmöglichkeiten des niedergelassenen ebenso wie die des Lungenfacharztes. Einerseits können Inhalationen mit ätherischen Ölen ab dem 6. Lebensjahr (Aufsicht einer Vertrauensperson!) bis in das hohe Alter durchgeführt werden ([ Abb. 1 ]). Es wird dabei gewährleistet, dass sich die Wirkstoffe in den Atemwegen gut verteilen und dort direkt ihre Wirkungen – ohne Interaktionen mit anderen Arzneimitteln – entfalten können. Dieser Umstand ist von besonderer Bedeutung bei Patienten mit chronischer Kolonisation bzw. Infektion der Atemwege, z.B. bei fortgeschrittener chronisch obstruktiver Bronchitis (COPD III–IV B/D).

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Abb.1: Ob chronisch oder akut: Kinder ab 6 Jahre können bei Infekten der Atemwege mit ätherischen Ölen inhalativ behandelt werden, mit Einreibungen und Kompressen auch schon früher.
© Wolfgang Steflitsch

Ab dem Kleinkindesalter kann die medizinische Aromatherapie mittels Einreibungen, sanften Massagen und Kompressen angewendet werden, allerdings ist dabei auf die richtige Auswahl und Dosierung der ätherischen Öle sehr sorgfältig zu achten.

Die Dosierung gilt für Erwachsene zwischen dem 16. und 70. Lebensjahr. Für Kinder zwischen dem 10. und 16. und für Senioren ab dem 70. Lebensjahr wird die halbe Tropfenanzahl an ätherischen Ölen empfohlen, für Kinder zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr ein Viertel der genannten Tropfenzahl.

Kontraindikationen: Keine Inhalationen mit ätherischen Ölen dürfen bei einer akuten Exazerbation einer obstruktiven Atemwegserkrankung (Asthma bronchiale, COPD) oder bei einer schweren Überempfindlichkeit der tiefen Atemwege (bronchiale Hyperreaktivität) durchgeführt werden.

Praxis der Inhalation

Inhalationen können auf traditionelle Art (1–2 Liter heißes Wasser + 1 Teelöffel Meersalz + 3–6 Tropfen ätherische Öle; Öle in Meersalz geben, dann im heißen Wasser gut verrühren; Badetuch über den Kopf; ein oder mehrmals täglich 5–15 min inhalieren; danach 15–30 min ruhen) angewendet werden ([ Abb. 2 ]). Inhalation auf traditionelle Art sollten erst ab dem 6. Lebensjahr durchgeführt werden und dann im Beisein einer erwachsenen Bezugsperson.

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Abb.2: Staphylococcus aureus im Agardiffusionstest.
© CDC Public Health Image Library/Don Stalons

Inhalationen können auch mittels Inhalator (z.B. Pari Boy® oder Bronchi-soft®) durchgeführt werden. Dazu mischt man die ausgewählten ätherischen Öle in einem 5 oder 10 ml Fläschchen (Braun- oder Blauglas). Pari Boy® (ab 16. Lebensjahr): 1 Tr. Ätherischölmischung mit 5–7 ml Kochsalzlösung (NaCl 0,9%) in den Vernebler füllen, 5–15 min inhalieren. Bronchi-soft® (ab 16. Lebensjahr): 1–2 Tr. Ätherischölmischung mit 30 ml Kochsalzlösung (NaCl 0,9%) in den Inhalatbecher füllen, 10–20 min inhalieren.


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In-vitro-Studien mit ausgewählten ätherischen Ölen

Ein wichtiger Angriffspunkt von ätherischen Ölen auf Krankheitserreger ist die Zellmembran ([1]). Dort kommt es in der Folge zu osmotischen Veränderungen ([2]). Bereits 1960 wurde die antibakterielle Aktivität von 133 ätherischen Ölen in vitro analysiert ([3]). Als Untersuchungsmaterial dienten 6 häufig vorkommende Bakterienarten, nämlich Escherichia coli, Staphylococcus aureus, Bacterium subtilis, Streptococcus faecalis, Salmonella typhosa und Mycobacterium avium. Bei 71% der getesteten Öle konnte eine nennenswerte Wirkung gegen M. avium beobachtet werden, bei 19% gegen B. subtilis, bei 14% gegen S. aureus, bei 12% gegen S. faecalis und bei 6% gegen E. coli.

