Klin Neurophysiol 2014; 45 - V23
DOI: 10.1055/s-0034-1371202

Strukturelle Veränderungen durch Musiktherapie bei akutem Tinnitus – Ergebnisse einer VBM

M Grapp 1, J Daneshvar-Talebi 2, CM Krick 2, PK Plinkert 3, HV Bolay 1
  • 1Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung, Heidelberg, Deutschland
  • 2Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie der Universität des Saarlandes, Homburg, Deutschland
  • 3Hals-Nasen-Ohrenklinik der Universität Heidelberg, Heidelberg, Deutschland

Einleitung: Für Patienten mit akutem Tinnitus wurde ein musiktherapeutischer Behandlungsansatz entwickelt, der sowohl an den neuronalen Ursachen der Tinnitusentstehung als auch an den symptomerhaltenden Krankheitsverarbeitungsmustern der Patienten ansetzt.

Ziele: In dieser Studie wurde überprüft, ob die Musiktherapie neben einer subjektiven Reduktion der Tinnitusbelastung auf neuronaler Ebene zu strukturellen Veränderungen führt.

Material/Methode: In die Studie aufgenommen wurden n = 42 Patienten mit akutem Tinnitus sowie n = 22hörgesunde Probanden (Kontrollgruppe, KG). Die Tinnituspatienten wurden randomisiert einer Treatmentgruppe (TG) und einer Wartegruppe (WG) zugeteilt. Alle Studienteilnehmer durchliefen die Musiktherapie, eine psychologische Verlaufsdiagnostik sowie zwei fMRT-Untersuchungen im Abstand von 7 Tagen. Patienten/Probanden der TG (n = 20) und der KG erhielten die Musiktherapie zwischen den fMRT-Untersuchungen, bei Patienten der WG (n = 22) fand die Musiktherapie nach der zweiten fMRT-Untersuchung statt. Die Veränderungen in der grauen Substanz (GM) wurden mittels struktureller VBM-Analyse untersucht.

Ergebnisse: Im Vergleich zwischen TG und WG (allgemeine Musiktherapie-Effekte) wiesen 3 Regionen auf Cluster-Niveau signifikante GM-Veränderungen auf: (1) medial prämotorische Zentren (SMA beidseits) und angrenzende Areale auf dem Cingulum, (2) Präcuneus und angrenzendes posteriores Cingulum (beidseitig) sowie (3) rechter Heschl-Gyrus. Ein weiterer Vergleich zwischen TG und KG (tinnitusspezifische Therapieeffekte) ergab eine signifikante GM-Zunahme im rechten auditorischen Kortex.

Zusammenfassung: Es konnte gezeigt werden, dass die Musiktherapie in kurzer Zeit zu Veränderungen in Arealen des Default-Mode- und Aufmerksamkeitsnetzwerks sowie zu gezielten Veränderungen im auditorischen Kortex führen kann. Diese beobachtete Plastizität im auditorischen Kortex könnte die von den Patienten geschilderte Variabilität des Tinnitus während Musiktherapie erklären.