Sehr gute antibakterielle Wirkungen besitzen auch Majoran (Origanum majorana), Muskatellersalbei (Salvia sclarea), Muskatnuss (Myristica fragrans), Oregano (Origanum vulgare), Pfeffer schwarz (Piper nigrum), Rosengeranie (Pelargonium × graveolens), Salbei (Salvia officinalis) und Thymian (Thymus vulgaris Ct. Thymol) ([4]–[6]). In diesen Arbeiten konnten Pseudomonas aeruginosa, Salmonella pullorum, Yersinia enterocolitica, Staphylococcus aureus, S. epidermidis und E. coli erfolgreich gehemmt werden.

Eukalyptus: In einer von Zakarya et al. veröffentlichten Untersuchung zeigte das ätherische Öl des Zitroneneukalyptus (Eucalyptus citriodora) eine starke antibakterielle Wirkung gegen E. coli, B. megaterium und S. aureus ([7]). Von den insgesamt 21 geprüften Eukalyptusölen konnte für E. cladocalyx die stärkste Wirkung beobachtet werden. Die bei uns oftmals verwendete Eukalyptusöle, wie E. globulus, E. smithii und E. radiata, zählten nicht zu den Prüfkandidaten.

Damit Teebaumöl seine ausgezeichnete antimikrobielle Wirkung gegen Pseudomonas aeruginosa zeigen kann, wird der Zusatz von Polymyxin-B-Nonapeptid (PMBN) benötigt. Mit dessen Hilfe kann das Teebaumöl die äußere Bakterienmembran durchdringen ([8]). Auch andere ätherische Öle profitieren bei der Bekämpfung von Pseudomonaden von PMBN. Laut Saller et al., Universitätsspital Zürich, genügt eine Teebaumöl-Konzentration von 0,25%, um Staphylococcus aureus, Escherichia coli und zahlreiche andere Bakterien abzutöten; Pseudomonas aeruginosa zeigte sich dagegen resistent, allerdings wurde kein PMBNZusatz verwendet ([9]).

Im Jahr 2001 unternahmen Caelli et al. an 30 Patienten mit Methicillin-resistenten Staphylococcus-aureus-(MRSA)-Infektionen eine Vergleichsstudie zwischen Mupirocin- 2%-Nasensalbe und Triclosan-Körperwaschung einerseits sowie einer Nasensalbe mit 4% Teebaumöl und einer Körperwaschung mit 5% Teebaumöl andererseits ([10]). Die medizinische Aromatherapie konnte in dieser Untersuchung ihre Ebenbürtigkeit bestätigen.

Sherry et al. berichteten von einem erfolgreichen Einsatz der antiseptischen Ätherischöl- Mischung Polytoxinol® (Zitronen-, Lemongras-, Eukalyptus-, Teebaum-, Gewürznelkenblatt-, Thymianöl) bei einem 49-jährigen Mann mit chronischen MRSAOsteomyelitis nach offener Fraktur seines linken Schienbeins ([11]). Durch diese Lokaltherapie konnte nach Versagen der konventionellen antibiotischen Behandlung eine Amputation verhindert und eine erfolgreiche Antibiose und Wundheilung initiiert werden.


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Aromatogramm

Nahezu jedes mikrobiologisches Labor kann einen Agardiffusionstest (Aromatogramm) durchführen und damit die antimikrobielle Wirkung ausgewählter ätherischer Öle auf unterschiedliche Proben mit Krankheitserregern testen. Mithilfe ätherischer Öle von hoher Qualität können langfristige Antibiotikatherapien vermieden und die Resistenzsituation verbessert werden ([9]–[15]). Zu den antimikrobiell erfolgreichen ätherischen Ölen gehören Eukalyptus (Eucalyptus globulus), Manuka (Leptospermum scoparium), Nelkenknospe (Syzygium aromaticum), Teebaum (Melaleuca alternifolia) und Thymian (Thymus vulgaris Ct. Thymol et Thujanol), die auch gegen Problemkeime wie ESBL-(extended spectrum beta-Lactamasen)-bildende Keime und MRSA wirksam sind.

Etwas teurer, aber noch aussagekräftiger ist der Reihenverdünnungstest. Diese Untersuchungsmethode erfolgt in flüssigen Nährmedien und ermöglicht neben der Ermittlung der wirksamen Öle auch die Bestimmung der keimhemmenden bzw. keimtötenden Konzentration.


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Modellversuch Atemwege

Inouye et al. ([16]) untersuchten in einem luftdicht verschlossenen Behälter auf mehreren Agar-Medien die Wirkung von 14 ätherischen Ölen und ihren Hauptinhaltsstoffen auf eine Reihe klinisch relevanter Atemwegsbakterien (Haemophilus influenzae, Streptococcus pyogenes, S. pneumoniae, Penicillin-resistente S. pneumoniae, Staphylococcus aureus). Im Rahmen von zweifachen Verdünnungsserien lagen die Konzentrationen der Testöle zwischen 7,8 und 4000 mg/ml.

Unabhängig von der Resistenzsituation gegenüber Penicillin demonstrierten alle ätherischen Öle eine antibakterielle Aktivität, die von Haemophilus influenzae über Streptokokken bis S. aureus leicht abnahm. Lemongras ostindisch (Cymbopogon flexuosus), Thymian (Thymus vulgaris Ct. Thymol et Carvacrol) sowie Zimt (Cinnamomum verum cort.) erwiesen sich als am wirksamsten mit einer minimalen Hemmkonzentration (MHK) < 12,5 mg/l Luft. Zwischen den MHK der Hauptinhaltsstoffe und der korrespondierenden ätherischen Öle gab es keine signifikanten Unterschiede

Das Ausmaß der antibakteriellen Aktivität (MHK-Werte) war eng mit der Verdunstung der ätherischen Öle assoziiert. Die Absorption der flüchtigen Komponenten oder anderer Inhaltsstoffe in das Agar-Medium unterstützt die antibakterielle Wirkung in Abhängigkeit von ihrer Lipophilie, Flüchtigkeit und Stabilität. Die Ergebnisse dieser Studie weisen darauf hin, dass der effektivste Weg für die Behandlung von Atemwegsinfektionen eine Inhalation von ätherischen Ölen in relativ hoher Konzentration über eine kurze Zeitspanne ist.


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Anwendungen auf Brust und Rücken

Einreibungen oder sanfte Aromamassagen mit Aromaölmischungen, Balsam oder Salben werden auf der Brust und/oder am Rücken durchgeführt. Bei einer warmen Ölkompresse wird die Mischung aus fettem Pflanzenöl und ätherischen Ölen auf einem Baumwolltuch aufgetragen. Durchführung:

  • 1–2 Esslöffel der Mischung auf das mehrfach gefaltete Baumwolltuch geben

  • Kompresse in Butterbrotpapier oder Plastikbeutel legen und mit einer Wärmflasche erwärmen

  • Rohwollkissen erwärmen

  • Ölkompresse direkt (ohne Plastikbeutel) auf die betroffene Stelle legen

  • Mit dem Rohwollkissen oder einem weichen Tuch abdecken und mit Bekleidung fixieren.

Für die Vorbeugung werden die Anwendungen einmal täglich bis dreimal pro Woche empfohlen, für die Behandlung zweibis dreimal pro Tag, Kompressen einmal täglich.


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Akute Bronchitis, chronische Bronchitis, chronisch obstruktive Bronchitis (COPD) ([18])

Schleimlösende und entkrampfende ätherische Öle: Anis, Atlaszeder, Dill, Douglasie, Eukalyptus, Fenchel, Kamille deutsch, Lavendel, Meerkiefer, Myrte, Oregano, Pfefferminze, Teebaum, Thymian, Weihrauch, Ysop, Zitrone, Zypresse.

Hustenreiz stillende ätherische Öle: Anis, Benzoe, Lavendel, Myrte, Myrrhe, Oregano, Salbei, Thymian.

Aromaölmischung BR1

8 Tr. Atlaszeder, 5 Tr. Lavendel, 8 Tr. Myrte Ct. Cineol in 100 ml Sesamöl; alternativ Anis, Kamille blau, Lorbeer, Majoran, Sandelholz, Zypresse.


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Warme Ölkompresse BR2

8 Tr. Eucalyptus globulus/radiata/smithii, 8 Tr. Lavendel, 12 Tr. Myrte Ct. Cineol, 6 Tr. Pfefferminze,14 Tr. Thymian Ct. Thymol (für Kinder Ct. Linalool), 10 Tr. Zitrone in 100 ml Mandelöl.


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Aromaölmischung BR3

12 Tr. Alant/Thymian (Thymus vulgaris Ct. Linalool), 8 Tr. Atlaszeder/Niaouli/Sandelholz, 10 Tr. Benzoe/Myrte Ct. Cineol/Weihrauch in 100 ml Johanniskrautmazerat.


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Einreibung, Massage oder warme Kompresse BR4

8 Tr. Atlaszeder, 10 Tr. Lavendel, 4 Tr. Nelkenöl in 100 ml Sesamöl.

Anwendung: 2–3× täglich sanfte Einreibung auf Brust und/oder Rücken bzw. als Kompresse.


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Inhalation BR5

Zitroneneukalyptus oder Lorbeer, Teebaum oder Thymian Ct. Thymol (für Kinder Ct. Linalool) oder Latschenkiefer, Zitrone zu gleichen Teilen.

Anwendung: 1–3× täglich Inhalationen mit einer Mischung aus 2–4 ätherischen Ölen auf traditionelle Art oder mit Inhalationsgerät.


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Bakterielle Kolonisation der Atemwege bei COPD III–IV (B/D) bzw. bei Mukoviszidose ([18])

Antimikrobiell wirksame ätherische Öle: Berg-Bohnenkraut (Satureja montana) ([ Abb. 3 ]), Eukalyptus (Eucalyptus ssp.), Kamille deutsch (Matricaria recutita), Kanuka (Kunzea ericoides), Manuka (Leptospermum scoparium), Niaouli (Melaleuca viridiflora), Oregano (Origanum vulgare), Sommer- Bohnenkraut (Satureja hortensis), Steinquendel (Calamintha nepeta), Teebaum (Melaleuca alternifolia), Thymian (Thymus vulgaris Ct. Thymol et Thujanol), Thymian kopfig (Thymus capitatus).

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Abb.3: Spielt bisher nur in der Aromatherapie eine Rolle: Berg-Bohnenkraut (Satureja montana).
© Nova/Wikimedia Commons

Inhalation K1

Anwendung: 1–3× täglich Inhalationen mit einer Mischung aus 2–4 ätherischen Ölen auf traditionelle Art oder mit Inhalationsgerät als antimikrobielle Monotherapie oder als Ergänzung zur konventionellen antibiotischen Behandlung.


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Lungenentzündung (Pneumonie) ([18])

Antimikrobiell wirksame ätherische Öle: Berg-Bohnenkraut (Satureja montana), Eukalyptus (Eucalyptus ssp.), Kamille deutsch (Matricaria recutita), Kanuka (Kunzea ericoides), Manuka (Leptospermum scoparium), Melisse (Melissa officinalis), Oregano (Origanum vulgare), Ravintsara (Cinnamomum camphora Ct. 1,8-Cineol), Rosmarin (Rosmarinus officinalis Ct. Cineol), Sommer- Bohnenkraut (Satureja hortensis), Steinquendel (Calamintha nepeta), Teebaum (Melaleuca alternifolia), Thymian (Thymus vulgaris Ct. Thymol et Thujanol), Thymian kopfig (Thymus capitatus).

Inhalation P1

Anwendung: 2–3× täglich Inhalationen mit einer Mischung aus 2–4 ätherischen Ölen auf traditionelle Art oder mit Inhalationsgerät als Ergänzung zur konventionellen antibiotischen Behandlung.


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Aromaölmischung P2

8 Tr. Cajeput, 4 Tr. Latschenkiefer, 12 Tr. Lavendel, 4 Tr. Teebaum, 8 Tr. Thymian Ct. Thymol (bei Kindern Ct. Linalool) in 100 ml Sesamöl.


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Aromaölmischung P3

4 Tr. Benzoe, 8 Tr. Eucalyptus radiata, 10 Tr. Lavendel, 6 Tr. Myrte Ct. Cineol, 8 Tr. Ravintsara in 100 ml Sesamöl.

Anwendung: 2–3× täglich sanfte Einreibung auf Brust und/oder Rücken als Ergänzung zur konventionellen antibiotischen Behandlung.

Cave! Diese Anwendungen sind für Patienten mit Bluthochdruck und Asthma bronchiale, die nicht gut unter Kontrolle sind, nicht geeignet.


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